Von der Lust am Bayer-Sein

Wie ursprünglich ist Fingerhakeln? Mit Bildern, Texten und Hörbeispielen geht die Ausstellung der Entstehung des Bayernbildes nach. Foto Königbauer
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Wie ursprünglich ist Fingerhakeln? Mit Bildern, Texten und Hörbeispielen geht die Ausstellung der Entstehung des Bayernbildes nach. Foto Königbauer

Bayern? Tracht, Bier, Volksmusik, schöne Landschaft, etwas derbe, aber bauernschlaue Ureinwohner - ganz einfach. Doch die Welt ist nicht einfach, sondern sehr komplex. Das wird einmal mehr beim Blick auf das vermeintlich einfache Bayernbild deutlich, dem sich die neue Sonderausstellung im Bauernhausmuseum Amerang widmet. Man kann hier schmunzelnd beobachten, was sich in den letzten 140 Jahren so alles getan hat in Sachen Bayern und Rest der Welt. Wer will, kann aber auch tief in die Kultursoziologie eintauchen, indem er/sie sich mit "Strizzis, Lackl'n, Goaßlschnalzern", so der Titel, beschäftigt.

Denn es sind keineswegs quasi gottgegebene Urkräfte, aus denen sich das entwickelt hat, was heute selbstverständlich weltweit und auch daheim als bayerische Tradition gilt. Vielmehr enstand ein Großteil dieser stark ländlich geprägten Bayernbilder ausgerechnet als Folge der Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert. Damals strömte die Landbevölkerung nach München, wo es vermeintlich Arbeit gab. Die Stadt wuchs in kurzer Zeit enorm, mit allen gesellschaftlichen Verwerfungen, die eine solche Entwicklung immer mit sich bringt. Die "echten" Stadt-Bürger grenzten sich von den proletarischen Neu-Münchenern ab. Die wollten aber dazu gehören und machten sich dazu ihrerseits über ihre "dummen Land-Verwandten" lustig.

So sei die Figur des "g'scheerten Lackl" entstanden, des einfältigen Landbewohners mit geschorenen (gscherten) Haaren, die in Münchener Vergnügungstheatern aller Art präsentiert wurde, "die damals aus dem Boden geschossen sind", so Andreas Koll. Der Leiter des Valtentin-Karlstadt-Museums in München hat sich gerade mit diesem Abschnitt der Geschichte intensiv beschäftigt. Es war die Zeit der Vorstadt-Strizzis, von "Kare und Lugge", den einfachen und doch "varrecktn" Bauarbeitern.

Gleichzeitig gab es vor allem im städtischen Bürgertum eine Rückbesinnung auf Natur und Natürlichkeit. Besonders in den Dörfern des (Vor-)Alpenlandes suchten die Städter diese heilere Welt - und fanden sie umso mehr, je mehr die "Landler" sich auf ihre Erwartungen einstellten.

Denen schreibt Koll eine quasi angeborene Lust an der Inszenierung zu. Und so fanden die Dorfbewohner Freude am Theaterspielen, am Singen und Musizieren vor Publikum. Was man vorher gelegentlich für sich selbst gemacht hatte, zeigte man nun vor Publikum - und anderes gleich auch noch. Gutes Beispiel sind die Heimatabende der Gebirgstrachtenvereine, die sich auch in großer Entfernung von den Bergen und sogar in den Städten an den Traditionen der Bergler ausrichteten und sie als eigene verstanden.

Erfolgsgaranten jener Zeit waren die Bauerntheater. Die Schlierseer Bauernbühne gastierte um 1900 sogar in New York und sei die erfolgreichste Bühne Deutschlands gewesen, so Koll. Alpensänger gaben Konzerte bis London. Und in Berlin gab es in Kaufhäusern eigene Abteilungen für Trachtenmode - damit die Städter sich für den Urlaub stilvoll einkleiden konnten.

Kein Wunder, dass sich das auf Bühnen und später in Heimatfilmen gezeigte Klischee irgendwann auf beiden Seiten festsetzte. Ganz "Bayern" also nur Schau und Theater? Keineswegs, sagen die Ausstellungsmacher von Amerang. Denn die Entwicklung der Identität ist eine komplexe Angelegenheit. Fremd- und Eigenbild, Bestätigung und Erwartungen, Erfolg und Anerkennung, auch durch "Fremde": All das spielte im Oberbayern des ausgehenden 19. Jahrhunderts genauso eine Rolle, wie heute.

So steht für die Museumsverantwortlichen außer Frage, dass beispielsweise die heutigen Trachtenvereine nicht nur "Schau" sind, sondern "Menschen hier mit Engagement und Überzeugung etwas vertreten, das für sie wichtig ist, hinter dem sie stehen", so Museumsdirektorin Dr. Monika Kania-Schutz. Auch wenn natürlich klar sein muss, dass die hier gepflegte Tracht mit der jeweils lokalen ländlichen Kleidung dieser Zeit wenig zu tun hat und die "berglerischen" Tänze in München sicher nicht daheim waren.

Um 1900, als das Bild vom typischen Bayern weltweit zementiert war, hat dies kaum jemanden wirklich beschäftigt. Der Klischee-Lackl trug damals auf den Bühnen in München die Tracht des Dachauer Hinterlandes. Der Berliner ließ sich ohne jeden Skrupel in Lederhose vor einer Leinwand-Bergkulisse fotografieren. Und das Madl vom Oberland trug (Salzburger) Dirndl, weil das den Fremden gefiel - und ihm selbst vermutlich auch.

Spätestens als die Touristiker dieses Bayernbild für die Werbung aufgriffen, verfestigte es sich und wurde letzlich ein selbstverständlicher Teil der Identitiät, so die These der Ausstellungsmacher. Die nationalsozialistischen Machthaber verstärkten das Klischee zusätzlich mit Heile-Welt-Heimatfilmen und den Kraft-durch-Freude-Fahrten in die Alpen.

Zu vielen dieser Stichworte gibt es in der von Katharina Kuhlmann gestalteten Ausstellung jeweils eine Station in Form einer kleinen Bühne: Historische Fotos und Kollagen dienen als Blickfang, knappe Texte erläutern Hintergründe - auf der einen Seite für das Land, auf der anderen für die Stadt. "A boarische Gaudi", "Volkslied" oder "Sommerfrische" finden sich da beispielsweise auf der Land-Seite, "Münchner Mythen", "München wird Großstadt" oder "Gschert wird modern" bei der Stadt.

Wer sich in den Museumshöfen umschaut, kann an Hörstationen den "Stoiz von da Au" und andere zeitgenössische Tondokumente hören und auf bedruckten Geschirrtüchern Aussagen von mehr oder weniger bekannten Bayern zum Themenkreis "Bayernbilder" entdecken.

Eine davon steuert Ausstellungsmacher Andreas Koll bei: "Die Leichtigkeit des Seins ist ihnen näher als der Ernst des Lebens", sagt er über die "typischen" Oberbayern - eine Sicht, die sich durch die gesamte Sonderausstellung zieht.

"Strizzis, Lackl'n, Goaßlschnalzer", Bauernhausmuseum Amerang, bis 3. November, Dienstag bis Sonntag von 9 bis 18 Uhr.

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