Den Teufel und böse Geister vertreiben

Mariä Lichtmess am 2. Februar: Ohne Wachs kein Segen

Profanes Motiv auf Wachsstock: Blumentopf im Jugendstil-Ornament. Alle dargestellten Wachsobjekte stammen aus der Sammlung des Autors.
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Profanes Motiv auf Wachsstock: Blumentopf im Jugendstil-Ornament. Alle dargestellten Wachsobjekte stammen aus der Sammlung des Autors.

Wachskerzen und Wachsstöcke werden an Mariä Lichtmess, 2. Februar, – ebenso das Wachs für Kirche und Haus – geweiht. Vor jähem Tod sollen sie, brennend, bewahren. Die bösen Geister und deren Anführer, den Teufel, vertreiben. Krankheiten erst gar nicht ausbrechen lassen.

Wachskerzen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Armdicke und baumlange. Reinweiße, gelbe, blaue, rote und bunt verzierte. Kurze Stummel und schlanke Stäbe. Künstlich geschlungene und künstlerisch bemalte. Nach Honig riechende und duftneutrale. Sogar aufgewickelte, bis zu 20 Meter lange Kerzen gibt’s – bei uns als „Wachsstöckl“ bekannt und sogar da und dort noch abgebrannt im Herrgottswinkel oder Kirchenstuhl. Brandmale auf alten, noch nicht renovierten Stützbrettern zeugen davon.

Aus einem roten Wachsstock formte man im Lechrain ein Kreuz, manchmal auch einen Drudenfuß, um das christliche oder heidnische Zeichen an einen Baum oder Pfosten zu heften, an Haus und Stall zu nageln, auf Geräte aller Art und auf Hüte zu setzen. „Vor Blitz und Hagelschlag, vor Unwetter aller Art – verschone uns, o Herr!“

Die Kerze istwie das Leben

Die brennende Kerze wärmt, gibt Licht und Zuversicht. Sie war seit jeher ein Symbol für das langsam, aber sicher „schmelzende“ Leben. Die ruhig flammende Kerze verzehrt sich selbst. Sie geht, ohne Fremdeinwirkung, allmählich ihrem unvermeidlichen Ende zu. Zurück bleibt ein beinahe wertloser Rest schrumpeligen Wachses und verkohlten Dochts. Mit der Wärme ist es vorbei, wenn die Kerze niedergebrannt ist. Das Licht ist verloschen. Dasselbe sagen wir vom Leben. Früher weissagte man aus dem Brennen einer Kerze. Wessen Wachslicht – so glaubte man im frommen Schwabenland – zuerst erlosch, den holt der Sensenmann als Ersten aus der Runde. Aber nicht der Teufel. Dessen Macht war gebrochen, wurde beim Kerzenschein doch zu Gott gebetet oder die heilige Jungfrau angerufen.

Wachsstock-„Tasche“: In der verglasten Nische liegt das Christkind.

Von einer Kerze versprach man sich – und verspricht man sich heute noch – gutes Wetter. Nicht nur heute, immerwährend! Wer die pechschwarze Wetterkerze anzündet (am besten noch eine mit einer „Bauchbinde“, die ein Heiligen- oder Gnadenbild zeigt) und dazu betet, dem scheint die Sonne. Den wirft kein Sturm um. Dem lässt der Wind höchstens das Haar wehen oder die Fahne flattern. Die Wetterkerze hält Blitz und Donner fern, bewahrt vor Naturkatastrophen – zumindest solchen minderen Kalibers – auf alle Fälle aber vor Vereisung, Frost, Hitze, Dürre, Überflutung und, infolge dessen, vor Missernte und unguter Witterung. Mildes Klima, zarter Lufthauch, der Segen der wärmenden, lebenspendenden Sonnenstrahlen und des die Nacht vertreibenden Mondlichts – der Gebrauch der Wetterkerze garantiert das alles. Und sorgt vielleicht noch für „gutes Wetter“ im Miteinander in Familie, Schule und Verein, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde …

„Aber aWetterkerzn…!“

Der Altöttinger Devotionalienhändler legt die schwarzen Wetterkerzen päckchenweise in Cellophan gewickelt und mit aktueller Preisauszeichnung in Körben und Schachteln vor seinem Schaufenster aus. „Wenn S‘ gar nix mitnehmen, gnä‘ Frau, aber a Wet terkerzn…!“ Am Kapellplatz am größten Wallfahrtsort Bayerns wird darauf hingewiesen, dass es hier, nur hier, die „echten“ Wetterkerzen gibt. Anderswo sind halt, darauf dürfen S‘ Gift nehmen, nur schlichte schwarze Wachskerzen zu haben. Aber nicht jede schwarze Kerze ist auch schon eine Wetterkerze.

