Mammut-Projekt „Der Mann ohne Eigenschaften“: Ein Sommernachtstraum an neun Stationen

Mit allen Sinnen: „Der Mann ohne Eigenschaften“ in der Vetternwirtschaft lebt unter anderem von Beleuchtung und Videoinstallationen.
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Mit allen Sinnen: „Der Mann ohne Eigenschaften“ in der Vetternwirtschaft lebt unter anderem von Beleuchtung und Videoinstallationen.

Das Regieteam Dominik Frank und Valerie Kiendl von „Regie als Faktor“ musste zwar die coronabedingte Zwangspause als bittere Pille schlucken, doch haben die Sicherheitskonzepte ihre Kreativität doppelt beflügelt: Die neunte Folge des Mammut-Projekts „Der Mann ohne Eigenschaften“ ging als Freiluft-Veranstaltung auf dem weitläufigen Gelände der Rosenheimer Vetternwirtschaft in Szene.

von Walther Prokop

Rosenheim – Neun Stationen, gleichzeitig bespielt, teilten das zahlreiche Publikum in kleine Grüppchen.

Kühler Analytikerund kein Hitzkopf

Die Capitale Wien wird in dieser Folge durchleuchtet. Lokalkolorit? Fehlanzeige! Die überschätzte Frage nach dem „Wo“ der Behausung stamme noch aus der „Hordenzeit, wo man sich die Futterplätze merken musste“. Für kompakt Handgreifliches ist Robert Musil nicht zu haben. Er ist wie sein Protagonist Ulrich (der titelgebende „Mann ohne Eigenschaften“) ein kühler Analytiker und kein Hitzkopf, auch kein für populistische Parolen empfänglicher Patriot. Eigentlich sollte Ulrich bei den wichtigen Repräsentanten der Kaiserstadt für die „Parallelaktion“ werben: Das Thronjubiläum Franz Josephs stand bevor, leider auch das des deutschen Wilhelm. Natürlich sollte die „kakanische“ Feier unbedingt den Vogel abschießen. Es kamen also eine Menge sehr unterschiedlich denkender Menschen ins Spiel, denen Ulrich seine Aufwartung zu machen hatte.

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Vereinfachende Wirkung der Dummheit

Und so ging das Publikum, animiert von der temperamentvollen, witzig-präzisen Einführung der Regisseure auf die Suche nach dem Wien von 1913. Das Wetter spielte prächtig mit; das von farbigen Scheinwerfern und Videoinstallationen traulich erleuchtete Areal zauberte den Besuchern einen Hauch von Sommernachtstraum. Im „Museum der Hofbibliothek“ machen sich Jugendstilplakate stark für mehr oder weniger obskure Produkte – Karl Kraus meinte schon: „Ich bin imstande, das Antlitz der heutigen Welt aus dem hintern Annoncenteil zusammenzustellen.“ Bei der schillernden Clarisse und dem biederen Walter tobt das Hickhack: Nietzsche kontra Wagner – ist des Bayreuthers Musik krank (Stimme: Annika Semmler)? Die verquaste Pseudo-Mystik a lá Maurice Maeterlinck kommt aufs Tapet, nebulös esoterische Feierlichkeiten, die gleichsam wie Viren den kulturellen Leib der Stadt beuteln. Laura Kupzog hat die Texte per Video ironisch gebrochen zelebriert.

Der Sandkastenwird zum Grab

Der Tod des Vaters bringt es mit sich, dass Ulrich mit den pompös hochtrabenden Angeboten einer überspannten Bestattungsindustrie konfrontiert wird. Wir aber sitzen im Friedhof und starren auf das Grab (sprich den Sandkasten am Spielplatz) und lauschen einer rezitierenden Stimme aus dem Smartphone. Wir begegnen wieder dem Frauenmörder Moosbrugger (per Video) und dürfen mit Steinchen abstimmen: Schuldfähig oder Freispruch!

Akrobatische Gymnastik

An Station zwei räsoniert Ulrich über die „planmäßige Körperpflege“ und eine optimale Zeiteinteilung. Da bleiben sogar noch zehn Minuten, in denen man Allotria treiben darf... Luise Kostopoulos führte illustrierend schweißtreibende akrobatische Gymnastik auf der Yogamatte vor, ganz real und nicht virtuell, und das neunmal an diesem Abend – Bravissima!

Sogar ein Road-Movie ist zu erleben: Durch die Heckklappe eines Pkw blicken wir gebannt auf die Windschutzscheibe, auf der uns das Video suggeriert, wir chauffierten kreuz und quer durch die City: Die Stadt und wir Menschen in wirbelnder Bewegung!

Alles ist möglich

Im Salon der Grande Dame der Wiener Gesellschaft, Diotima, dürfen wir am Brainstorming für die besagte Parallelaktion teilnehmen. Papier, gespitzte Bleistifte liegen parat. Was sollen wir tun, ist die bange Frage eines Teilnehmers. „Alles ist möglich“ wird versichert. Und so unterhalten wir uns spontan über Gott und die Welt, und das ist wahrscheinlich effektiver, auf jeden Fall vergnüglicher als viele Meetings in den Chefetagen...

Apropos vergnüglich: Am Sonntag, 13. September, läuft die nächste Folge, garantiert coronatauglich, Desinfektionsmittel und Autan gegen die Mücken stehen wieder zur Verfügung!

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