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Rosenheim auf wertvollem Porzellan

Kelchkrater mit der Abbildung von Rosenheim mit den raren Frauenkopfhenkeln. Fotos: Fotoweitblick
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Kelchkrater mit der Abbildung von Rosenheim mit den raren Frauenkopfhenkeln. Fotos: Fotoweitblick

Als Museumsleiter Walter Leicht 2012 eine Vase von einem Privatmann im westfälischen Gronau, kurz vor der niederländischen Grenze, angeboten bekam, war er sich schnell sicher: "Das ist etwas ganz Besonderes." Eine Ansicht von Rosenheim war der Anlass, warum der Verkäufer sich an das Städtische Museum der Innstadt gewandt hatte. Stempel und Pressmarke auf der Unterseite wiesen das 28,6 Zentimeter hohe Gefäß als Produkt der Porzellanmanufaktur Nymphenburg in München aus.

Sofort ins Auge fällt eine romantische Ansicht des Ortes, für die das bekannte Aquarell "Abendstimmung bei Rosenheim" von Cantius Dillis (1779 bis 1856) aus dem Jahre 1803 als Vorlage diente, das sich heute in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München befindet und das auch den Titel des 1. Teils der "Rosenheimer Stadtbilder" von Karl Mair und Michael Pilz von 2001 ziert.

Der Landschaftsmaler und Zeichner der Romantik bietet den beliebten Blick vom Schlossberg aus über den Inn mit seiner Auenlandschaft auf die Silhouette des Marktes bis zu den im blauen Dunst verschwindenden Bergketten der Alpen. Im Vordergrund grasen unter Bäumen ein paar Ziegen. Der jüngere Bruder von Johann Georg Dillis hatte bei diesem gelernt und ihn auf Kunstreisen bis Neapel begleitet. 1801 wurde Cantius Dillis zum Kupferstecher am Münchner Hof ernannt mit der Verpflichtung, dass er jedes Jahr eine Zeichnung von einer besonders schönen Gegend Bayerns abliefern müsse. Offensichtlich gehörte Rosenheim zu diesen bevorzugten Orten.

Auf der Gegenseite ist eine Ansicht von "Bernried am Würmsee", dem heutigen Starnberger See, abgebildet. Auch hier nimmt der noch unbekannte Maler der Bildvorlage eine erhöhte Position ein und bietet eine weite Aussicht über Wiesen und Wälder im Vordergrund, die Kirche des ehemaligen Augustinerchorherrenstifts Bernried und den See bis hin zu den Alpen, aus denen die Benediktenwand hervorsticht.

Friedrich von Gärtner (1791 bis 1847) hatte um 1822 das Modell für diese Vasenform entworfen. In diesem Jahr hatte Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., den Architekten zum künstlerischen Leiter der Porzellanmanufaktur Nymphenburg berufen. Der gebürtige Koblenzer, dessen bekanntester Bau die Ludwigskirche an der Münchner Universität ist, setzte in seinen Entwürfen für die Porzellanmanufaktur das Stilempfinden des damals aktuellen Biedermeiers um, das sich aus dem Formenrepertoire des Klassizismus nährte und eine Verbindung mit der deutschen Romantik eingegangen war.

Auch der Rosenheimer Krater verbindet Klassizismus und Romantik. Typisch für den Klassizismus ist der Rückgriff auf eine antike Form wie hier die des Kelchkraters, einem Gefäß mit weiter Öffnung zum Mischen von Wein und Wasser. Typisch für die Romantik dagegen ist die Besinnung auf deutsche Motive, wie es das Werk Caspar David Friedrichs auf eindrucksvolle Weise belegt. Die beiden Ansichten von "Rosenheim" und "Bernried am Würmsee" erfüllen genau diesen Anspruch.

