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Konzerte im Rosenheimer Ballhaus: Fluide Melancholie trifft Stenz vom Berg

Florian Kreier alias „Angela Aux“ singt Fluides.
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Florian Kreier alias „Angela Aux“ singt Fluides.

Es wuselt im Stucksaal des Ballhauses von Kameraleuten und Tontechnikern, die sich gegenseitig anwitzeln, doch dann ist Aufnahme und alle sind hochkonzentriert, ruhig und professionell bei der Arbeit. Es sind Aufnahmen für das Projekt „Südsound – Konzert dahoam“.

Rosenheim30 Konzerte werden aufgenommen, je vormittags und nachmittags eine Produktion samt Interviews, die von Norbert Haimerl durchgeführt werden, der sich gut vorbereitet hat, seine Moderationskarten benützt und dann aber auch schlagfertig und schnell spontan reagiert.

Kaum ist die Band „Deschowieda“ mit ihrem einzigartigen Mix aus Mundart, Pop und Volksmusik mit ihrer Aufnahme fertig, eilen zwei der Bandmitglieder auf die Empore in die Interview-Ecke und erzählen von ihren gemeinsamen Anfängen in der Musikschule Erding, dann kommen, nachdem sie getestet worden sind, Maria Moling und „Angela Aux“.

Vielseitige Sängerinaus Südtirol

Da tut sich Norbert Haimerl schon etwas schwerer mit seinen aufgelockerten Fragen: Maria Moling möchte lieber ernster sein. Sie stammt aus Südtirol und ist eine Kusine der Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen. Mit denen hat sie in der Gesangsgruppe „Ganes“ gesungen, die die ladinische Sprache in der Pop-Welt verankert hat, hat dann mit Hubert von Goisern gesungen, darauf mit Roland Scandella das Duo „Me and Marie“ gegründet, singt alleine, übernimmt das Schlagzeug bei Florian Kreier und nennt sich mit ihm jetzt „Me as Marie“: Der gebürtige Traunsteiner Florian Kreier ist Musiker und Autor und studierte unter anderem Politologie und Philosophie.

Maria Moling mag es gern melancholisch.

Seine Masterarbeit hat er über „Ton, Steine Scherben“ geschrieben. Er meint, diese Band sei die faszinierendste, die es je im deutschen Raum gegeben habe. Er sei zwar mit Hip-Hop sozialisiert worden, ihn interessiere jetzt aber alles, was man mit Musik „als trojanisches Pferd anstellen kann.“

Musikalische Reibungsflächen

Nun verwirrt er die Menschen, indem er Röcke anzieht, sich eine blonde Perücke aufsetzt und sich „Angela Aux“ nennt – in Anspielung auf die Frauenrechtlerin Anita Augspurg (1857 bis 1943). Diese geplante Verwirrung biete Reibungsflächen und habe „was Fluides“, sagt er. Er und Maria Moling hätten „sowas wie eine voralpenländische Gemeinsamkeit“, sagt er. „Magisch und mystisch“ sei die Musik, die beide miteinander produzieren.

Der Oma gewidmet

„In love with the Demons“ heißt ihre gemeinsame Platte. Aber zuerst ist Maria Moling dran, mit suggestiv einschmeichelnden Songs. Sozusagen fluid-verwirrende Musik bieten dann beide als „Me as Marie“: Mild und melancholisch-melodiös singt mit weicher Stimme „Angela Aux“ einen Song, den er seiner Oma gewidmet hat, und einen Song über Hochhäuser. Text und Musik entfalten sanft ihre psychedelisch-melancholische Wirkung.

Der Song „The Reason is you“ klingt wie ein Neil-Diamond-Schlaflied im Sechs-Achtel-Takt, ist aber voller Anklagen: dämonenvoll. Und es fehlt nicht der anklagende Sprechgesang „Deutschland“, in dem „Angela Aux“ mit einer Fülle von Metaphern, Aphorismen, Paradoxien und sprachlichen Floskeln (s)ein Bild der deutschen Wirklichkeit malt.

Ein moderne Gstanzler

Als „Stenz vom Berg“ bezeichnet sich der Hafner Beni, der sich den Künstlernamen „Oimara“ gegeben hat – weil er von einer Alm kommt, der Hafner-Alm oberhalb vom Tegernsee. „Bayerischer Songwriter, moderner Gstanzler, Improvisateur“ steht auf seiner Homepage über ihn, seine Musik sei „bluesig, funky, witzig“. Sein Video mit „Bierle in da Sun“ von 2016 hat inzwischen über 800.000 Aufrufe gehabt, bei Spotify wurde das Lied schon 1,5 Millionen Mal gestreamt.

Bairisch sollte man können

Viele betonen seinen Künstlernamen auf der zweiten Silbe und meinen, er komme aus dem Arabischen oder Persischen. Aber der „Oimara“ ist ein echter Tegernseer, der Kochen auf Mallorca gelernt hat. Das Hotelfach-Studium hat er schnell abgebrochen, weil er nur Musiker sein wollte. Nachdem er beim Geburtstag von Fritz Wepper aufgetreten war, ging die Karriere los.

Jetzt schreibt er auch für andere Sänger und hat ein eigenes Tonstudio: Er kann von seiner Musik leben. Wer nicht Bairisch kann, versteht oft nix, auch weil der „Oimara“ sprachakrobatische Wortspiele einbaut und oft irrsinnig schnell singt. Aber das Gefühl teile sich mit, sagt Beni, ein paar Wörter verstünden auch Nicht-Bayern schon.

Der Oimara feiert auf Bairisch das Leben.

Ohne obligate Lederhose

Auf der Bühne sitzt er ganz alleine, nur mit seiner Gitarre, ohne die obligate Lederhosn, der er ein entzückendes Liebeslied singt. Außerdem besingt er einen Kater („Mia duad heid ois so weh“), E-Bikes, Wohlbeleibte („Schnuckiputzi“) und die Tegernsee-Tagesgäste aus München („Mit der Bonznkarre an den Tegernsee“), ärgert sich, dass Blumenwiesen als Hundeklo genutzt werden und wünscht sich ironisch auf Bairisch-Englisch ein reiches Leben („Wonderful“).

Für den Film von Sebastian Schindler aus Soyen hat er den Titelsong mit lauter Palindromen geschrieben: „Mit dem Rückwärtsgang nach vorn“. Sein Konzert beschließt er mit dem Song „Busheislparty“, ein rhythmisch mitreißender Song, der die Spontaneität zufällig entstehender Partys feiert – was wir uns alle wieder wünschen würden.

Die Termine der Ausstrahlung werden noch bekanntgegeben. (re)

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