Ausstellung "Favorite ideas" mit Arbeiten von Petra Gerschner und Lisa Endriß in der Städtischen Galerie

Von Masken und Inszenierungen

Aus der Reihe "History is a work in process", World Economic Forum in Salzburg 2001, Pigmentdruck auf Bütten von Petra Gerschner.  Repro : Katalog
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Aus der Reihe "History is a work in process", World Economic Forum in Salzburg 2001, Pigmentdruck auf Bütten von Petra Gerschner. Repro : Katalog

Der Kunstbegriff habe sich im 20. Jahrhundert gewandelt und erweitert, konstatierte Kunsthistorikerin Dr. Birgit Löffler in der Städtischen Galerie Rosenheim bei der Eröffnung der Ausstellung "Favorite ideas" ("Lieblingsideen"), die Arbeiten der Münchner Künstlerin Petra Gerschner und der Griesstätter Malerin Lisa Endriß zeigt. Der erweiterte Kunstbegriff setze statt auf Schönheit auf "Kreativität für die Verwirklichung der sozialen Plastik" in Form einer humanen Gesellschaft. Kunst soll sich also mit den Problemen der Zeit beschäftigen, Fragen anstoßen, auf sie Antworten finden, beim Betrachter auch das Bewusstsein verändern. Beste Beispiele für diesen künstlerischen Ansatz finden sich im Werk der beiden Künstlerinnen, die sich hervorragend ergänzen. Beide verwenden in ihren Arbeiten ironische Brüche, Zweideutigkeiten und hinterfragen Wahrnehmungen. Dabei sind ihre Arbeitsweisen und Arbeitsmaterialen ganz verschieden sind - Petra Gerschner bietet Fotografien und Videos, Lisa Endriß malt. Zusammenfinden sie in dem titelgebenden Gemeinschaftsprojekt "Favorite ideas". Das ist eine neunteilige Fotoserie, die in New York entstanden und das formal sehr unterschiedliche Werk der beiden Künstlerinnen spielerisch verbindet, indem sie Inszenierung, Maske, Wahrnehmung und Projektion zum Thema macht. Sie zeigt verschiedene Umgebungen mal mit, mal ohne die beiden Künstlerinnen, die sich mit einer Bären- und Löwenmaske unkenntlich gemacht haben. Den Künstlerinnen geht es um die Veränderung des Ortes und die Veränderung der Wahrnehmung dieses Ortes, indem sie kurzzeitig diese Plätze besetzen.

Diese kleinformatige Fotoserie ist gleichzeitig Mittelpunkt und Verbindung im großen Eingangssaal. Der Saal und die Räume rechts davon gehören den Arbeiten von Petra Gerschner, der Saal und die Räume links davon denen von Lisa Endriß. Im mittleren Saal hinten, treffen sich beide wieder zu der neunteiligen gemeinschaftlichen Fotoarbeit "Intentional entrances" bei der sie die Eingangsräume von Galerien mit ihren Galeristen abbilden und textlich vorstellen.

