Rosenheims neuer Kulturreferent Wolfgang Hauck: „Fördern, beraten und vernetzen“

„Für mich ist Kultur mehr als nur Genuss, sie ist sozialer Kitt!“, sagt Rosenheims neuer Kulturreferent Wolfgang Hauck. Janka
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„Für mich ist Kultur mehr als nur Genuss, sie ist sozialer Kitt!“, sagt Rosenheims neuer Kulturreferent Wolfgang Hauck.
  • vonRainer W. Janka
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Rosenheim – Seit Februar ist Wolfgang Hauck, der neue Leiter des Kulturamtes Rosenheim, im Dienst. Die Corona-Pandemie hat ihm einen schlechten Start beschert – die Kultur lässt wohl am längsten darauf warten, aktiv werden zu dürfen.

Nach den obligatorischen 100 Tagen zeigt er sich im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen gut vorbereitet und hat deutliche Vorstellungen von seiner Amtstätigkeit.

Herr Hauck, seit Februar sind Sie in Ihrem Amt. Wie fühlen Sie sich derzeit?

Wolfgang Hauck:Hin- und hergerissen – weil man natürlich einen gewissen Tatendrang hat, aber auch sieht, was gerade passiert und wie es dabei der Szene geht. Es hat aber auch was Positives, weil man gut und schnell ins Gespräch kommt. Da bin ich sehr dankbar für die Offenheit. Das ist eine schwierige Zeit, es ist aber auch ein Lichtblick, wenn ich sehe, dass unsere Kulturschaffenden wirklich noch Kraft haben – was mir auch wieder Kraft gibt.

Wie lief die Einarbeitung durch Ihren Vorgänger Robert Berberich?

Hauck: Wir durften uns drei Monate harmonisch austauschen, dafür bin ich sehr, sehr dankbar, auch dafür, dass er mir Raum gegeben hat, mit den Kulturschaffenden Kontakt aufzunehmen und im Februar Veranstaltungen zu besuchen. Für mich war das sehr spannend, diese 24 Jahre Robert Berberich als Kulturreferent. Diesen Erfahrungsschatz, dieses Wissen, diese Quelle habe ich genossen und aufsaugen dürfen.

24 Jahre – Sie werden ihn aber toppen! (Anmerkung der Redaktion: Hauck ist 35 Jahre alt).

Hauck: Ja, das werden 31 Jahre, wenn man so rechnet! (lacht herzhaft). Aber es geht nicht um den Zeitraum, sondern was man darin wirkt und wirken darf. Das ist das Tolle an Rosenheim, dass wir da eine unheimlich starke künstlerische Szene haben. Meine Aufgabe sehe ich darin, dass ich die Engagierten unterstütze und ihre Tätigkeit ermögliche.

Hat er Ihnen einen besonderen Rat gegeben?

Hauck: Nicht ausgesprochen, sondern es ist sein Wesen, die Art, wie er mit Leuten spricht. Um es auf einen Begriff zu bringen: Die Kunst selber wirken lassen und nicht der Kunst vorwegstehen.

Sie sind der Chef für viele städtischen Kulturinstitutionen: Museum, Galerie, Stadtarchiv, Holztechnisches Museum, Stadtbibliothek, Volkshochschule: Wie sind Sie da empfangen worden und wie ist die Zusammenarbeit?

Hauck: Man ist da immer im Austausch. Man muss wissen, was geschieht in diesen Einrichtungen, was ich unterstützen und wie ich für diese Einrichtungen auch ringen kann, auch in die Politik hinein, das ist meine Aufgabe. Auch in dieser Corona-Phase: Da darf und muss man neue Wege gehen. Zum Beispiel in der Volkshochschule: Dieses Sommertrimester kann einfach nicht stattfinden, auch wenn man hofft, vielleicht im Juni einige Kurse anbieten zu können. Trotzdem ist ein unheimlicher Gestaltungswille da. Die digitale Angebotsplattform „vhs.daheim“, aber auch die Arbeit der Galerie, der Bibliotheks-Medienlieferdienst – das war für mich noch einmal die Bestätigung, dass ich gerne Kulturreferent bin. Es sind gut geführte, innovative Häuser, man merkt den Sachverstand, sie sind willig für Innovationen und weise agierend und dies alles in einer sehr menschlichen Kommunikation. Ich fühle mich also sehr wohl und sehr gut empfangen und bewundere die große Bandbreite dieser Institutionen.

Ihnen obliegt die „finanzielle Förderung kultureller Aktivitäten in Rosenheim“: Haben Sie sich dafür einen Schwerpunkt ausgesucht?

Hauck: Die Bedürfnisse der Kunstschaffenden und der sehr tollen Vereine sind sehr different. Da von mir aus einen Schwerpunkt zu setzen, finde ich nicht angebracht. Man muss die Kulturschaffenden unterstützen, aber darüber hinaus bin ich auch Kulturberater. Finanziell fördern, ja, aber auch beraten – und dann vernetzen! Schwerpunkt für mich persönlich wäre die Stärkung der Jugendkultur, Jugendkunstschule, Jugendmusikschule, Jugendkreativquartier, wo Vielfalt gelebt werden kann, wo man Jugendlichen Anerkennung und Respekt in ihrer Kultur entgegenbringt. Wir haben den Stadtjugendring, wir haben eine junge Kunstszene, zum Beispiel im Huber-Seiler-Haus: Das möchte ich aufgreifen und unterstützen, und ich möchte, dass alle miteinander ins Gespräch kommen.

