„Kunst aktuell in der Städtischen Galerie Rosenheim“: Endlich wieder Kunst zum Anfassen

Blick in den ersten Saal der Städtischen Galerie. Im Vordergrund die Plastik von Toni Stegmayer.
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Blick in den ersten Saal der Städtischen Galerie. Im Vordergrund die Plastik von Toni Stegmayer.

Nach längerem Stillstand des gesellschaftlichen Lebens, in dem sich die Kunst nur noch im digitalen Raum abspielte, kann Kunst jetzt wieder real – quasi zum Anfassen – erlebt werden. Der Kunstverein Rosenheim zeigt dies in einer beeindruckenden Schau mit gelungenen Wechsel von Exponaten an der Wand und im Raum.

von Ute Bößwetter

Rosenheim – Mit gutem Augenmaß wählten die Juroren Michael Bednarik, Melanie Siegel, Hannes Stellner, Martin Weiand und Almut Wöhrle-Ruß 72 Künstler mit insgesamt 116 Werken aus einer Vielzahl von Bewerbungen aus.

Kluge Hängung

Gleich beim Betreten des großen Raumes fällt die kluge Hängung auf, die den Bildern und Skulpturen ihren Freiraum gewährt und sie dennoch miteinander kommunizieren lässt. Den vier Bleistiftzeichnungen an der linken Wand von Matthias Wohlgenannt, die aus kleinsten geometrischen Formen gestaltet sind – zwei davon Porträts – schließt sich die streng konkret aufgebaute Acrylarbeit „Spiegelung“ in kühlen Farben von Bernhard Kock an. Ivo Kiefer präsentiert mit „fragile mountains“ ein Holzgrüst, das mit bemalter Leinwand bespannt ist und variabel aufgebaut werden kann – ein Hinweis vielleicht auf unsere fragil gewordene Welt. Schon durch seine Größe auffallend ist die in Öl auf Leinwand gemalte Männergestalt mit dem Titel „Josef“ von Anke Doberauer. Hat diese männliche Gestalt, die mit Hut und einem bodenlangen Mantel gleichsam verhüllt ist, eine erotische Strahlkraft oder erinnert sie mehr an die biblische Gestalt des Josef? Mehr von Anke Doberauers Arbeiten sind derzeit in der Sonderausstellung im Kunstverein in der Klepperstraße zu sehen (Bericht folgt).

Zwei Arbeiten von Christian Heß schließen sich an, der mit roter Tusche auf Bütten kleinste Kästchen aneinander reiht und damit Endlosgebilde in jeglicher Form schafft – die kleine Form zum Aufbau der großen nutzend. Anfang und Ende sind nur schwer auffindbar.

Ein mentales Spiel

Ebenfalls zwei Arbeiten präsentiert Christina Kirchinger in der Technik von Radierung und Aquatinta, eren Linien architektonische Elemente assoziieren. Auf einer Achse mit der Installation auf der linken Seite des Raumes liegt rechts auf einem Sockel die zweiteilige Skulptur von Toni Stegmayer „Loop“: in grauem Stein gestaltet, geschliffen und poliert. Unwillkürlich legt der Betrachter in Gedanken das kleinere Element mit seiner gleich großen Schnittfläche an das größere an. Wie mag die dann entstandene Form aussehen? Es ist ein mentales Spiel, zu dem Stegmayers Arbeiten immer wieder verleiten.

Das Exponat von Rosa Maria Krinner lädt zur interaktiven Begegnung ein: Mit einem Knopfdruck setzt der Besucher eine Scheibe in Bewegung, von der weiße Papierstreifen herabhängen, die per Motor zu flattern beginnen. Man höre und staune: „Münchner Erleuchtungsmaschine 2“ lautet der Titel dieser Installation.

Exemplarisches Niveau

Der Raum endet mit zwei Werken von Raimund Reiter, der in weißem Stift auf schwarzem Karton seine Vorstellung vom Nirwana wiedergibt. Der Künstler hat das „Verwehen“ – die Übersetzung von Nirwana – in Bilder transponiert. Damit ist der erste Raum durchschritten und kann, was das hohe künstlerische Niveau und die gestalterische Ausgewogenheit betrifft, als exemplarisch für die weiteren Räume gelten.

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Immer setzen Objekte und Skulpturen einen Akzent im Raum, der Großteil der Exponate besteht jedoch aus Gemälden und Fotografien, auch eine Video-Installation befindet sich darunter. Alle Arbeiten zeigen die geistige Auseinandersetzung der Kunstschaffenden mit persönlichen oder allgemein gültigen Belangen.

Wandobjekte völlig unterschiedlicher Machart und Thematik fallen ins Auge. Zum einen hängt von Regina Marmaglio ein hölzernes Gebirgsrelief, aus Lindenholz gearbeitet und einen genau definierten Auszug aus dem regionalen Alpenpanorama zeigend, präzise nachgebildet mit Säge, Stechbeitel und Farbe. Ebenso präzise die Angaben: „omed Klinikum, lick nach Südwest, 2020, Linde, Farbe“

Des Weiteren gibt es eine kleinplastische Wandarbeit von Bernhard Stöger, die wie aus der Zeit gefallen wirkt. Ein Anachronismus in Gestalt einer elegant gekleideten Dame mit mittelalterlich anmutender Kopfbedeckung steht mit abweisendem Gesicht neben einem kleinen weißen Reh, und es drängt sich die Assoziation zu einem Grimmschen Märchen auf.

Thema Coron

Fünf der ausstellenden Künstler haben Corona im Bild thematisiert, dreimal geht es dabei um die Maske. So gelingt zum Beispiel Matthias Wohlgenannt deren Darstellung durch Weglassen. Das mit dichter Bleistiftstrichelung gestaltete Gesicht weist in der Mitte weniger Linien auf, so dass die dadurch heller gebliebene Partie die Form einer Maske hat.

Christine Meder fotografierte nächtliche Szenen vom Lockdown in der Münchner Innenstadt, menschenleer die Straßen und Plätze, jetzt, wenige Wochen später schon nicht mehr zu glauben.

Wie in jedem Jahr verlieh der Kunstverein Rosenheim auch dieses Mal wieder seinen Kunstpreis für eine besonders herausragende Position. Der Vorstand des Vereins – Elisabeth Mehrl, Dr. Olena Balun und Peter Weigel – entschied sich für das Werk eines Künstlers, das in traditionellem Malstil geschaffen wurde. Gerhard Prokop setzt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema „Stadtlandschaften“ auseinander, nicht nur in seiner Heimatstadt Rosenheim, sondern in vielen Städten Europas. Dabei wählt er keine idyllischen Aspekte, sondern fragwürdige städtebauliche Projekte, bei denen viel intakte Umwelt beschädigt wird.

„Überzeugende Haltung“

Sein prämiertes Bild mit dem Titel „Westtangente“ zeigt umgepflügtes Erdreich während der Baumaßnahmen für die Umgehungsstraße um Rosenheim. Auf den ersten Blick fotorealistisch besitzt das Gemälde einen Detailreichtum, wie er nur malerisch gestaltet werden kann. Die Vorsitzende Elisabeth Mehrl betonte in ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Kunstpreises: „Prokops mit großer Kennerschaft gemalte Bilder von ungeschönten Wahrheiten vermitteln eine überzeugende künstlerische Haltung“.

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