Opernfestspiele Amerang, Oper Schloss Maxlrain und „Erlesene Oper“: Geteiltes Leid in Corona-Zeiten

Die „Erlesene Oper“ inszenierte 2019 die Oper „Treemonisha“ von Scott Joplin auf die Bühne des Rosenheimer Kultur- und Kongress-Zentrums. Janka

Einige Akteure, die im Rosenheimer Land Opern produzieren, haben schon vor der Corona-Pandemie und dem damit zusammenhängenden Aufführungsverbot miteinander gesprochen statt gegeneinander gestritten. Jetzt wollen sich noch mehr miteinander kooperieren: Ortholf von Crailsheim, Intendant der „Opernfestspiele Amerang“, die „Oper Schloss Maxlrain“ mit Intendantin und Dirigentin Chariklia Apostolu und der Verein „Erlesene Oper“ mit Georg Hermansdorfer als Intendant, Regisseur und Dirigent.

Rosenheim/Amerang/Maxlrain – Einen Namen für diese Opern-Kooperative gibt’s noch nicht. Für die OVB-Heimatzeitungen haben sie in einer Videokonferenz ihre Vorhaben, Sorgen und Gedanken untereinander ausgetauscht. Was hätten sie heuer gespielt? Und wie haben sie auf die Aufführungsverbote reagiert? Die Opernfestspiele Amerang haben alles in den Herbst verschoben. Gespielt werden die Mozart-Opern „Die Zauberflöte“ (Wiederaufnahme) und „Die Entführung aus dem Serail“ (Premiere am 31. Oktober), die sich anbieten, weil jeweils wenige Personen auf der Bühne stehen, sowie Verdis „Nabucco“ (Premiere am 23. Oktober). „Ich bin guter Dinge“, meint Ingo Kolonerics, Regissuer der Opernfestspiele Amerang, „denn wenn wir nicht spielen dürfen unter den dortigen Bedingungen, dann wird wahrscheinlich niemand spielen können“.

Mozart, Offenbach und Bruch

InMaxlrain haben sie „Die Großherzogin von Gerolstein“ von Jacques Offenbach komplett in das Jahr 2021 verschoben – auch weil sie sehr chorlastig ist und Chöre ja noch nicht proben dürfen. Chorproben finden schon ab September in kleinen Gruppen online statt, verkündet Chariklia Apostolu. Eventuell gibt’s im September ein Open-Air-Benefiz-Konzert, ein Gesprächs-Konzert mit dem Thema „Jacques Offenbach“.

Nur die eine Aufführung war möglich

Die „Erlesene Oper“ konnte lediglich eine Aufführung der Oper„Dem Schelm die Hälfte“ von Daniel-Francois Esprit Auber durchführen – dann kam Corona dazwischen. Georg Hermansdorfer plant eine Oper am Klavier mit dem Titel „Scherz, List und Rache“ auf einen Text von Goethe, das op. 1 von Max Bruch, für den Herbst im Künstlerhof. Die für das Klavier komponierte „Lyrische Oper mit einer dramatischen Komponente“ hat eine eine Dauer von rund 75 Minuten. „Wenn, dann ist das das Format, das am ehesten läuft“, sagt Hermannsdörfer, „es sind drei Leute auf der Bühne“. Das finanzielle Risiko sei geringer und Räume kriege man leichter, man könnte es auch als Straßentheater realisieren. „Das ist ein realistischer Anfang, alles andere ist viel zu riskant. Das Kuko ist erst einmal für uns nicht möglich. Wir sind in einer ganz großen Krise, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht.“ Ein vielleicht halbszenisches Beethoven-Konzert ist noch geplant. „Das Problem ist: Wie sollen wir proben?“, klagt Hermansdorfer.

Sind Synergie-Möglichkeiten angedacht, etwa der Austausch von Sängern untereinander? „Wir wollen uns erstmal genauer kennenlernen“, meint Ortholf von Crailsheim, „und suchen, in welchen Bereichen wir uns austauschen und zusammenarbeiten können. Wir wollen uns gemeinsam Gehör verschaffen! Immerhin machen wir schon seit 43 Jahren Oper und haben heuer gemeinsam vier bis sechs Premieren im Jahr anzubieten.“

Gemeinsames Anliegen „Oper“

Hermansdorfer ergänzt: „Zusammen haben wir alle das Anliegen ‚Oper‘, aber die Zielsetzung ist jeweils anders.“ Die „Erlesene Oper“ will unbekannte Opern mit regionalen Künstlern auf die Bühne bringen. Die Oper Amerang macht bekannte Opern mit – leider – unbekannten internationalen Sängern. „Wir haben seit zehn Jahren in Salzburg einen Wettbewerb“, erklärt Ingo Kolonerics, der in Salzburg die „Oper im Berg“ leitet, „heuer hat die Corona-Krise den gegenteiligen Effekt gehabt: Wir sind jetzt schon bei über 200 Anmeldungen aus der ganzen Welt!“ Wenn er zum Beispiel „Aida“ nur mit Salzburger Kräften besetzen wolle, „dann müsst‘ ma’s jodeln“, scherzt er. Es gebe Sänger, die in ihrem Land überhaupt keine Möglichkeit haben, an kleineren Opernproduktionen teilhaben zu können, weil es das, wie zum Beispiel in der Türkei, überhaupt nicht gibt. Und gute junge Sänger müssten oft lange im Chor singen, bis der Sänger des ersten Faches alt genug für die Pensionierung ist. „So verliert man den Sängernachwuchs!“, bedauert Kolonerics.

