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„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

Vom Straßenplaner zum Künstler – Warum Ludwig Gruber den Rosenheimer Kulturpreis erhalten hat

Gerührt nahm Ludwig Gruber den Preis aus den Händen von Oberbürgermeister Andreas März entgegen.
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Gerührt nahm Ludwig Gruber den Preis aus den Händen von Oberbürgermeister Andreas März entgegen.
  • VonRainer W. Janka
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Kulturpreis der Stadt Rosenheim an einen Erwachsenenbildner: 30 Jahre leitete Gruber das Bildungswerk Rosenheim, maßgeblich war er an der Neugestaltung der Nikolauskirche mit Bildhauer Josef Hamberger beteiligt. Wie er in der Kulturszene der Region wirkte.

Rosenheim – Im Hans-Fischer-Saal der Musikschule im Künstlerhof überreichte Oberbürgermeister Andreas März den mit 5000 Euro dotierten Kulturpreis von 2021 nachträglich an Ludwig Gruber (86). In seiner Sitzung am 28. Juli 2021 hatte der Stadtrat einstimmig diese Auszeichnung beschlossen für dessen „vielfältige Verdienste um das Rosenheimer Kulturleben, das kulturelle Lebenswerk und Engagement in der Erwachsenenbildung und sein künstlerisches Schaffen“.

Kurvenreiche Biografie

Dabei erwähnte März die „kurvenreiche Biografie“ des Geehrten: Fast 30 Jahre lang war Ludwig Gruber Geschäftsführer des Bildungswerks Rosenheim, das er zu einer weit über Rosenheim hinaus anerkannten Bildungseinrichtung ausbaute. Darüber hinaus war Ludwig Gruber maßgeblich an der Neugestaltung der Nikolauskirche zusammen mit dem Bildhauer Josef Hamberger beteiligt. Als bildender Künstler stellte er in über 30 Einzelausstellungen sein künstlerisches Schaffen aus, beteiligte sich an Ausstellungen in den Kunstvereinen von Rosenheim, Bad Aibling und Prien und war Veranstalter oder Kurator zahlreicher Ausstellungen.

Die kluge, sorgfältig formulierte und höchst liebevoll-lebendige Laudatio hielt der Journalist, Kulturkritiker und Lyriker Hans Krieger aus München. Er zeichnete nicht nur Grubers Lebensweg nach, sondern porträtierte ihn auch als Bildungsvermittler, Künstler und als „Genie der Freundschaft“.

Anspruchsvolles Programm

Gruber habe nicht nur mit dem Bildungswerk Rosenheim „dem Kulturleben der Stadt mit einem anspruchsvollen Veranstaltungsprogramm nachhaltige kreative Impulse und überregionale Ausstrahlung gegeben“. Vielmehr habe er sich auch „zu einem Bildkünstler von höchster Eigenständigkeit entwickelt, dessen meditativ grundierte Zeichensprache ganz und gar zeitgenössisch ist und zugleich absolut unabhängig von den Launen des sogenannten Zeitgeistes“. Seine Kunstwerke rührten „an Grundgeheimnisse des Weltbestandes und des Menschenlebens“. Ludwig Gruber habe solch ein Künstler werden können, weil er nicht nur Künstler sei, sondern „in seinem langen und bewegten Leben verschiedene Dimensionen des Menschseins durchmessen“ habe. Schließlich gehöre zur Kultur „nicht nur die glanzvoll überwölbende Ästhetik, sondern alles, was dem Miteinander der Menschen Struktur, Ordnung und Sinn gibt.“

Zunächst Straßenplaner

Nach der Mittleren Reife am Gymnasium Mainburg ließ Ludwig Gruber sich zum Vermessungsingenieur ausbilden und kam damit als Straßenplaner ans Straßenbauamt Rosenheim. 1964 berief die CSU ihn zum hauptamtlichen Sozialreferenten in der Landesleitung, wo Gruber, der sich auf die katholische Soziallehre stützte, mit Franz-Josef Strauß in Konflikt geriet. Die Konrad-Adenauer-Stiftung schickte ihn dann als Entwicklungshelfer nach Bolivien, wohin er später nochmal für Misereor zurückkehrte, was alles zu einem Buch über Bolivien führte. Zurückgekehrt nach Rosenheim, baute er im Auftrag von Kardinal Döpfner das Bildungswerk Rosenheim auf – obwohl er weder Abitur noch ein Universitätsstudium vorweisen konnte. Grubers Devise dabei sei gewesen: Bildung bestehe nicht darin, Wissen anzuhäufen, sondern das Leben verstehen und zu meistern zu lernen.

Formale Ordnungsmuster

Als 40-Jähriger überraschte Ludwig Gruber dann alle „mit einem späten Frühwerk“ als Künstler. Angefangen hatte er mit Landschaftsmotiven, wobei sich da schon das Bestreben gezeigt habe, „aus den Zufälligkeiten des Erblickens formale Ordnungsmuster herauszufiltern“. Damit sei schon der Weg zur Abstraktion vorgebahnt gewesen in Radierungen, Holz- und Linolschnitten oder Mischtechniken. Viele Bilder Grubers könnten den Titel „Weg zur Mitte“ haben, meinte Krieger. Er charakterisierte Grubers Stil als „Weg zu zeichenhafter Vereinfachung bei gleichzeitig gesteigerter Komplexität der formalen Spannungsfelder, ein Weg zu markanter Gestik bei gleichzeitiger Entrückung in meditative Stille“. In ihrer „expressiven Gefügtheit, ihrer sozusagen subversiven Strenge“ erinnerten Grubers Bilder manchmal an die Musik Johann Sebastian Bachs. Zwei Bildmotive seien hervorzuheben: die Schrift und die Sterne – was sich dann 2004 in der Neugestaltung der Rosenheimer Nikolauskirche niederschlug, an der Ludwig Gruber maßgebend mitwirkte.

Dank für das Vertrauen

Seinen Dank ließ Ludwig Gruber, seiner schlechten Augen wegen, von seiner Frau Maria vortragen. Er habe sich gefragt, ob er, der einzige Erwachsenenbildner unter lauter Künstlern, diesen Preis verdiene. Er dankte allen seinen damaligen Mitarbeitern und erinnerte an das Vertrauen, das Kardinal Döpfner damals in ihn setzte, an die Zeit des Wiederaufbaus mit sozialen Schieflagen und der Ankunft von Gastarbeiterscharen. All sein Wirken habe unter der Devise von Martin Buber gestanden: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

Umrahmt wurde die Veranstaltung durch Schüler der Talentförderungsklasse der Rosenheimer Musikschule (Vincent Paul, Trompete, Raphael Bauer, Kontrabass und Severin Weidmann, Klavier), die Werke von Gauillaume Balay, Domenico Dragonetti und Claude Debussy spielten.

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