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Kunst ist hier nicht ganz so dringlich

Ute Lechnersund Hans Thurners Objekt „Hratar“, das mit seinem abgebrochenen Mast, eindrücklich an die Flüchtlingskatastrophe erinnert. „Leeres Schiff“ bedeutet der aus dem Arabischen stammende Titel. Rechts daneben hängen die zwei Linolschnitte, „Bild Tet“ (links) und „Bild Gimel“ von Josua Reichert.  jacobi
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Ute Lechnersund Hans Thurners Objekt „Hratar“, das mit seinem abgebrochenen Mast, eindrücklich an die Flüchtlingskatastrophe erinnert. „Leeres Schiff“ bedeutet der aus dem Arabischen stammende Titel. Rechts daneben hängen die zwei Linolschnitte, „Bild Tet“ (links) und „Bild Gimel“ von Josua Reichert. jacobi

Rosenheim – Die politische Bedeutung der Kunst als mächtiges politisches Widerstandsmittel, ihre gefürchtete Macht „das Gefühl der Freiheit“ auszulösen, stellte die Vorsitzende des Rosenheimer Kunstvereins, Elisabeth Mehrl, bei ihrer Eröffnungsrede zur Jahresausstellung „Kunst aktuell 2017“ in der Städtischen Galerie in den Mittelpunkt ihrer Eröffnungsrede.

Sie zog Parallelen zur Documenta 14 in Athen und Kassel und zur 57. Biennale in Venedig und meinte Rosenheim liege zeitlich und geografisch auf einer beachtenswerten Kunst-Achse Athen-Venedig-Kassel und leiste seinen Beitrag zu einem globalen künstlerischen Dialog. Die rührige Vorsitzende weiß wohl, dass diese Zuordnung etwas vermessen ist, doch einen angemessenen Beitrag leistet die alljährliche Kunstschau gleichwohl. Die von Mehrl angesprochenen politische Bedeutung der Kunst steht allerdings nicht im Mittelpunkt der Rosenheimer Ausstellung. Mehrl merkte selbst an, dass in der westlichen zeitgenössischen Kunst, eher selten zu drastischen Mitteln gegriffen würde, um politische Probleme anzuprangern. In der übrigen Welt habe Kunst eine ganz andere Dringlichkeit. Dies ist auch in Rosenheim zu bemerken. Kunst scheint hier nicht ganz so dringlich zu sein.

Die Jury mit Michael Bednarik, Christian Hess, Christine Ott, Bernhard Paul und Almut Wöhrle-Ruß wählte aus 117 Künstlern 76 mit insgesamt 98 Werken aus. Zudem sind vier eingeladene Kunststudenten und -studentinnen der Akademie der Bildenden Künste München mit Videoarbeiten vertreten. Der in Haidholzen lebende Künstler Josua Reichert präsentiert als geladener Gast zwei Arbeiten aus seinem bedeutenden typografischen Werk. Und auch der diesjährige Sondergast des Kunstvereins, der Düsseldorfer Maler Cornelius Völker, dessen Ausstellung „Asche - Wolken - Blüten“ vom 24. Juni bis 30. Juli in den Räumen des Kunstvereins, Klepperstraße 19, gezeigt werden wird, ist vertreten. Gesellschaftspolitisch interessant ist durchaus, dass unter den Ausgewählten diesmal die Künstlerinnen mit 41 zu 35 männlichen Künstlern in der Mehrheit sind. Doch Mehrls postuliertem politischem Anspruch von Kunst, kann die Rosenheimer Ausstellung insgesamt nicht gerecht werden. Allerdings dürfen sich die Besucher an einer gut zusammengestellten, intelligent präsentierten, farbigen Ausstellung erfreuen. Das gemalte Tafelbild überwiegt, dazu kommen einige gute fotografische Arbeiten. Insgesamt werden wenige Objekte, Skulpturen und Installationen präsentiert. Bei genauerem Hinsehen gibt es aber doch manch gesellschaftskritischen oder politischen Bezug. Und etwa die Hälfte der gezeigten Werke beschäftigt sich mit dem Thema Mensch und Natur.