„Die perfekte Mischung“

Chariklia Apostolu sagt: „Bei uns im Orchester ist eine Mischung aus erfahrenen und jungen, ambitionierten Musikern, Studierenden oder schon Absolventen der Musikhochschulen. Die Erfahrung mit dem jungen Feuer ist die perfekte Mischung.“ Apostolu unterrichtet seit 20 Jahren am Mozarteum Salzburg das Fach „Operneinstudierung“ und kennt deswegen viele Sänger mit internationalen Erfahrungen haben, als auch solche, die gerade im Absprung sind.

Große Werke in kleiner Besetzung

Wie geht es allen jetzt in der Corona-Krise? „Wir sind alle wie Rennpferde, die jetzt im Stall stehen“, sagt bildkräftig Ingo Kolonerics. „Dieser Virus wird Teil unserer Gesellschaft und unseres Lebens werden und wir müssen lernen, damit umzugehen. Aber die Leute wollen nicht nur überleben, sondern auch leben!“ Chariklia Apostolu ergänzt: „Dies alles könnte auch der Anfang einer neuen Musikkultur sein. Wir dürfen den Kontakt zum Publikum nicht verlieren!“ Es werde Neues angedacht: Opern, die weniger Personen auf der Bühne haben und insgesamt kürzer sind. Vielleicht sei das ein neuer Weg.

„Ich bin eher ein Pessimist“, meint Hermansdorfer, „wer weiß, wie es weitergeht, wer weiß, wo der der nächste Hotspot entsteht. Ein Orchester mit 40 Mann im Kuko: undenkbar! Und das Opernpublikum ist ja meist altersmäßig in der Risikogruppe. Heuer sind schon sehr viele nicht gekommen, weil sie Angst hatten.“ Den gegenteiligen Effekt hat Ingo Kolonerics in Salzburg erlebt: Dort möchten sehr viele Zuhörer kommen – aber in kleinere Veranstaltungen, weil sie sich dort sicherer fühlen. „Das kann also auch ein Vorteil sein“, urteilt er. Und Ortholf von Crailsheim konstatiert: „Wir haben von Anfang an im kleinen Raum mit kleiner Besetzung große Oper gemacht: Das Unmögliche im kleinen Rahmen möglich machen ist unser künstlerischer Aspekt.“ Und er fährt fort:„Wir haben ja einen Notstandsplan: Wir könnten, wenn es notwendig wäre, in die Reithalle gehen. Ich bevorzuge aber das Schloss.“ Aber die Unsicherheit bleibt: „Wir können nicht langfristig planen“, sagt Hermansdorfer. Crailsheim ärgert sich über die bayerische Politik: „Die lässt uns seit Wochen durch Nichthandeln im Unklaren. Momentan ist nicht einmal festgelegt, was eine ‚Großveranstaltung‘ ist. Und sie wollen es nicht festlegen – aus Angst vor dem Verwaltungsgericht. Die herrschende Unsicherheit ist unser Problem!“

„Weniger gefährlich als Restaurantbesuch“

Kolonerics meint, die gesundheitliche Gefahr sei mehr im Chor gegeben als im Publikum, das ja in eine Richtung schaue und sich nicht unbedingt gegenseitig anspreche. Eine Kulturveranstaltung sei weniger gefährlich als ein Restaurantbesuch. „Ich habe das Gefühl, dass man Kultur nicht zulässt, weil man denkt, dass man sie nicht braucht. Ich denke, dass die geistige Nahrung mindestens so notwendig ist wie die leibliche Nahrung.“ Ortholf von Crailsheim: „Wenn mir jemand verbietet, in der Oper zu sitzen, müsste er eigentlich auch verbieten, dass jemand am Marienplatz aus der U-Bahn aussteigt.“ Hermansdorfer sagt: „Die Veranstaltungs-Regelungen müssten je nach Ort individualisiert werden. Ein Starkbierfest ist was anderes als eine Oper im Kuko!“

Apostolu weist nochmal daraufhin, wie wichtig Kultur für eine Gesellschaft ist: „Sie ist nicht nur systemrelevant, sondern gehört zu jeder Bildung dazu.“ Sie meint, dass in der jetzigen Übergangsphase alle Möglichkeiten der Reduzierung von Opernaufführungen genützt werden sollten. „Wir wollen einfach klare Regelungen“, fordert Crailsheim, „und wollen mit unserer Kooperation Unterstützung einfordern. Wir wollen das Virus nicht runterspielen, wir müssen damit leben,“ – und damit spielen.

Kommentare