"Barbie, schieß doch!" bei den Wasserburger Theatertagen

Provinzieller Fußballwahnsinn

Daniela Nehring und Florian Fisch in "Barbie, schieß doch !"  Foto  flamm
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Daniela Nehring und Florian Fisch in "Barbie, schieß doch !" Foto flamm

Die eigentliche Protagonistin ist während des ganzen Stücks nicht zu sehen. Sie stürmt für ihre Mannschaft auf dem Fußballplatz. Der Blick des Zuschauers ist auf den Spielfeldrand mit der Tribüne und der Absperrung gerichtet, von wo die Eltern des Nachwuchsstars, ihr Auswahltrainer und die Trainerin das entscheidende Spiel verfolgen. Regisseur Jörg Schur vom Augsburger Theater "s ensemble" ist es gelungen, in "Barbie, schieß doch!" eine witzig-ironische Beschreibung der Fußballseele einer Familie aus der Provinz zu liefern, die ihr Leben ganz dem beliebtesten Sport der Deutschen gewidmet hat. Das eineinhalbstündige Stück, vom Umfang genauso lang wie ein Fußballspiel, wurde im Rahmen der 8. Wasserburger Theatertage im Wasserburger Theater Belacqua aufgeführt.

Florian Fisch in der Doppelrolle als Vater und Auswahltrainer spielte den fanatischen Fußballenthusiasten, der unbedingt will, dass seine Tochter in die Nationalmannschaft aufsteigt, aber nicht merkt, dass es nur um die "Schwabenauswahl" geht. Nervös und ehrgeizig feuert er seine Tochter an, schimpft über den Schiedsrichter, der viel zu jung sei, um Autorität zu haben, und spart nicht mit Fäkalausdrücken. Seine schrille, kurzsichtig blinzelnde Frau (Daniela Nehring) verkauft für einen Euro Wurstsemmeln und nutzt sofort die Gelegenheit, mit dem flotten Auswahltrainer Horst anzubandeln. Mit Wehmut denkt sie an ihren Mann zurück, als er noch charmant und zuvorkommend war. Jetzt ist er körperlich angeschlagen und denkt allein an Barbies Karriere.

Eindringlich zeichnet der Regisseur das Psychogramm einer Fußballfamilie in der Provinz. Da ist der Vater, der die elterliche Metzgerei übernehmen musste und dem selbst eine Karriere beim Fußball versagt blieb. Da ist die Mutter, eine kleine Verwaltungsangestellte, die sich ihrem Mann bedingungslos unterordnet, aber weiß, was wirklich in der Familie passiert. Der Vater unterwirft die Familie rücksichtslos dem Fußball. Seine kriselnde Ehe nimmt er nicht wahr. Dass sein Sohn schwul ist, interessiert ihn nicht. Hauptsache, alle zusammen feiern am Abend Barbies Sieg mit einem Grillfest im Schrebergarten.

Das eingefahrene Ritual auf dem Fußballplatz mit dem Gejohle der Fans, der dummstolzen Ergriffenheit beim Abspielen der Nationalhymne und der billig-bunten Cheerleader-Animation, schließlich eingespielte Kampflieder wie "Sport ist unser Leben", das der zigarettenrauchende Vater inbrünstig intoniert: Jedes Detail wirkte stimmig. In ihrer verzögerten Realistik hervorragend in Szene gesetzt waren die Zeitlupensequenzen mit den sekundenlang aufgerissenen Augen, wulstig rollenden Zungen und vom Jubel verzerrten Gesichtern. Das leider nicht zahlreiche Publikum spendete der Parodie auf den provinziellen Wahnsinn der Fußballwelt zurecht anhaltenden Applaus.

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