Petra Gerschner hat nicht nur eine Ausbildung an der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotographie absolviert, sondern von 1993 bis 1999 an der Münchner Kunstakademie und davor noch Politikwissenschaften studiert. Sie zeigt sich auch in Rosenheim als durch und durch politische Künstlerin, die, wie sie selbst schreibt, sich "seit vielen Jahren mit der herrschenden Bildproduktion und Konstruktionen geschlechtspezifischer, kulturalistischer und rassistischer Zuschreibungen" auseinandersetzt. Exotische Tourismusfotos hat sie so bearbeitet, dass sie in Schwarzweiß wie Aufnahmen von Anfang des 20. Jahrhunderts wirken mit entsprechend kolonialem Blickwinkel. In ihrer Abschlussarbeit in der Akademie hat sie die berühmte Fotografie "Twelve Beautis" von Irving Penn (1917 bis 2009) mit den zwölf meist fotografierten Frauen seiner Zeit nachgestellt, einmal mit Akademiekolleginnen und dann auch mit Akadamiekollegen. Dabei geht es ihr genauso um die Hinterfragung und die Zuschreibung von Rollen wie bei dem fraglos politisch brisanterem Burka-Thema aus der Serie "Interventionen" und dem dazugehörigen fünfminütigen Film "Problem oder Lösung IV". Petra Gerschner verschwindet unter einer hellblauen Burka und zeigt sich in diesem Gewand in verschiedenster Umgebung, vor einer Autobahnauffahrt, im Großstadtambiente im Kreis westlicher Frauen, im Wald, am Strand, beim Zünden einer Silvesterrakete. Sie will sich damit dem westlichen Diktat des Enthülltseins widersetzen und auch der Funktionalisierung von Frauen durch die westliche Kriegspropaganda. Nähere Erklärungen gibt sie dazu im dazugehörigen Film als Burkaträgerin in gestelztem, für den Betrachter schwer verständlichem Politologendeutsch. Dabei übersieht sie jedoch geflissentlich die Unterdrückung der Frau und ihrer Rechte in manchen islamischen Gesellschaftsordnungen. Noch klarer ist Gerschners Kritik an der Politik der westlichen Staaten, an Auswirkungen der Globalisierung, an Militär und Krieg. Der ist kein soziales Schicksal, sondern das Ergebnis politischen Handelns. In ihren oft ironisch gebrochenen Fotos, nimmt sie Stellung zu den aktuellen politischen Prozessen. Sie fotografiert Demonstrationen gegen die Globalisierung in Salzburg, Genua und London in der Reihe "History is a work in progress", stellt Propagandabilder der Bundeswehr in die Natur und verändert durch diese Neupositionierung der Bilder Wahrnehmung und Urteil.

Von Lisa Endriß, die schon vor ihrem späten Studium an der Münchner Kunstakademie mit Preisen ausgezeichnet wurde und 1987 an der "Documenta 8" in Kassel vertreten war, sind drei Werkgruppen zu sehen. Im hinteren Bereich sind das als Beispiele ihrer früheren Arbeiten das expressive Ölbild "Wenn die Zeit still steht" aus dem Jahr 1988 und die in den neunziger Jahren folgenden abstrakt-geometrischen, auf den Gegenstand verzichtenden Streifenbilder mit ihren überlagernden Kraftfeldern.

Doch der Hauptteil widmet sich der aktuellen Malerei von Lisa Endriß. Fotos aus Tageszeitungen, Sportmagazinen und Filmen dienen ihr als Vorlage für ihre neueren Arbeiten. Sie zitiert sie und verfremdet sie, kombiniert sie gar miteinander. Das alles nicht fotorealistisch, sondern häufig mit leicht reduzierten freieren Formen und kräftigen Farben. In verschiedene Kategorien lassen sich diese Bilder ohne Titel einordnen. Da ist einmal der Themenkreis "Mensch und Umwelt" zum Beispiel mit dem Haus das auf dem aufgetauten Permafrostboden abrutscht. Da ist der Themenkreis "Mensch und Tier", bei der ein Kaninchenzüchter stolz sein Prachtexemplar zeigt, ein Grizzlybär hinter dem Regisseur Werner Herzog erscheint, ein Dompteur mit seiner Tigerin wie ein Liebespaar im Bett liegt, oder gleich zweimal Christoph Schlingensief mit seinem Hasen. Das Tier verliert seine Wildheit, wird zum domestizierten, vermenschlichten Wesen, zum Liebesersatz und Spielzeug.

Die Kategorie "Mensch und Masken" nimmt in der Ausstellung einen breiten Raum ein. Ein Hauptwerk ist dabei das Bild von Michael Jackson, der sein Gesicht verhüllt und mit einem König-Ludwig-T-Shirt bekleidet ist. Hauptsächlich konzentriert sich die Künstlerin ganz überraschend auf die Darstellung von Wrestlern, die in schillernden Gewändern und mit teuflischen Masken den Ring betreten, deren martialisches Auftreten, aber nur Maske, nur Spiel ist. Hier ist alles Inszenierung und Präsentation. Denn der Kampf der Wrestler besteht nur aus vorgetäuschten Schlägen und Manövern. Ein Gegensatz zwischen augenscheinlicher Gewalt und fast berührungsfreiem Sport tut sich auf. Und dann sitzen die auf den Auftritt wartenden Ringer friedvoll unter einer Madonna und lesen Zeitung.

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