„Kunstzeit“: Kunst auf Schritt und Tritt in Prien

„Der siebte Schöpfungstag“, eine Skulptur von Heinrich Kirchner. Kirchner

Kunst auf Schritt und Tritt – das ist Einladung und Ansage zugleich bei der „Kunstzeit Prien“. Ein Zeichen, dass die Priener Künstlerlandschaft nach wie vor lebendig ist und ein Zeichen, dass trotz Corona das Leben weitergeht. Den ganzen Sommer über gibt es Kunst an vielen Ecken, in Geschäften, in Passagen, in Gärten und Parkanlagen. 66 Künstlern zwischen vier bis 94 Jahren sind mit dabei.

Von Elisabeth Kirchner

Prien – Am Wendelsteinplatz treffen weltliche und geistliche Herrschaft in Form von lebensgroßen, aus rauem Holz geschnitzten Skulpturen aufeinander. Papst, Bischof und Kaiser, geschaffen vom Unterwössener Bildhauer Andreas Kuhnlein, hier im Stelldichein – ehrfurchtgebietend und dennoch menschlich – und vor drei Jahren Teil der Ausstellung „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt“ in Mannheim. Im Park des Medical-Park Prien Kronprinz wird der Blick über eine naturbelassene Sommerblumenwiese hinein die Chiemgauer Berge unterbrochen durch die Skulptur „Der siebte Schöpfungstag“ von Professor Heinrich Kirchner – eine Leihgabe der Gemeinde Seeon-Seebruck, die auch „den nackten Adam“ stellt, der an der Ecke Rathaus-/Beilhackstraße Vorbeikommende grüßt.

Zur Gebäudeseite hin ziehen acht hölzerne Skulpturen des Pittenharters Marco Bruckner (24) in den Bann. Denkmäler, die der Holzbildhauer anlässlich des Jubiläums 500 Jahre Reformation geschaffen hat und die Martin Luther auf seinem Lebensweg zeigen – stets mit der Bibel am Herzen.

Ein Ohr von Hanns Stellner

In der Passage der VR Bank ziert eine Auslage ein überdimensional großes Ohr, durchstochen von einem Spieß. „Auf Zahlen hören oder aus dem Gleichgewicht (das Ohr als Gleichgewichtsorgan) gebracht?“, hier versinnbildlicht mit Papiergeld, Zeitungspapier und Börsentabellen durch Bildhauer Hannes Stellner.

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Christian Heß und Peter Pohl zeichneten „am runden Tisch“: verschlungene Linien und Kreise in roter Tusche bei Heß, demgegenüber Pohls Zeichnungen kleiner Fragmente mit Kohlestift.

Den überdimensionalen Mund „Kiss me“ aus Carrara-Marmor bei Adam und Eve (meisterlich geformt durch Benjamin Hauer) möchte man am liebsten küssen. Zwei bronzene Figuren von Greta Fischer sind am alten Rathaus „im Dialog“ und eine „Hommage an Edith Piaf“ – auf dem Gemälde von Hendrik Müller spiegelt sich der Eiffelturm mehrfach in einer Limousine – in einem Trauring-Laden setzt Paris als Stadt der Liebe ein Denkmal.

Bilder von Maximilian Schmetterer

Ganz anders die Aquarelle des knapp 80-jährigen Priener Malers Maximilian Schmetterer: Unrepräsentative Orte wie Industrie-Hochöfen, alte Boote oder Dachlandschaften bestechen durch den Farbeinsatz und ihr diffuses Licht. Johanna Maria Ladwigs Kinderbuchzeichnungen in den Vitrinen einer Buchhandlung lassen nicht nur Kinderherzen höher schlagen. Ihre Mutter Eva-Maria stellt in einer Goldschmiede aus: Die zarten Acryl-Zeichnungen glänzen mit Schmuckstücken um die Wette. Karin Schneider-Henns „Engel mit gebrochenen Flügeln“, eine kleine Skulptur, zusammengeschweißt und -gefügt mit Schrottplatz-Fundstücken, ziert eine Auslage bei einem Immobilienhändler, Franz Feistls illusionistische Bilder – Trompe d’oeil gleich – werden quasi eins mit der Schaufenster-Dekoration eines Interior-Ladens, farbenkräftige Gemälde von Brigitte Bosshammer wetteifern mit Reisekatalogen um Aufmerksamkeit.

