Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Rationaltheater München spielt "Der Firmling" von Karl Valentin

Nichts zu lachen

"Die erste Zigarette": Julian Beyer, Anna März und Justus Dallmer (von links) in der eigenwilligen Fassung von "Der Firmling" von Karl Valentin.  Foto  Janka
+
"Die erste Zigarette": Julian Beyer, Anna März und Justus Dallmer (von links) in der eigenwilligen Fassung von "Der Firmling" von Karl Valentin. Foto Janka

Der soignierte Bayer in der braunen Lodenjoppe hätte es sich denken können, dass "Der Firmling" von Karl Valentin nichts zum Lachen sein würde, wenn der Regisseur Matthias Kauffmann diese Groteske in der Rosenheimer Vetternwirtschaft inszeniert, als Gastspiel des Rationaltheaters München. Auch die ältere Dame, die mit der Begründung, mit Lebensmitteln spiele man nicht, wütend das Theater verlassen hatte. Schon vorher hätte man erwarten können, dass sich das Theater leeren würde, als Anna März in der Rolle des Pepperls beziehungsweise der Liesl Karlstadt quälend und provozierend lang den schmerzreichen Rosenkranz betete.

Der Regisseur hatte schon vor Beginn die Grundfrage seiner Inszenierung genannt: Wie spielt man Karl Valentin heute, wenn man es nicht besser als Valentin kann? Eben ganz anders. Dieses "ganz anders" heißt, dass Kauffmann in dieser Groteske Spuren der Biografien von Karl Valentin und Liesl Karlstadt entdeckte, die er quälend intensiv ausspielen ließ: interfamiliäre Repression, katholische Traumata, Paranoia bei Valentin und die Selbstmordversuche der Karlstadt. "Aber bitte so subtil wie möglich!" stand im Programmheft. Die Untertreibung des Abends: Die Selbstmordversuche, die merkwürdigerweise hier Valentin unternahm, waren noch als bloße pantomimische Grotesken witzig, später krepierte der völlig nackte Valentin (fast immer muss sich jemand beim Theater in der Vetternwirtschaft ausziehen: scheint's ein theatralischer Imperativ...) unter grässlichem Gestöhne, wonach die Karlstadt mit ihrem jungen Liebhaber abzog.

Das Frappierende aber war, dass der Text genauestens wiedergegeben wurde, dass kein Jota fehlte. Und der passte fast immer auf die von Kauffmann ge- beziehungsweise erfundene Situation. Eine Schlüsselszene war, als es im Text heißt, "Er haut den Kellner hinten hinauf." Hier fällt der Vater über das Pepperl her und küsst ihn - oder sie? - hemmungslos. Küsst jetzt der Vater seinen Sohn oder seine Tochter oder küsst Karl Valentin die Liesl Karlstadt? Hier verwischen sich vollends die Theaterebenen beziehungsweise Realitätsebenen.

Begonnen hatte es ja wirklich hoffnungsvoll absurd-überdreht: Wenn Kauffmann alles wörtlich nimmt: Wenn vom Weinzwang die Rede ist, weint der Vater hemmungslos einen Eimer voll, wenn von roter Limonade die Rede ist, hält der Kellner ein Bild von Claudia Roth hoch und wenn es heißt: "Das geht Sie einen Dreck an!", hält der Kellner ein Bild von Derrick hoch: Witz, komm raus...

Kauffmann aber wollte ernsthaft sein, tödlich ernsthaft: "Ernste Komik fußt auf Tragik.", formuliert er im Programmheft. So lässt er schon vor Beginn den Kellner Kafka lesen und zu Beginn Mahlers Lied "Ich bin der Welt abhanden gekommen" und während des Stücks deutsche Rapsongs von Xavier Naidoo, Cro und Rammstein singen und so teilt er diese kleine Groteske in eine klassische Tragödie in fünf Akte mit vier meist pantomimischen Intermezzi auf, die eben die biografischen Bezüge illustrieren sollten: großes Hirntheater über eine kleine Groteske, die eigentlich bloß lustig sein soll. Verstörung und ekliger Sozialrealismus statt Volkstheater.

Über Schauspielleistungen zu reden, fällt hier schwer: Anna März als Pepperl/Karlstadt ist immer intensiv, Julian Beyer als Kellner/Liebhaber unterfordert und Justus Dallmer als Vater/Valentin kann erstens kein Bairisch, ist zweitens (unfreiwillig oder gewollt?) lächerlich als gliederschlenkernde Mischung zwischen Karl Valentin und Lehrer Lämpel und ist drittens immer noch kein Schauspieler.

Schütter-verwirrter Beifall des ziemlich ratlosen Publikums beendete eine quälend lange Aufführung.

Kommentare