Mit dem Motorrad nach New York - Aufregendes Filmabenteuer eines Rosenheimer Regisseurs

Gebrochene Stoßdämpfer im Nirgendwo.
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Gebrochene Stoßdämpfer im Nirgendwo.

Der gebürtige Rosenheimer Daniel von Rüdiger, Jahrgang 1983, studierte unter anderem Mediendesign und Visuelle Kommunikation. Sein neuestes Projekt: In der Nachbearbeitung bearbeitete und vertonte er eine aufregende Motorradexpedition.

Von Andreas Friedrich

Rosenheim – „Wo der eigene Plan nicht mehr aufgeht wird es spannend“: So lautet das Motto bei der Motorrad-Expeditionsgruppe „Leavinghomefunktion“. Und so machten sich fünf Kunststudenten im September 2014 auf dem Landweg auf nach New York – und zwar als Motorradneulinge mit frischem Führerschein.

Erste Anschaffung: Vier Maschinen des Typs Ural 650 mit Beiwagen und einem Reparaturhandbuch. Mit dem Vorteil, dass die Ural das meistgefahrene Motorrad in Russland ist und es daher nahezu überall Ersatzteile und das entsprechende Know-How bei der Pannenbehebung vor Ort gibt. Und das sollte diese unerschrockene Expeditionsgruppe brauchen, denn das Ziel war auf dem Weg durch die Weiten Asiens letztlich New York. Auf der Route lagen Georgien, Kasachstan, die Mongolei und die Wildnisse Sibiriens, überall geringster Komfort und viele Hindernisse.

Das Ergebnis des Abenteuers ist eine rund zweistündige Dokumentation, die der gebürtige Rosenheimer Daniel von Rüdiger im Nachgang als Regisseur und Filmkomponist bearbeitet hat (siehe unten stehendes Interview). Sie zeigt den Aufbruch ins Abenteuer voller Enthusiasmus.

Enorme Hilfsbereitschaft

Die jungen Leute lernen, sich als „Pannentheater“ zu begreifen und stoßen auf ihrem Weg auf enorme Hilfsbereitschaft. Ehemalige russische Rallyefahrer, Kapitäne der Landstraße, Technik-Tüftler in kuriosen Werkstätten – viele Menschen nehmen sich der technischen Probleme der Biker an und helfen weiter. Die fünf kommen bei ihrer Reise immer wieder an die Grenzen des Machbaren: Ersatzteile, Nahrungsmittel, sumpfähnliche Straßen und die Macht der Naturgewalten stellen sie vor scheinbar unüberwindbare Probleme. Und dann stehen sie vor dem größten Hindernis, dem sibirischen Strom Kolyma.

Unterhaltsam und spannend zugleich

Die Aufnahmen von unterwegs sind hochunterhaltsam und spannend, der Schnitt temporeich und wie der Soundtrack sehr dynamisch und treibend, doch auch mit ruhigen Momenten. Es ist eine Motorrad-Reisedokumentation, die nicht nur Zweiradfahrer begeistern wird.

Zu sehen ist „972 Breakdowns“ in Anwesenheit von Reiseteilnehmern und Daniel von Rüdiger am kommenden Freitag, 4. September, im Rosenheimer Kinopolis. Alle Termine finden sich auf www.972breakdowns.com. Der hörenswerte Soundtrack von der Band 0101 ist auf Vinyl und digital erhältlich unter www.0101.wtf.

Daniel von Rüdiger im Interview

Wie ist die Motorradgruppe eigentlich auf Sie gekommen?

Daniel von Rüdiger: Wir haben uns nach der Rückkehr bei Reisevorträgen kennengelernt, die ich und sie halten. Ihren Trip haben sie selbst dokumentiert und mich dann ins Boot geholt, um ihnen als Außenstehender zu helfen. Das hieß etwa 500 Stunden Material auf zwei zu kürzen, den Film zu schneiden und den Soundtrack zu machen.

Was war Ihre Aufgabe als Regisseur und wie sind Sie mit Ihrem Team an das umfangreiche Material rangegangen?

Daniel von Rüdiger:Bei solch einem Projekt sind sehr viele gestalterische und inhaltliche Entscheidungen zu treffen, und bei mir laufen dann alle Fäden zusammen. Mir war es wichtig, nicht nur von ihrer wirklich verrückten Reise zu erzählen, sondern den Film als eigenständiges Kunstwerk zu betrachten. Ich habe dafür zusammen mit den Mitgliedern der Motorradgruppe, die ja alle Kunst studiert haben, zum Beispiel analoge Animationen entwickelt und mit Stefan Carl als unsere Band 0101 den Soundtrack komponiert und aufgenommen. Da ich auf der Reise nicht dabei war, ist mein Vorteil, dass ich erstmal keine emotionale Verbindung zu den Erlebnissen hatte. Trotzdem ist es ein langer und beinahe schmerzhafter Prozess, nach und nach zu kürzen. Es ist wie eine wertvolle Essenz aus sehr viel Ausgangsmaterial zu gewinnen. Und es gibt ja nichts Besseres, als wenn die Besucher aus dem Film kommen und gerne noch länger auf den Motorrädern mitgefahren wären.

Worin liegen die Spezialitäten des Soundtracks? War es nützlich, dass Sie selber Motorrad fahren?

Daniel von Rüdiger:Eine Besonderheit ist sicherlich, dass Stefan Carl mit seiner Gitarre Motorradgeräusche nachahmt und ich Rhythmen aus Motorrad-Geräuschen wie zum Beispiel Blinker gebaut habe. Für einen Song habe ich mich sogar auf eines der verwendeten URAL Motorräder gesetzt und im Rhythmus das Gas mitgespielt und aufgenommen. Das macht mir als Motorradfahrer natürlich besonders Spaß! Wir haben zudem mit verschiedenen Gastmusikerinnen wie der Violinistin Malwina Sosnowski zusammengearbeitet. So kommen elektronische Drums mit verzerrten Gitarren und Geige zusammen – wir nennen es Anti-Western. Eine Spezialität ist sicherlich auch das Experimentieren mit der Fusion von Musik und Film. Da ich den Film und die Musik schneide, kann ich immer wieder das Bild auf die Musik oder die Musik auf das Bild anpassen.

Das Projekt soll sich auch rückfinanzieren. Was versprechen Sie sich vom Filmstart? Ist die Gruppe weiterhin in Kontakt und schmiedet schon wieder neue Pläne?

Daniel von Rüdiger:Nachdem die Reisegruppe und ich alles selbstständig gestemmt haben, ist der Film eine riskante, aber auch sehr freie Reise. Um ehrlich zu sein, fühlt sich Corona da schon ziemlich wie eine Panne an. Dadurch, dass die Kinobesucher natürlich Abstände einhalten müssen, können die Säle nur etwa zu einem Viertel ausgelastet werden. Wir hoffen aber, dass die Menschen den Mut haben für Kultur wieder rauszugehen und Film ein soziales Erlebnis bleibt. Die Protagonisten und ich sind nun auf Kinotour durch ganz Deutschland, um den Film persönlich vorzustellen. Am 4. September wollen wir uns auch in Rosenheim mit dem Publikum austauschen. Und vielleicht verkaufen wir ja auch den ein oder anderen Soundtrack. Wie immer auf einer abenteuerlichen Reise erachten wir es aber auch als spannend, nicht genau zu wissen, was als Nächstes kommt.

Dieses Schlammloch war zu groß für das Motorrad.
Regisseur aus Rosenheim: Daniel von Rüdiger.

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