Ein Wachsstock als Buch: Aufgeschlagen zeigt sich Maria mit Kind im Blumenkranz.

Eine gut 300 Jahre alte Holztafel – Ursula Pfistermeister sagt in ihrem Buch „Wachs. Volkskunst und Brauch“, Band 2 (Nürnberg 1982) leider nicht, wo sie sie fand oder wo sie möglicherweise heute noch zu finden ist – spricht die Warnung aus, nur ja keine „falschen“ Gewitter- oder Sterbekerzen zu erstehen. Das könnt’ in den Graben oder in die Grube gehen. „Allda / Bey der uhralt Hochhey. unser Lieben Frauen Capelln, sindt die recht geweichte: und beriehrte wetter und sterb khörzen zu bekom(m)en. Bey dennen andern wax- und petten Cräm(m)ern, seindts nit geweicht und nit gerecht“, ist auf der Tafel zu lesen. (Die „Pettenkrämer“ waren die Rosenkranzhändler.) Das Berühren war neben dem Weihen nicht nur der Wetterkerze, auch manch anderer Wallfahrtsmitbringsel (aus Altötting vielleicht ein Schleierbildchen) sehr wichtig. „Angerührt“ musste die Wetterkerze sein – am schwarzen Gnadenbild, versteht sich. Damit der Segen von diesem unmittelbar in das schwarze Wachs überginge.

Wie Ursula Pfistermeister herausfand, war für die „Schauer- oder Wetterkerze“ eine extra intensive Weihe nötig. Warum? Sie erklärt es, ein wenig augenzwinkernd: „Gewitter, besonders nächtliche Hagelschauer, kamen nie von Gott, sondern stets von bösen Gewalten.“

Drei „herzige“ Mini-Wachsstöcke im Drahtkörbchen (Münze zum Größenvergleich).

Angeblich stellte man in Altötting Wetterkerzen aus dem von den Kapelldienern gewonnenen Tropfwachs her. „Später musste von der Kapelladministration schwarzes Wachs hinzugekauft werden, da das anfallende Tropfwachs bei Weitem nicht ausreichte, um all die vielen Wetterkerzen zu machen, die verlangt wurden. So lieferte zum Beispiel 1785 der Neuöttinger Lebzelter Hilleprant fast 13 Zentner schwarzes Wachs nach Altötting, und allein im Jahre 1799 wurden im Kapell-Laden 253 389 derartige Wetterkerzen verkauft. Diese Menge wurde (...) bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts nur mehr selten übertroffen: so 1817, als man wohl wegen des gewitterreichen Sommers 270 358 Stück absetzte. Im Schein dieser geweihten schwarzen Kerzen, die noch heute verkauft werden, ließen sich Donner und Blitz viel leichter ertragen.“

Entzückt vonalten „Geschichten“

„Zu Mariä Lichtmess geweiht – bei Gewittern bereit – schützt Häuser und Leut`“ hieß es im Salzkammergut. Wetterkerzen waren Allheilmittel. Mensch und Tier, Haus und Hof sollten sie bewahren – vor Blitzschlag, vor jeglichem Unglück. Patricia Höller, auf deren Initiative das „Salzkammergut Tierweltmuseum“ im Pinsdorfer Aurachtal eingerichtet wurde, ist entzückt von den alten „Geschichten“ rund um religiöses Volksbrauchtum. „Solche Wettersegen mussten rund sein“, erklärt sie, „und sind“, wie die Journalistin Sandra Galatz berichtet, „ein Sammelsurium von Heiligenamuletts, Strohstücken, Weidenkätzchen, Weihrauch, getrockneten Kräutern, Samen und einem Schneckenhaus. Hinter jedem Attribut steckt eine Symbolik – alles zum Schutz des Hauses vor Unwettern. Patricia Höller: „Wir haben heute eine Versicherung für unsere Häuser. Die Leute früher setzten all ihre Hoffnung auf solche Wettersegen.“

Zinn- und Wachsapplikationen auf Zwei-Heilige-Herzen-Wachsstock.