Bemerkenswert ist die Platzierung der Kunstwerke, die durch den Ort, an dem sie präsentiert werden, mit neuen Bedeutungen aufgeladen oder ironisch gebrochen werden oder aber ihre Umgebung neu in Frage stellen.

Karlsruher Drucke von Joshua Reichert

Und es gibt noch so viel mehr zu entdecken: Helga Zellners Skulpturen, wohlfeil farblich abgestimmt mit sommerlicher Kleidung, Palmen und Bast-umzierten Spiegeln, moderne Fotografien von Matthias Stampfl versus bayrisch-moderne Souvenirs, metallen-bunte Plastiken von Renate Selmayr zwischen Brillengestellen, Fernweh-weckende Schwarz-Weiß-Fotografien von Jillian Goodall Seer im Foyer eines Hotels, hölzerne Büsten aus Wurzelwerk und Ton von Tatjana Raum oder die übermannshohen Karlsruher Drucke von Josua Reichert im Chiemsee-Saal.

Im Kronast-Haus, das eine Kunstsammlung mit Chiemseemalern beherbergt, sorgen scheinbar nonchalant dazwischen gesetzte Bilder der Künstlerin Ekaterina Zacharova für aufregende Harmonie. Ein Fenster im Atelier von Sylvia Roubaud ist verschleiert von schmalen Leinenvorhängen, an Kalligraphien erinnernd, ansonsten wird freier Blick ins Atelier gewährt.

Stopp in der Futterkiste

Auch in der ehemaligen Futterkiste lohnt sich ein Stopp: Monochrom hellblau bemalte Wände der Zimmerfluchten fokussieren den Blick des Betrachters auf die Gemälde und Skulpturen von Heidi Frank, Anita Koffer, Larissa Mazbouh und Peter Rappl. In einem anderen Laden stellt Katharina Schmidmayer ihren neuesten Schaffenszyklus aus: „Fließend – die Welt innen und außen.“ Junge Menschen in Tracht als Symbol der Verwurzelung, gleichzeitig aber auch ein fließender dynamischer Prozess, angedeutet durch die blau-changierenden Flusslandschaften im Hintergrund.

Schon bei der offiziellen Eröffnung hatte Kuratorin Inge Fricke gesagt, dass Kunst „anregen, bereichern und polarisieren“ soll. Es lohnt sich, dies Prien mit offenen Augen zu entdecken.

Kunst und Konzerte im Sommer

Die „Kunstzeit“ ist den ganzen Sommer über geöffnet. 49 Läden, fünf Showrooms, neun öffentliche Plätze und sieben Galerien bieten Raum für Kunstwerke, die auch teils käuflich zu erwerben sind. Zur Übersicht gibt es eine kostenlose Broschüre, die in ganz Prien aufliegt und in der alle Örtlichkeiten samt Künstlern und ihren Exposees aufgelistet sind. Führungen und Gespräche mit Künstlern gehören ebenfalls zum Programm. Zusätzlich gibt es den Priener Kultursommer und Konzerte (jeweils ab 19 Uhr): Am 3. Juli ein Jazzkonzert mit Blues4Use (Ersatztermin 10. Juli) , am 1. und 22. August Kammermusik (mit Matthias Linke, Trompete, Herbert Weß, Orgel, Sieglinde Zehetbauer, Gesang, Götz van der Bey, Cello sowie weiteren Musikern des Chiemgau Orchesters) und am 14. August ein Klavierkonzert mit Christoph Declara. Nähere Informationen unter info@tourismus.prien.de oder unterwww.tourismus.prien.de.

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