Das Leben unter dem Überwachungsturm: Ausstellung beim Kunstverein Rosenheim

Die verschiedenen Arbeiten umkreisen das Thema der Ausstellung auf ganz unterschiedliche Weise. Kuhlmann
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Die verschiedenen Arbeiten umkreisen das Thema der Ausstellung auf ganz unterschiedliche Weise. Kuhlmann

Kryptisch ist der Titel der Ausstellung in der Galerie des Rosenheimer Kunstvereins: „AatW – zu Deutsch etwa „Am Wachturm entlang“. Konzipiert hat sie der Münchner Künstler Bruno Kuhlmann.

Rosenheim

Um den Titel zu erklären muss man weit ausholen, dabei ist das Thema von universeller Gültigkeit: „AatW – All along the watchtower“ bezieht sich auf den gleichnamigen Song aus der Feder des Sängers, Poeten und – eher unwilligen – Literaturnobelpreisträgers Bob Dylan. Der Text beschäftigt sich mit der Enge eines als unfrei empfundenen Lebens: Die zwei Protagonisten, der Joker und der Thief, erleben sich als fremdbestimmt, sehen sich einer nicht greifbaren Kontrolle ausgeliefert. Nur wenige Monate später stellte Jimi Hendrix eine völlig überarbeitete Interpretation vor – der als revolutionär empfundene Rocksong spiegelte das Lebensgefühl der Generation von jungen US-Amerikanern in der Zeit des Vietnamkriegs wider.

Das klingt nun sehr spezifisch, ist es aber gar nicht. Denn die Ausstellung spürt diesem Dilemma nach, das der menschlichen Existenz in jeder Gesellschaft immanent ist: Das Gefühl, dass Konventionen und Sachzwänge, Routinen und Kontrollen das eigene Leben fremdbestimmen. Die Arbeiten der Künstler, die Kuhlmann für diese Ausstellung zusammengestellt hat, setzen sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven damit auseinander.

Im Gefängnis des Alltags

Gleich am Eingang verstellt eine blaue Wand, bestehend aus aufeinandergestapelten Biertragerln, dem Besucher den Weg. „Wall 2020“ ist der Titel der Installation von Philipp Stähle. Zwischen die Kästen geklemmt sind DinA-4-Blätter. Mit einer mechanischen Schreibmaschine hat Stähle darauf Alltagsbeobachtungen festgehalten, die sich um Themen wie Gewohnheiten, Konsum, das Horten von Gegenständen oder Einkaufen im Supermarkt drehen – kurzum, die Routinen, die wie Mauern den Menschen im Gefängnis seines Alltags einsperren.

„Ich mache ein Loch, Unendlichkeit fließt hindurch“

In einer benachbarten Vitrine unter Glas eine Arbeit von Bruno Kuhlmann: Der handgeschriebene Text von „All Along the Watchtower“, gleichsam als Wegweiser für die Ausstellung. Daneben ein programmatisches Werk von Lucio Fontana aus dem Jahr 1965: „Concetto Spaziale“ – „Raumkonzept“. Der italienische Avantgarde-Künstler wurde mit seinen Schnitten und Perforierungen weltweit berühmt. Ein schlichtes weißes Blatt Papier mit elf unregemäßigen Ausstanzungen ist zu sehen. „Ich mache ein Loch, Unendlichkeit fließt hindurch“, hat Fontona einst gesagt. Die schlichten Perforierungen im Blatt öffnen den künstlerischen Raum für neue Dimensionen, räumlich wie inhaltlich.

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Ein ikonografisches Motiv der Rockmusik greift Tom Früchtl auf: Marshall-Gitarrenverstärker, die Rockgeschichte geschrieben haben. Freilich sind es keine echten Geräte, die Früchtl für „forthoseaboutrock“ zu einem Turm zusammengestellt hat. Seine Verstärker sind leere Papprahmen, mit schwarzem Stoff bespannt: Gemälde und Objekt in einem. Wer näher herantritt, sieht, wie fragil die falschen Verstärker sind.

Peacezeichen aus rostigen Nägeln

Sehr politisch dagegen die Arbeit von Katrin Siebeck: Ein Erdkreis mit einem Durchmesser von 1,5 Meter liegt auf dem Boden, umfasst von einem Peacezeichen, ausgelegt mit einer Spur aus rostigen Nägeln und Schrauben. Die Flächen dazwischen sind mit Kresse begrünt. Eine Fotowand verweist auf ein Projekt, das die Künstlerin 2015 initiert hat: Ein temporärer Gemeinschaftsgarten mit Flüchtlingen, angelegt in selbstgezimmerten Hochbeeten auf einem Parkplatz. Urban Gardening war hier Anstoß für einen offenen Prozess der Kommunikation und Zusammenarbeit.

Rotes Fahnenmeer

Mit den Umwälzungen im Nahen Osten beschäftigen sich zwei Videoarbeiten von Monika Huber. „Moonstar“ entstand kurz nach dem Putschversuch in der Türkei 2016. Die Regierung Erdogan verteilte danach millionenfach Nationalflaggen, um das Land als rotes Fahnenmeer zu inszenieren. In Hubers Videoarbeit zoomt der Blick des Betrachters auf weiße Halbmonde vor blutrotem Hintergrund. Manche der Halbmonde sind scharf konturiert, andere nur noch weiße Farbfetzen.

Vieldeutig präsentiert sich die Installation „Harvey“, deren Titel auf den Film „Mein Freund Harvey“ verweist, den zwei Meter großen Hasen, den nur der liebenswürdige Hauptdarsteller, verkörpert von James Stewart, sehen kann. Die Installation, für die kein Künstler genannt ist, besteht aus einem Videomonitor auf einem Sockel. Daneben, auf einem drei Meter hohen Stativ, befindet sich eine Kamera und filmt den Betrachter vor dem Monitor.

Ein Spiel mitvielen Facetten

Auf dem Bildschirm sieht sich der Betrachter wie ein Fremder, aus der Perspektive einer Überwachungskamera. Ein Lautsprecher fordert den Besucher nun auf, in die Kamera zu schauen. Doch sobald er den Blick hebt, sieht er nur die Kamera, sein Gesicht im Monitor bleibt ihm selbst verborgen. Ein äußerst hintersinniges Spiel mit Überwachung, Selbstwahrnehmung, Perspektive, Kontrolle und Gehorsam – das Konzept der Ausstellung ist hier auf den Punkt gebracht.

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