Wie weit würden Sie den Begriff „Kultur“ definieren wollen?

Hauck: „Hochkultur“ und „Subkultur“ sind für mich alte Begriffe, die sich gegenseitig ausspielen. Für mich hat jeder Mensch Kultur und Kulturbegegnung, dem einen ist es bewusst, dem anderen nicht. Der eine möchte gerne im Publikum sein, der andere gerne sein Innerstes darbieten. Die Kultur ist überaus vielfältig und reduziert sich nicht auf die genannten Begriffe. Nur weil Kultur von wenigen ausgeübt wird, heißt nicht, dass sie keinen Respekt oder keine Anerkennung verdient.

Verstehe ich Sie richtig, dass Sie sagen wollen, dass sowohl Trachtenwesen als auch Rockmusik von jungen unbekannten Gruppen zur Kultur gehören?

Hauck: Ganz klar: ja! Das ist ja das Schöne: Dies braucht sich nicht zu widersprechen! Der eine betreibt Brauchtumskultur und rappt auch noch. Wir haben in Rosenheim unsere Volksmusikkultur genauso wie die Heavy-Metal-Szene, den Hip-Hop-Tanz und das Ballett. Die Menschen wollen die Freiheit haben, zu entscheiden, wofür ihr Herz schlägt.

Zur Förderung: Kommen die Kulturschaffenden zu Ihnen oder können Sie etwas fördern, weil Sie sich persönlich dafür begeistern?

Hauck: Bei unseren Förderrichtlinien haben wir eine Schwelle: Die Kulturschaffenden sollen sich eine gewisse Zeit zeigen und es muss ein Verein sein. Man braucht eine gewisse Konstanz. Jetzt hingehen und dann sagen, ich unterstütze das, ist schon mal rechtlich nicht möglich. Es muss alles transparent sein. Trotzdem wünsche ich mir als Kulturreferent einen gewissen Spielraum: Kann ich zum Beispiel Zwischennutzungskonzepte mit dem Citymanagement und Stadtmarketing machen, wenn es irgendwo einen Leerstand gibt: also Räumlichkeiten und Kontakte anbieten. Zum Beispiel: Im Karstadt-Gebäude mal eine temporäre Ausstellung, eine „Pop-up-Galerie“. Also: Ein Kulturreferent ist nicht dazu da, dass er seinen eigenen Gusto fördert, sondern transparent fördert.

Sie haben in einem früheren Interview gesagt, Sie werden auf die Kulturschaffenden zukommen, Sie warten aber auch, dass die auf Sie zukommen: Ist das der Fall gewesen?

Hauck: Gestern habe ich zum Beispiel ein wunderbares Gespräch gehabt mit dem „Jungen Theater Rosenheim“ von Andreas Schwankl. Sie legen das Stück „Huck Finn“ auf als Klassenzimmertheater und jetzt auch digital: So etwas freut einen. Ich gehe auf die Kulturschaffenden zu, aber sie kommen auch zu mir. Wir hatten auch im März schon ein Gespräch mit anderen Theatern. Mich freut, dass wir langsam in ein aktives Netzwerk hineinkommen. Das ist einer meiner Schwerpunkte.

Kurz nach Ihrer Amtsübernahme hat die Corona-Pandemie Sie gleichsam in Ihrer Tätigkeit gestoppt: Was machen Sie jetzt?

Hauck: Ideen sind gestoppt worden, wir sind gezwungen, neue Ideen zu verfolgen. Wir müssen schauen, welche Ängste und Nöte bei den Kulturschaffenden wir wie mildern können oder gar wegnehmen.

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Können Sie das?

Hauck: Ja – wir müssen das auch. Da sind wir seit Wochen aktiv im Gespräch. Das Ziel ist, dass wir unsere Spielstätten aufrechterhalten.

Die prominenteste „Spielstätte“ ist das Kuko: Was sehen Sie für Perspektiven? Da machen sich viele in Rosenheim Gedanken.

Hauck: Die Mitarbeiter des Kuko am meisten – und die Veranstalter. Wenn man das Kuko komplett aufmacht, ist vieles nicht mehr wirtschaftlich. Es wird andere Formate, es wird mehr Kammermusik brauchen, ein 40-Mann-Orchester mit Chor geht nicht. Es ist viel Unsicherheit, aber auch Weitsicht da. Aber momentan sind wir gefesselt. Es könnte auch sein, dass es künftig rechtlich unterschiedliche Auflagen für Berufs- und Laienmusiker gibt. Genau in der Zeit, in der wir von der Kunst so viel zehren könnten, dürfen wir sie nicht ausüben! Den Strohhalm, der uns gereicht wurde mit den Open-Air-Konzerten, müssen wir ergreifen.

Möchten Sie zum Schluss noch etwas sagen?

Hauck: Rosenheim ist eine greifbare und begreifbare Kulturstadt. Wir haben wirklich Großartiges zu bieten. Das sollten alle wissen, die Kunst genießen wollen. Für mich ist Kultur mehr als nur Genuss, sie ist sozialer Kitt! (breitet seine Arme weit dabei aus und lächelt ebenso breit). Rosenheim ist eine lebenswerte und soziale Stadt, überwiegend durch seine Kultur!

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