Zuallererst ist Ute Lechners und Hans Thurners Objekt „Hratar“ zu nennen, ein Auslegereinbaum, der mit seinem abgebrochenen Mast eindrücklich an die Flüchtlingskatastrophe erinnert. „Leeres Schiff“ bedeutet der aus dem Arabischen stammende Titel. Dieses erspäht man vom großen Eingangssaal aus, links im letzten Raum der Ausstellung. Das große Objekt hätte sich auch gut oder noch besser im großen Saal gemacht. Das erste, was man hier sieht, ist das große leere gemalte Blatt Papier des Düsseldorfer Sondergasts Cornelius Völker, eindeutig und doch rätselhaft, wie auch andere Bilder im Raum, so Elisabeth Mehrls riesige Schmuckkette auf dunklem Grund oder die blaue „Little cloud“ von Christian Junghans oder die faszinierende riesige Fotografie „Surface macro III2 oder die abstrakten „Waldlichter“ von Aldo Canins. Alles was anscheinend glücklich macht, hat Maximilian Erbacher in seinen Schaukasten „Happy unlimited“ gelegt, von Haribos „Happy Cherries bis zur Tüte von „Happy Schuh“.

Im nächsten kleinen Raum steht der Besucher einem großen Insekt aus Draht und Bauschaum von Peter Pohl gegenüber und kann die Videoarbeiten der vier Münchner Studenten betrachten.

Auffällig in Raum 3 ist das Konstrukt von Rasso Rottenfusser, bei dem ein reales Objekt aus Spanplatten in Fotografie übergeht und mit der abfotografierten Pflanze und dem daneben hängenden Pflanzenbild einmal die Wahrnehmung hinterfragt wie auch die Künstlichkeit des zivilisatorischen Daseins. Eindringlich wirkt auch Ronny Camerons Acrylgemälde „Taking a shower“, und wirklich gesellschaftskritisch ist Regina Marmaglios Lindenholzbüste „Kind“ mit den roten Kopfhörern, die das Kind von der Welt drumherum abschneiden. In diesem Raum ist noch mal die stark reduzierte Kunst mit der großen Zeichnung „Der dunkle Pfahl“ von Charlotte Dietrich zu bewundern, die erst vor wenigen Tagen im Alter von 81 Jahren gestorben ist.

Eine Hommage an den Hirschkäfer

Manches fällt weiter auf: Der Basaltstein mit den zwei Hirschkäfern unter dem Titel „Hommage an Lucanus Cervus“ von Alfred Regnat, der ansonsten für seine rein abstrakten Arbeiten bekannt ist und hier den Verlust der Natur thematisiert. Mit der gesellschaftlichen Realität setzt sich auch Inge Kurtz in ihrem Bild mit der Umwelt „Ego shooter“ auseinander. Bezug zum Verhältnis von Mensch und Umwelt finden sich ebenso in dem fotorealistisch gemalten, leeren „Betriebswagenwerk Rosenheim“ und selbst in den Aquarellen „Heilkraut“ von Elisabeth Opperer, oder beim Keramikobjekt „Berg und Tal“ von Martin Fritschze.

Auf Melanie Siegels Bild erobert sich die Natur ihren Platz zurück und wuchert ein Haus zu. Maja Ott zeigt überbordendes buntes Leben auf ihrer Hinterglasmalerei „Tubuletta“. Künstlich sind dagegen die Gespinste auf Silvia Götz‘ Ölgemälde „Traumwerken“. Tiere in Fellrahmen präsentiert Tanja Fender in ihren Arbeiten. Den Menschen mit Maske zeigt Bettina Gorn in ihrer Fotoserie „inkognito“ in der Darstellung eines Fechters. Witzig ist Uta Beckers füllige nackte Frau aus Ton mit einem Jo-Jo in der Hand und dem Titel „Jo-Jo-Effekt“.

Natürlich gibt es auch gute abstrakte Kunst. Beispiele dafür sind Michael Bednariks Linoldrucke „dans la mort“ und Peter Weigels leuchtendes Gemälde „gelb“, auf dem gelbe Kugeln auf gelbem Grund schweben.

Einen direkten Bezug zur politischen Wirklichkeit aber hat das bunte vielschichtige Menschenantlitz mit dem leeren Blick und dem Titel „abwechslungsreich“, denn es stammt von Hasan Omoeeh, einem Lehrer und Künstler aus Basra, der jetzt in Rosenheim lebt.

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Kunstpreis für Johanna Schelle

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