Kunstinstallation erlaubt Bezug zur Corona-Krise

Mit seiner Rauminstallation „Territory“ thematisiert der Heilbronner Künstler Peter Riek (Foto) Formen menschlicher Existenz sowie des Ausgesetztseins. Effner
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Mit seiner Rauminstallation „Territory“ thematisiert der Heilbronner Künstler Peter Riek (Foto) Formen menschlicher Existenz sowie des Ausgesetztseins. Effner

Das Kulturleben in der Region liegt komplett darnieder. Auch die Galerien haben geschlossen. Eine kleine Ausnahme ist die Traunsteiner Klosterkirche: Dort kann man– zumindest bislang – durch die geschlossene Glastür einen Blick auf die mehrteilige Installation „Territory“ des vielfach ausgezeichneten Künstlers Peter Riek erhaschen. Sie angesichts der aktuellen Verbreitung des Coronavirus von dramatischer Aktualität.

Traunstein – Über Kunst und Kultur in Zeiten von Corona zu schreiben, entfaltet eine besondere Dynamik. Einen kleinen Lichtblick bietet die Ausstellung „Territory“ des vielfach ausgezeichneten Künstlers Peter Riek in der Traunsteiner Klosterkirche, die noch bis 12. April zu sehen ist. Zumindest durch die geschlossene Glastür des Windfangs, da die Eingangstür zu den Öffnungszeiten unversperrt ist. Was sich täglich ändern kann.

Verlust vermeintlicher Sicherheiten

Gleich auf mehreren Ebenen entwickelt die Ausstellung vor dem Hintergrund der aktuellen Krise eine Dy-namik, um nicht zu sagen: Dramatik. Das Virus kon-frontiert uns mit existentiellen Grundfragen, die radikale Veränderung des Alltags stellt vermeintliche Sicherheiten und Pläne in Frage.

Peter Rieks Ausstellung in Traunstein lädt den Besucher ein zu einer Entdeckungsreise menschlicher Existenzformen.

Stationen der Kunst

Er selbst hat sich immer wieder auf lange Wegstrecken und Reisen gemacht. Von seinem Heimatort Heilbronn aus wanderte er nach Colmar zum Isenheimer Altar von Matthias Grünwald oder es ging von Lindau zu Fuß nach Mantua. New York, Prag, Exeter, Berlin Venedig, Davos, Barbizon oder Paris waren Stationen.

Die Reise begreift Riek als Sinnbild der Lebensreise zugleich in ihrer existentiellen Ausgesetztheit wie auch als schöpferischen Akt. Charakteristisch für ihn sind die Zeichnungen mit Kreide, die dabei spontan auf Straßen, Felsen und anderen Gründen entstehen. Sie sind vergängliche Dokumente des Unterwegsseins, des momentanen Ausdrucks und der persönlichen Selbstvergewisserung.

Mehr über den Künstler und seine Arbeiten finden Sie hier.

Fotografiert und auf Bütten, Leinwand, Stoff, Holz oder Metall gedruckt oder zu Bildarrangements gebündelt, werden die Straßenzeichnungen zum prägenden Ausdruck von Rieks Kunst. Die Metamorphose der Verfremdung macht sie zu Trägern neuer, überzeitlicher Botschaften. Das lässt sich in der Ausstellung gut studieren. Als eine von drei Großschauen heuer – die anderen sind in Heilbronn und Schwäbisch Hall – fasst sie Rieks Lebenswerk zu seinem 60. Geburtstag zusammen.

Einen Eindruck von Peter Rieks Arbeiten können Sie hier gewinnen.

Blickfang in der Klosterkirche ist der riesige schwarze Teppich aus Kunstrasen. Die Löcher mit schwarzen Punkten lassen Schädelformen erkennen. Mit dieser verbrannten „Schädelstätte“ schuf Riek letztes Jahr im Rahmen der Bundesgartenschau vor dem Rathaus von Heilbronn ein eindringliches Memorial. Es erinnert an die Auslöschung der mittelalterlichen Stadt im Bombenhagel 1944. In Traunstein wird daraus ein Sinnbild für die Sinnlosigkeit des Kriegs. Ein schmaler verwinkelter Pfad aus Holzbrettern führt über dieses Territorium.

Ein hängendes „Sternenkleid“

Beim Beschreiten begegnet der Besucher einem schwebend aufgehängten überdimensionierten „Ster-nenkleid“, das im Rahmen eines Musikprojekts ent-stand. Man könnte darin auch das Sinnbild eines aufgeblasenen Popanz oder „Magiers“ unserer Zeit sehen, der ohne Inhalt ist und die Bodenhaftung verloren hat. Trump lässt grüßen. Weitere Territorien tauchen auf dem Rundweg auf: das Foto einer sturmgebeutelten Bruchbude aus Holz mit stolz gehisster Fahne. Die Bodeninstallation eines stark ramponiertem Kronleuchters mit wenigen intakten Lichtern, umringt von Zeichnungen, gemahnt an einen Bettler („Bitte“). Bei einem weißen Zelt reizen Aufdrucke auf beiden Zeltseiten zum Wortspiel mit den Initialien PR als „Private Republik“ und „Public Relations“. Gedanken an private Filterblasen, Werbeversprechen und virtuelle Welten werden wach.

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In seiner „One Man Box“ vereint Riek große Themen der Menschheitsgeschichte. In Anlehnung an gegenwärtige „Tiny House“-Projekte für minimalistisches Wohnen hat er eine Art aufklappbaren Wohncontainer aus Holz mit Bettstatt, Schreibtisch und Schubfächern geschaffen. An den beiden Außenflächen zeigen Ritzzeichnungen einen liegenden Embryo und einen Toten in Hockstellung als Sinnbilder für Vergangenheit und Zukunft.

Zugleich greift Riek damit das kunsthistorische Bild-thema „Hieronymus im Gehäus“ auf. Es zeigt den Hei-ligen und Kirchenvater als Studierenden und asketi-schen Gelehrten. Riek greift für seien Installation auf eine anspielungsreiche Darstellung Antonella da Messinas aus dem 15. Jahrhundert zurück. Es zeigt Hieronymus als Kardinal und sein Gelehrtenzimmer als hölzerne Studierstube in einem Kirchenraum – ganz ähnlich wie Peter Rieks Klause in der Traunsteiner Klosterkirche. Ein „Territorium“, das Rieks Bildwelten erst die passende Dynamik verleiht.

Kunstbetrachtung unter Vorbehalt

Die Klosterkirche ist – unter Vorbehalt – geöffnet am Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 11 bis 17 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 13 bis 18 Uhr.

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