Interview mit einem Künstler im Lockdown

Michael Altinger über sein neues Buch: Was tun, wenn das Blitzlichtgewitter ausbleibt?

Michael Altinger mit unverkennbarer Mimik auf dem Cover seinen neuen Buchs.
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Michael Altinger mit unverkennbarer Mimik auf dem Cover seinen neuen Buchs.
  • vonAndreas Friedrich
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Rampensau ohne Bühne: Der Kabarettist Michael Altinger lässt aus Ermangelung an Auftritten die Leser teilhaben in einem Buch teilhaben an seinem persönlichen Lockdown in seinem Heimatort Strunzenöd. Was der Lockdown mit einer Künstlerseele macht, beantwortet Altinger den OVB-Heimatzeitungen.

Wie ergeht es Ihnen denn gerade - haben Sie derzeit überhaupt Auftritte außerhalb vom Bayerischen Fernsehen?

Michael Altinger: Danke, mir ging es schon mal besser. Von Ende Juni bis Ende Oktober konnte ich mein Programm tatsächlich einige Male vor Live-Publikum spielen. Immer an die örtlichen Hygienevorschriften angepasst und vor wenig Leuten. Wenigstens konnte ich mir jedes Mal sagen: „Du hast heute mehr Zuschauer, als der FC Bayern in der Allianz Arena.“ Ein schwacher Trost, aber immerhin ein Trost.

Und wie ist das für einen Kabarettisten bei stark eingeschränktem Kontakt zum Live-Publikum ? Viele aktuelle Ereignisse sind ja kabaretttauglich - gibt es daher eine Art „Ideen-Stau“?

Altinger: Der Kontakt zum Publikum war, trotz Abstände und Maske, erstaunlich gut. Die Leute hatten richtig Bock und haben sehr viel Feedback an die Bühne gegeben. Es stimmt: Vviele Ereignisse sind gerade kabaretttauglich,aber ein Großteil davon ist tatsächlich satirisch schwer zu toppen. Wenn ich da allein an die Verschwörungstheorien denke und an die ganzen Komplett-Irren, die plötzlich eine große Öffentlichkeit bekommen. Den neuerlichen Lockdown muss ich erst noch verdauen, um ihn kabarettistisch zu verarbeiten. Vorerst bin ich enttäuscht von der Politik und sauer auf die Leute, die sich nicht an die Regeln halten wollten und wollen.

Neulich gab es ja eine Protest-Kundgebung vieler Kulturschaffender auf dem Münchner Königsplatz. Waren Sie dort und was halten Sie von der aktuellen Kulturpolitik der bayerischen Landesregierung?

Altinger: Nein, ich war tatsächlich nicht dort, weil ich auf Tour war, um vor wenigen Leuten, verschiedene Kulturbetriebe einigermaßen aufrechtzuerhalten. Ich finde es schon ganz rührig, wie sehr unser Herr Ministerpräsident immer wieder die Wichtigkeit der Kultur betont. Aber die echte finanzielle Hilfe ist für viele Kulturschaffende zu gering und kommt zu spät. Oft sind auch noch hohe bürokratische Hürden mit eingebaut. Für viele bleibt daher nur der Jobwechsel oder Hartz IV. Künstler sollten Autos bauen oder Flugzeuge, dann könnten sie mit mehr Hilfe rechnen.

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Nochmal zurück zu Ihrem Buch „Rampensau ohne Bühne“: Verraten Sie doch unseren Lesern ein paar Geschehnisse aus Ihrem Tagebuch - gab es echte Vorkommnisse, die Sie inspiriert haben ?

Altinger: Das Buch umspannt die Zeit vom ersten Lockdown, bis zu meinen ersten Auftritten im Juni. Ich bin darin ein Bühnen-Junkie, der enorme Entzugserscheinungen hat, ohne sein Publikum. Ich beginne zu fantasieren und stürze mich in sinnlose Ersatzhandlungen. Ich fahre mehrfach zu schnell durch Geschwindigkeitskontrollen, um mal wieder ein Blitzlichtgewitter zu erleben, will dem Nachbarshund meine CD’s verkaufen. Aber es kommt auch zu wichtigen Erkenntnissen: Zum Beispiel, dass Telefonkonferenzen wesentlich sinnvoller sind, als Videokonferenzen. Und man erfährt, wie man sein Geld in diesen schlimmen Krisenzeiten sinnvoll anlegt. Nämlich in Aktien von Herstellern für Wohnmobile, Swimmingpools und E-Bikes. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Ereignissen sind dabei rein zufällig.

Michael Altinger, Rampensau ohne Bühne, erschienen im Süd-Ost-Verlag, ISBN 978-3-95587-723-1, 14,90 Euro.

Was wir schon immer wissen wollten - wo liegt eigentlich dieses Strunzenöd ?

Altinger: In den tiefsten Gründen meiner Hirnwindungen. An einem Flecken Bayerns, der noch eisern an längst vergangenen Zeiten festhält, wo sich noch alles auf Vereine, Feuerwehr und Kirche stützt, wo noch jeder einen Kuchen oder einen Nudelsalat mitbringt, wenn’s was zu feiern gibt und die CSU-Mitgliedschaft mit der Geburtsurkunde überreicht wird. Ein Ort, an den sich noch viele Bayern sehnen und der mir aus Kinder- und Jugendtagen sehr vertraut ist.

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