Opernsänger Franz Hawlata sagt, französischen Kollegen wird in Corona-Krise besser geholfen

Eigentlich haben sie nichts zu lachen:Yvonne Steiner und Franz Hawlata. Janka

Der Sänger Franz Hawlata ist international bekannt, hat an der Met und im Bayreuther Festspielhaus gesungen. Er verzweifelt im Corona-Stillstand an der Kulturbürokratie und sieht die Zukunft seines Berufsstandes in Gefahr.

Von Rainer W. Janka


Stephanskirchen – Normalerweise hätt er jetzt dreimal in der Oper „Die schweigsame Frau“ von Richard Strauß an der Bayerischen Staatsoper und dann an der Wiener Volksoper acht Vorstellungen von „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing gesungen. Ende August wäre er im Teatro San Carlo in Neapel mit der Operette „Die lustige Witwe“ von Franz Léhar gewesen, im Dezember käme dann die „Fledermaus“ an der Bayerischen Staatsoper dran: Der Bassbariton Franz Hawlata (56), der sonst durch die Welt von Opernhaus zu Opernhaus reist, sitzt jetzt in seinem schmucken Haus in Stephanskirchen und darf nicht das tun, was seine Beruf und seine Berufung ist: singen. Denn alle Opernaufführungen und Konzerte sind wegen der Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus verboten.

Künstler in Existenznot

Seiner Lebensgefährtin – sie haben sich bei den Tiroler Festspielen Erl beim „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner kennengelernt – ergeht es nicht anders: Die Sopranistin Yvonne Steiner (41) hätte Proben für das Musical „Anatevka“ gehabt, die Premiere wäre im März in Miesbach gewesen.

Hawlata bekommt nichts, obwohl er einen Vertrag hat

Was Franz Hawlata ärgert: Obwohl er einen Vertrag hat mit der Bayerischen Staatsoper, hat die ihm „bisher null Euro“ angeboten. „Für die vom Staat angebotenen 100 Euro gibt es noch nicht mal ein Antragsformular!“, wütet Hawlata mit seiner wuchtigen Bassstimme. Seinen Kollegen stehe das Wasser bis zum Hals, fährt er fort, sie hätten kein Geld mehr. „Die jungen Kollegen haben natürlich alle Angst, denn die Intendanten haben enorme Macht“, deshalb stelle er sich vor sie. Ihm als „alten Schlachtross“ sei es wurscht.

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Absagen wegen „höherer Gewalt“

In Frankreich seien auf Druck des Staates Ersatz-Gagen bis zu 100 Prozent gezahlt worden, weil der Passus der „höheren Gewalt“ sofort gekippt worden sei. In Deutschland seien die Vertrags-Absagen eben mit diesem Passus der „höheren Gewalt“ begründet worden. Diese Begründung sei juristisch sehr fragwürdig, argumentiert Hawlata: „Wir haben Verträge mit den Staatstheatern, die eigentlich keine Selbstständigen-Verträge sind, sondern wir sind auf Zeit angestellt und sozialversicherungspflichtig.“ Für Festangestellte gebe es diesen „Höhere-Gewalt“-Passus nicht. Die festangestellten Musiker in kommunalen Theatern gehen in Kurzarbeit, gestaffelt: Die kleinen Einkommensbezieher bekommen 100 Prozent, die restlichen 95 oder 90 Prozent.

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Unterstützt werden die freien Sänger von der GDBA, der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger. „Ich animiere jetzt alle, zu klagen“, verkündet Hawlata. „Die Intendanten sitzen arrogant und schamlos auf ihrem hohen Ross und bieten uns zehn oder 20 Prozent der Gagen – oder wie in Bayern gar nichts“, wird der Bassbariton immer lauter. Sie kommen auch nicht in die Kurzarbeit – obwohl sie gleichsam öffentliche Angestellte auf Zeit sind.

„Es geht jeden an“

Und dann wird’s noch komplizierter: Es gibt zwei Tarif-Verträge, den TV-ÖD, den Tarif-Vertag für die kommunalen Theater, und den TV-L, den Tarif-Vertrag der Länder. Zuständig für die Länder sind die Kultusminister – „und die kommen zu gar nichts“, schimpft Hawlata. „Es geht von Stars wie Jonas Kaufmann bis runter zu den Leuten, die 300 bis 400 Euro verdienen, jung sind und anfangen. Es geht jeden an!“, sagt Hawlata und fährt fort: „Der Kragen geplatzt ist mir, als Frau Grütters (die Bundes-Kulturbeauftragte, Anmerkung der Redaktion) gesagt hat, wir seien einfach zu stolz, Grundsicherung zu beantragen!“

Künstler überlegen, das Auto zu verkaufen

Yvonne Steiner ergänzt: „So einfach ist auch das nicht. Meine Kollegen überlegen, ob sie ihr Auto verkaufen und ihren Bausparer kündigen.“ Sie ist festes Ensemble-Mitglied im „Freien Landestheater Bayern“, das in Miesbach seinen festen Sitz hat. „Wir sind tatsächlich Freiberufler“, erklärt sie. „Für ‚Anatavka‘ durften wir proben bis zur Generalprobe, dann mussten wir zumachen. Wir haben diverse Szenarien für Juni, Juli, jetzt sind wir schon dabei, Szenarien für September/Oktober zu entwickeln. Unter welchen Bedingungen könnten wir dann auftreten? Im Grunde genommen haben wir keine große Hoffnung.“ Dann fällt Hawlata empört noch ein: „Die österreichische Kulturministerin hat gesagt, wir seien ja selber schuld, dass wir freiberuflich sind, das hätten wir uns ja ausgesucht!“

„Wir singen trotzdem weiter!“

„Aber wir singen ja trotzdem weiter!“ sagt Hawlata fast trotzig. Wie fühlen beide sich jetzt? „Vorgeführt!“ ruft Yvonne Steiner spontan. „Zuerst traurig, dann verzweifelt – und jetzt zornig“, konstatiert Hawlata und resümiert: „Wir sind am allerschlimmsten dran. Es ist schlimm genug, wenn du acht Wochen deinen Betrieb zumachen musst. Jetzt darf ja jeder langsam wieder anfangen. Aber bei uns sind es jetzt schon sieben Monate, wir rechnen eigentlich mit mindestens zehn Monaten.“

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