Musiker im Corona-Lockdown

Mulo Francel aus Riedering als gelangweilter Saxofonist auf dem Sofa? Nur fürs Video

Quadro Nuevo mit Andreas Hinterseher, Paolo Morello, Mulo Francelund Dietmar Lowka ( von links) im Sturm der Zeit: Die Musiker haben den Lockdown für neue Projekte genutzt.
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Quadro Nuevo mit Andreas Hinterseher, Paolo Morello, Mulo Francelund Dietmar Lowka ( von links) im Sturm der Zeit: Die Musiker haben den Lockdown für neue Projekte genutzt.
  • vonAndreas Friedrich
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Baierbrunn/Rosenheim – Ende November hätten Quadro Nuevo eigentlich im Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum ihr Weihnachtskonzert spielen sollen, doch: abgesagt. Der aus Riedering stammende Saxofonist und musikalische Weltreisende Mulo Francel verrät, warum er auch ohne Konzerte viel zu tun hat.

Ihr Facebook-Video mit den gelangweilten Saxofonisten auf dem Sofa macht ja aktuell die Runde als Reaktion auf den Lockdown. Sie sind ja ein ausgesprochener Livemusiker und spielen mit Quadro Nuevo und anderen Formationen enorm viele Auftritte das Jahr über - wie geht es Ihnen und den Bandkollegen mit der aktuellen Situation ?

Mulo Francel: Das Sofa-Rumgehänge war wirklich nur für´s Video, um auf den sozialen Netzwerken zu verdeutlichen, dass der Lockdown uns Musiker schon existenziell trifft. Aber wir sagen uns: Keep swinging! Wir versuchen aktiv zu bleiben. Ich übe jeden Tag, wir proben, organisieren, filmen. Und ganz nebenbei ist ein neues Phänomen aufgetaucht: Die Menschen bestellen derzeit unheimlich viele CDs und LPs über meine Webseite. Sei es aus Corona-Frust, aus Fernweh und Sehnsucht nach schönen Dingen oder aus einer ganz neuen Form der Künstler-Empathie. Vor allem unser neues Quadro Nuevo-Album „MARE“ ist der Renner. Ich stehe jeden Morgen auf und mach mich mit Freude an die Arbeit. Dabei gebe ich mir große Mühe und bemale jedes Packerl individuell mit einem ägäischen Säulen-Feigenzweig-Motiv.

Leider ist auch das Weihnachtskonzert in Rosenheim abgesagt - vielleicht ein Wort speziell dazu ?

Francel: Ja, das ist tragisch. Es ist eines von etwa 90 Konzerten, die heuer abgesagt wurden. Um mit unserem Publikum, das wir sehr schätzen und vermissen, in Verbindung zu bleiben machen wir jetzt an jedem Advent-Sonntag um 18 Uhr einen Stream auf unserem Quadro Nuevo-Youtube Kanal. Immer aus unterschiedlichen Orten: aus einer Kleinkunstbühne in Coburg, mit dem Physiker und Philosophen Harald Lesch aus St. Anton in München oder aus Kloster Beuerberg. Und am zweiten Weihnachtsfeiertag dann aus der Petrikirche Baldham. Pfarrer Stephan Opitz, den wir noch aus seinen Tagen in Rosenheim kennen, wird sprechen und wir spielen eine sehr persönliche Auswahl weihnachtlicher Melodien dazu. Zuschauen kostet nix - einfach reinklicken.

Sie haben in den letzten Monaten sogar drei neue, sehr unterschiedliche Tonträger publiziert. Waren diese Projekte schon länger geplant oder sind Sie diese mit den Mitmusikern kurzfristig angegangen aufgrund der abgesagten Konzerte?

Francel: Die Alben entstanden nicht wegen Corona, sondern trotz Corona. Es ist nämlich nicht leicht fünf oder mehr Musiker aus unterschiedlichen Regionen, aus Polen, Ägypten und Österreich zu Aufnahmen an einen Ort zu bekommen. Dazu brauchten wir ein sehr großräumiges Studio und teilweise die Zustimmung vom Gesundheitsministerium. Da ist einmal das Album „Mulo Francel: Crossing Life Lines“. Hier feiere ich musikalisch den beispiellosen 75-jährigen Frieden, der seit 1945 in Mitteleuropa herrscht. Das hat großen Spaß gemacht: Musiker, die so wie ich deutsche und osteuropäische Wurzeln haben, spielen von ihren Biografien inspirierte Songs. Dann das Hörbuch „Zwischen Raum und Zeit“, auf dem wir persische Poesie mit Jazz und Klassik vereinen. Und die CD „MARE“ von Quadro Nuevo: duftende Zitronen, gelbe Bikinis, die mediterrane Leichtigkeit des Seins!

Sie sind sehr gerne unterwegs und machen an allen möglichen extremen und exotischen Orten Musik wie auf dem Sinai - gibt es hierfür einen roten Faden oder eine längerfristig angelegte Geschichte?

Francel: Ja, ich habe über die letzten Jahren Lieder auf hohen Bergen aufgenommen: Olymp, Preikestolen in Norwegen, Mount Catherine auf dem Sinai, Shir Kuh in Persien, Chinesische Mauer. Daraus entsteht ein Album. Es wird „Mountain Melody“ heißen und hoffentlich im nächsten Herbst fertig sein. Dafür haben wir auch das Gletscher-Sterben in den Alpen als Indikator für den Klimawandel aufgegriffen und sind auf die Zugspitze und den Ortler gestiegen. Wir werden diese Musik dann zur Eröffnung der nächsten Ausstellung im Lockschuppen präsentieren.

Und dann gibt es noch eine ganz neue Musik- und Reiseidee, die etwas mit dem Mittelmeer zu tun hat - was kannst Du schon verraten ?

Francel: Ich plane ein tollkühnes Abenteuer für nächsten September: eine Reise auf einem großen Segelschiff durch die äolischen Inseln, auf den Spuren der antiken epischen Fahrten: Jason und die Argonauten, Äneas, Ikarus und natürlich Odysseus. Eine Künstler-Odyssee mit circa 15 Musikern, Fotografen, Wortschöpfern. Da entstehen Songs, Fotos, Filmaufnahmen. Man muss sich vorher einlesen und Fragen stellen. Ist von den alten Mythen mehr übrig als ein paar Säulenreste? Können wir daraus für uns und unsere Gesellschaft etwas lesen? Darauf wollen wir künstlerische Antworten geben. Solche Pläne zu schmieden gibt mir Kraft.

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