Keine Aussicht auf Lockerung: Kulturschaffende kämpfen sich weiter durch die Corona-Krise

Die Agentur Crossgammy, das sind Kathrin Weimar und Tom Janko. re

Was bedeutet die Krise für Kulturvermittler und Spielstätten in der Region Rosenheim? Die OVB-Heimatzeitungen haben sich bei Theatern, Kinos und Veranstaltern umgehört, wie es ihnen in der Corona-bedingten Kulturflaute geht.

Rosenheim – Abgesagte Konzerte, verschobene Auftritte, geschlossene Kinos: Der Corona-Virus hat bundesweit die Kulturszene lahmgelegt. Es ist eine gravierende und teils existenzbedrohende Krise für Musiker und bildende Künstler, Theater und Lichtspielhäuser, Veranstalter und Schauspieler. Und während beispielsweise die Gastronomie zumindest eine Zeithorizont hat, wann wieder geöffnet werden kann, tappen Konzertveranstalter, Kinos und Theater noch völlig im Dunklen.

Existenzielle Nöte

Für viele Künstler in Stadt und Landkreis ist Andrea Hailer Ansprechpartnerin: Sie betreibt Öffentlichkeitsarbeit für viele kleine Kinos und ist erste Vorsitzende des Rosenheimer Kulturforums. Am Telefon berichtet sie von großer Verzweiflung in der hiesigen Kulturszene. Sie hatte bereits nächtliche Anrufer zu beruhigen, die in wahrhaft existenziellen Nöten waren – eine echte Herausforderung, die auch ein großes gesellschaftliches Manko offenbart, denn viele Künstler fallen durch das Raster staatlicher Auffangmaßnahmen. Erst jüngst gab es Verlautbarung, auch für Solo-Selbständige im Kulturbereich Töpfe zu schaffen.

Die Krise als Chance?

Wie schaut die Situation in den Kinos in der Region aus? Robert Siersch, Betreiber der „Aibvision“-Kinos in Bad Aibling, vermisst die Routine in den anfallenden Arbeiten, und antwortet, angesprochen auf seine Angst: „Ich versuche das jetzt vor allem auch als Chance zu begreifen, dass wir im zukünftigen Betrieb von einigen Dingen wegkommen, die unsere Branche schon länger belasten und die krisenbedingt vielleicht doch mehr Beachtung und Dringlichkeit erfahren.“

Robert Siersch (rechts) vom Kino Aibvision will in Zukunft einiges anders machen. Hier bei einer Veranstaltung mit Gerhard Polt. Bohlen

Leerer Kinosaal wirkt surreal

Mike und Martina Engel von „Mike‘s Kino“ in Prien fehlen die Gespräche und das Publikum. Das leere Kino empfinden beide fast als surreal. Martina Engl auf die Frage nach ihrer Angst: „Ich versuche, positive Seiten zu sehen, die es durchaus gibt und die Zuversicht nicht zu verlieren, dass am Ende alles gut wird.“

Martina und Mike Engel von Mike´s Kino in Prien sehnen sich nach dem Neustart in ihrem Kino. re

Mike Engel hofft, dass alle gesund bleiben bis zu einer Wiedereröffnung und bedankt sich beim Publikum für Gutscheinkäufe und Zuspruch via E-Mails.

Kleiner Streif am Horizont

Rainer Gottwald vom „Utopia“-Kino in Wasserburg sieht einen kleinen Hoffnungsstreif im Open-Air-Kino am Stoa und bei einem potenziellen, noch zu organisierenden Autokino.

Marias Kino in Bad Endorf hingegen ist ein Sonderfall, denn die Kinoinitiative arbeitet ehrenamtlich. Jürgen Bach vom zugehörigen Verein meint zur aktuellen Lage: „Es ist wie der Winterschlaf im Tierreich, aber wir leben ja von der Kommunikation und die ist eben stark eingeschränkt“. Er kann sich für die Zukunft ein abgespecktes Programm mit reduziertem Platzangebot vorstellen.

Viel Arbeit, keine Einnahmen

Kathrin Weimar und Tom Janko von der Konzertagentur „Crossgammy“ sehen sich gerade einem Berg organisatorischer Arbeit gegenüber, allerdings ohne damit Einkünfte zu erzielen. Das „Irschenberg-Festival“ ist verschoben auf November, weitere Konzerte sind abgesagt oder verschoben. Viel Arbeit macht die Rückabwicklung des komplexen Kartenvorverkaufs. Ein Lichtblick sind die Benefizkonzerte von Sarah Straub, die per Stream im Internet übertragen wurden.

Le Pirate plant Kochshow

Gute Nachrichten hört man vom „Le Pirate“ in Rosenheim: Umfangreiche Maßnahmenpakete stützen das Lokal und dessen Pächter Thomas Jonas. Der Vermieter zeigt sich kulant wegen der Mietzahlungen, die Brauerei Auer nimmt Bierlieferungen zurück und Jonas selbst bleibt bei der Stange. Er hält sich mit einem Gelegenheitsjob und private finanzielle Unterstützung seitens der Vorgänger Antje und Wolfgang Lentner über Wasser. Mit ihnen initiiert der einstige Sterne-Koch – Jonas hat im „Tantris“ gekocht – demnächst eine „Jazz-Kochshow“, die live aus der Lentnerschen Küche per Internet übertragen werden soll. Jazzdozent Michael Keul erzählt dazu Anekdoten und natürlich soll dabei auch musiziert werden.

Theatervorstellungen abgesagt

In Wartestellung ist auch die sehr aktive Rosenheimer Theaterszene. Renate Mayer vom Theater „Tam-Ost“ gibt an, dass zehn Vorstellungen von „Warten auf Godot“ abgesagt werden mussten. Auch das zweite Frühjahrsstück „Terror“ fällt in die Sperrzeit. Mayer beziffert den Ausfall an Eintrittsgeldern auf einen knapp fünfstelligen Betrag, während hingegen die Fixkosten für Miete, Strom und Nebenosten geblieben sind. Das Ensemble hofft nun, dass man im Frühsommer vielleicht mit „Godot“ weitermachen kann.

Vergeblich geprobt: Das Tam-Ost hatte „Terror“ von Ferdinand von Schirach spielen wollen mit (von links) Tobias Huber, Susanne Braune und Max Weidinger. re

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Daniel Burton, Vorstand der „Theaterinsel“, berichtet, dass bislang eine Musikveranstaltung, zwei Poetryslams und zehn Aufführungen des Stücks „Die Wunderübung“ ausgefallen sind. Große Unsicherheit gäbe es bei der Programmplanung, denn es käme ja auch darauf an, wie die Beteiligten Zeit hätten. Weil auch Proben derzeit nicht möglich sind, gibt es in diesem Jahr kein Sommerstück im Freien. Auch eines der beiden Herbststücke wird wohl ausfallen.

Das Theatermachen geht einem ab

Zum Glück sei „Arsen und Spitzenhäubchen“ finanziell eine erfolgreiche Produktion gewesen, sodass die Theaterinsel bis Ende des Jahres einen finanziellen Puffer habe, sagt Burton. Existenzbedrohend ist die Pause nicht: Verein und Ensemble arbeiten ehrenamtlich und der langjährige Intendant Toni Müller ist als Rentner finanziell nicht vom Theater abhängig. Daniel Burton meint abschließend: „Das Theater-Machen geht einem schon sehr ab und auch die ganzen Theaterkollegen und Freunde.“ Das könnten wohl alle Kulturschaffenden unterschreiben.

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