Um gedeihliches Wetter bittet die katholische Kirche am Ende eines hochsommerlichen Gottesdienstes, vom Fest der Kreuzauffindung (3. Mai) bis zum Fest der Kreuzerhöhung (14. September) in einer liturgischen Zusatz-Handlung der Eucharistiefeier. Im „Gotteslob“ des Erzbistums München und Freising gibt es für den üblichen verbalen Wettersegen kein Schlagwort, und wer die Formeln nach langem Blättern findet, darf sich glücklich schätzen. Mit Wettersegen bezeichnet der Volkskundler aber ein kreisrundes Schaustück, das dem Gläubigen – zumeist dem Bauern, weniger Bürger, Geistlichkeit und Adel – durch die Anhäufung der genannten Inhalte einen nachhaltigen, quasi nach allen Seiten hin und in alle Richtungen (von abergläubisch bis tiefgläubig) abgesicherten Schutz bietet.

Im Gegensatz zum immer verschlossen gehaltenen „Breverl“ gibt der im Spätbarock aufgekommene Wettersegen die „heiligen Dinge“ (der Volkskundler und Theologe Christoph Kürzeder geht darauf in seinem großartigen Buch „Als die Dinge heilig waren“, Regensburg 2005, dezidiert ein) ohne Scham und Verhüllung preis. Die helfenden „Sakramentalien“ schimmern bunt und vielgestaltig, in symmetrischer Anordnung um das Zentrum, durch die sie schützende, profilgerahmte Glasscheibe. Auf der hölzernen Rückseite, dem Betrachter zunächst nicht zugänglich (auch wenn er liest, bleibt der Text dem Uneingeweihten verschlossen), sind auf Papier gedruckte Segens- und Beschwörungsformeln sowie Gebetstexte zu finden.

Ohne Wachs kein Wettersegen – so kann pauschal gesagt werden. Meistens prangt in der Mitte ein „Agnus Dei“, ein geprägtes, immer hochstehend ovales Medaillon aus weißem Wachs. Das sollte, zunächst mit der geweihten Osterkerze in Verbindung gebracht, von 1192 an, von Kerzen stammen, „die zuvor über dem Grab des Apostels, am Petrus altar, gestanden hätten“, erklärt Christoph Kürzeder und geht auf die Schutz- und Segenswirkung dieser mit dem Bildnis vom „Lamm Gottes“ geprägten Plaketten ein. Sie wurden in Netze gebündelt und extra noch mal in Weihwasser getaucht. Die Landshuter Ursulinen zeigten angeblich einst „Agnus-Dei“-Prägezangen her, mit denen sie die begehrten, weil gerne als Amulette verwendeten „G’weichtln“ hergestellt haben.

Schwarz-weißer Gegensatz

Wachs ist in beiden Fällen im Spiel – bei der Wetterkerze wie beim Wettersegen. Hier weißes, dort schwarzes Wachs. Schwarz-weißer Gegensatz. Krasser kann er nicht sein. „Agnus Dei“ gehören ihrer römisch-päpstlichen Sphäre wegen, aus der sie ihren Ursprung nahmen und ihre Bedeutung empfingen, mehr in klösterliche und klerikale als in weltliche Häuser. Sie sind zudem meist kostbar gefasst, mit Reliquien umgeben, angereichert mit allerhand Abwehrzauber heraufbeschwörenden Partikeln, künstlichen wie der Natur entnommenen, sind Teil einer sogenannten Schönen Arbeit – die Predellen von Barockaltären zeigen mitunter „Agnus Dei“ geradezu „haufenweise“ – oder solitärer Prunkgegenstand eines Os tensoriums.

Wachsstock-Krone: Wachs- und Zinn-Blüten appliziert und von Seidenband gehalten.

Im Wettersegen können sie auch ersetzt sein – durch eine als weitaus volkstümliche und weniger unnahbar gewertete Nachbildung der als unversehrt geltenden, im Prager Veitsdom verehrten Zunge des heiligen Johannes von Nepomuk. Die Wetterkerze kann sich, im Gegensatz zu einem „Agnus Dei“, jeder leisten. Daher ist sie wohl bis auf den heutigen Tag ein beliebtes Schutzmittel geblieben.

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