Der Rosenheimer Kelchkrater zeichnet sich neben seiner reichen Gold-Dekoration durch die beiden Henkel aus, die in der seltenen Form von Frauenköpfen ausgeführt sind. Um 1830 ist der Höhepunkt der Produktion dieser Nymphenburger Kelchkrater, und das Rosenheimer Exemplar dürfte sich in diesen Zeitrahmen einfügen. Wer ihn in Auftrag gegeben hat und für wen er bestimmt war, ist nicht bekannt. Sollte die goldene Lyra im Dekor ein Hinweis auf einen Musikfreund sein? Und was verbindet Rosenheim und Bernried?

Kurfürst Max III. Joseph hatte 1747 in Schloss Neudeck in der Au eine eigene bayerische Porzellanmanufaktur gegründet. Er folgte damit dem Vorbild August des Starken von Sachsen, der 1710 mit der Manufaktur in Meißen den Anstoß für das "Porzellanfieber" des Rokoko gegeben hatte. Dank Wiener Spezialisten und dem Eintritt des herausragenden Porzellankünstlers Franz Anton Bustelli (1723 bis 1763) konnte die Münchner Manufaktur ab 1754 qualitätsvolle Ware herstellen. 1761 erfolgte der Umzug an den heutigen Standort, in neu erbaute Pavillons im nördlichen Rondell von Schloss Nymphenburg. Rosenheim spielte eine wichtige Rolle für die Nymphenburger Porzellanherstellung, wurde doch der notwendige Quarz aus Geschieben im Inn bei Rosenheim gewonnen, das Kaolin kam aus der Passauer Gegend und der Gips - statt des Feldspates - aus Kochel.

Auch ein Kelchkrater mit Satyrkopfhenkeln, der um 1815/20 nach einem Modell von Johann Peter Melchior (1747 bjs 1825) entstand, dem Modellmeister in Nymphenburg vor Gärtner, bietet eine Ansicht von Rosenheim. Bis 1919 befand sich das wertvolle Stück im Landtagsgebäude in München.

Prinz Eugène de Beauharnais, Herzog von Leuchtenberg und Stiefsohn von Kaiser Napoleon, ließ um 1821/22 für sein Palais am Münchner Odeonsplatz zehn Kelchkrater mit Männerkopfhenkeln, eine weitere Möglichkeit der Henkelvariation, und den Abbildungen bayerischer Landschaften anfertigen. Das Modell dafür entwarf wohl auch Johann Peter Melchior. Auf einer der Vasen ist dabei eine Ansicht von Rosenheim mit der des Marktes Tölz kombiniert.

Vasen dieser Art konnten ganz unterschiedlich dekoriert werden. Von einer schlichten sparsamen Goldlinie bis hin zu reichem Golddekor mit Pfauenfedern, Wein- oder Efeulaub war alles möglich. Auch das Einfügen einer persönlichen Widmung zum Dank an einen Arzt oder an einen Abgeordneten kommt vor. Neben Landschaften und Stadtveduten waren auch Genreszenen wie ein ländlicher Hochzeitszug oder Szenen aus dem Bauernleben beliebt.

In der Fachliteratur sowie im Kunsthandel sind derzeit 13 Kelchkrater mit Frauenkopfhenkeln des Gärtnerschen Modelltypus Nr. 437 aus Nymphenburg greifbar; eine recht überschaubare Zahl. Das Exemplar im Städtischen Museum wäre damit Nummer 14 und bis jetzt die einzige Variante mit den Abbildungen von Rosenheim und Bernried.

Es handelt sich wohlgemerkt um wertvolle Einzelproduktionen und noch keine Massenware für Souvenirliebhaber, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommt und heute weiteste Verbreitung findet

Der Rosenheimer Kelchkrater ist also ein Unikat und in der Sonderausstellung "Bildgut" des Städtischen Museums im Mittertor noch bis zum 15. September zu bestaunen. Geöffnet ist dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr sowie am ersten, dritten und fünften Sonntag im Monat von 13 bis 17 Uhr.

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