Opern-Arien im Zehn-Minuten-Takt: Sängerwettstreit in Bad Endorf

Begeistert erzählt Marlies Stahl vom Singen.

Es wuselt international im Kulturhotel Endorfer Hof in Bad Endorf, aus den Räumen dringen tenorale Stentortöne, baritonales Dröhnen und Sopran-Getriller: Es ist wieder Internationaler Gesangswettbewerb Immling, ein Sprungbrett für internationale Gesangskarrieren, denn dem Sieger winken 5000 Euro und ein Engagement beim Immling Festival.

Bad Endorf – 95 Sänger und Sängerinnen sind angetreten und präsentieren sich im Zehn-Minuten-Takt, jeder singt zwei Arien. An diesem Tag muss die sechsköpfige Jury 39 Sänger anhören, also 78 Arien: eine herkulische Konzentrationsleistung.

Die Jury des Gesangswettbewerbs Immling sieht und hört alles

Vierzig Punkte gibt es zu verteilen, jeweils zehn in den Bereichen Stimmqualität, Musikalität, Stimmtechnik und Bühnenpräsenz. Die Jury besteht aus Ludwig Baumann, dem Intendanten des Immling Festivals, Samantha Carbone aus Slowenien und Kalle Kanttila aus Helsinki, beides Künstleragenten, Gesangsprofessorin Marga Schiml aus Karlsruhe, dazu noch Professor Stephan Lademann von der Wiener Musik-Universität und der ehemalige Bankier Dr. Peter Czernin aus Österreich.

Für Professor Lademann sind „eine gute Gesangstechnik und vor allem eine individuelle musikalische Aussage“ wichtig. Kalle Kantilla betont, jemand müsse interessant für die Opernhäuser sein und die „Stimme muss in Balance mit dem Körper“ stehen. Marga Schiml meint, die Ausstrahlung und die Persönlichkeit müssten stimmen, sie möchte aber „keine übertriebene Gesichtsgymnastik“. Meistens höre man nach den ersten Minuten schon, ob es etwas wird, sagt Lademann. Ludwig Baumann sagt: „Was wir hören, hören die Zuhörer in der Oper im Normalfall nicht!“ Sehr streng ist also die Jury, sie hört alles.

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Seit heuer gibt es keine Pflicht-Arie von Mozart mehr: „Da bleiben uns die südländischen Sänger weg“, begründet dies Ludwig Baumann, Mozart sei so schwer. Warum? „Mozart ist das Schwerste, weil er so klingt, als ob er einfach wäre“, sagt Marga Schiml. Und das hört man: Als die junge Sopranistin Sofia Reveltuas nach der beachtlich vorgetragenen Arie der Micaela aus „Carmen“ die „Dove-sono-Arie“ aus Mozarts „Figaro“ singt, bricht sie regelrecht weg, ebenso wie eine andere chinesische Sopranistin bei der „Marter-Arie“ aus der „Entführung aus dem Serail“.

Morzart ist für die Teilnehmer am Gesangswettbewerb Immling am schwierigsten

Und der Tenor Chulhyun Kim hätte seine beiden Arien lieber andersherum singen sollen: Nach einer stimmprotzenden Puccini-Arie schafft er „Il mio tesoro“ aus dem „Don Giovanni“ nicht mehr richtig. Viele Teilnehmer kommen aus Südostasien. Einige deutsche Teilnehmer sind auch dabei: zum Beispiel Marlies Stahl aus Erlangen und Florian Conze aus Lüdenscheid. Beide studieren in Frankfurt. Beide wissen, wie schwierig der Sängerberuf ist. „Mir geht’s schlecht, wenn ich nicht singe“, sagt Marlies Stahl.

Mit virilem Charme singt Florian Conze seine Arien.

Sie hofft, dass sie einmal mit Singen ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Ihren Master hat sie schon. Mit hochdramatischem jugendlichen Sopran und flammendem Ausdruck singt sie die „Pace“-Arie aus Verdis „Macht des Schicksals“ und die „Hallen-Arie“ aus Wagners „Tannhäuser“. Nimmt sie die Reaktionen der Jury wahr? Ja, sagt sie, aber: „Die Jury blendet man irgendwann aus. Ich mag es gern, wenn ich auf der Bühne stehe, und es ist schwarz. Dann kann ich mir meine eigene Welt ausmalen.“

Atmosphäre beim Gesangswettbewerb Immling ist geladen, aber angenehm

Der 24 Jahre alte Bariton Florian Conce hat eine sympathische Ausstrahlung. Aufgeregt sei er schon. Die Atmosphäre in Endorf sei geladen, aber immer angenehm, sagt er. Und: „Man weiß ja nie genau, worauf die Jury achtet.“ Sehr gerne singt er auch Konzert und Lied, deswegen würde ihn sehr freuen, wenn er eine Runde weiterkäme, dann dürfte er die Ballade „Tom der Reimer“ von Carl Loewe vorsingen. „Ich glaube, dass es immer Wege geben wird, Musik zu machen“, sagt er. Ein Engagement in der Oper sei nicht sein Hauptziel, sondern irgendwie von der Musik leben zu können. Mit virilem Timbre singt er eine französische Arie und darauf die Register-Arie aus Mozarts „Don Giovanni“ mit leicht komödiantischem Spiel.

Ob beide die nächste Runde erreicht haben und vielleicht sogar im Finale sind, können Kurzentschlossene am Sonntag, 18 Uhr, im Kursaal Bad Endorf verfolgen. Und man kann als Zuhörer den mit 500 Euro dotierten Publikumspreis vergeben.

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