Umjubelter Auftritt der Reif-Brüder im Rosenheimer Ballhaus

Ein Konzert, das ins Blut geht

Christian Reif dirigierte die "Salzburg Chamber Soloists" und seinen Bruder Thomas Reif und dessen musikalische Partnerin Ulrike Jaeger. Foto Janka
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Christian Reif dirigierte die "Salzburg Chamber Soloists" und seinen Bruder Thomas Reif und dessen musikalische Partnerin Ulrike Jaeger. Foto Janka

Das war seit Langem wieder einmal ein Konzertabend, der ins Blut ging und von dem man lange zehren kann: Die "Salzburg Chamber Soloists" gastierten im Ballhaus Rosenheim. Auf dem Podium sitzen junge und sehr junge, ja blutjunge Musiker - und spielen sich in einen wahren Glücksrausch. Sie funkeln und lächeln sich während des Spiels an, stacheln sich gegenseitig an zu noch mehr Engagement, Hingabe, unbedingter Leidenschaft.

Ihr Dirigent ist genau so jung und einer von uns: Christian Reif, Kulturförderpreisträger des Landkreises und der Stadt Rosenheim. Ab September wird er sein Dirigierstudium an der Juilliard School in New York weiterführen. Hier in Rosenheim zeigt er noch mal, was er kann: Er achtet sorgsam auf lange Bögen, auf organische Entwicklungen, auf Spannungsvorbereitungen und Spannungsexplosionen, er gibt die richtigen Impulse, manchmal auch mittels seiner dunklen Augenbrauen, und er beherrscht die Kunst, bisweilen nicht zu dirigieren, die Musik einfach geschehen zu lassen: Ein junger Dirigent reift zur Größe.

Seine jungen Musiker beantworten sein Dirigat mit unbekümmerter Frische und musikantischer Lebhaftigkeit. Haydns Sinfonie Nr. 27 rauscht vibrierend-energisch und prall-saftig dahin, der langsame Satz schmilzt vor serenadenhafter Süße und Moll-Wehmut und im Presto fliegen die Fetzen. Nichts von kapriziösem Reifrock-Rokoko, nur jugendlicher Sturm und Drang.

In Mozarts Sinfonia Concertante KV 364 tritt Christians Bruder Thomas auf, zusammen mit der Bratscherin Ulrike Jaeger. Beide pflegen einen energischen Ton, aber immer blitzsauber, wohlüberlegt und doch die reine Überlegung dann vergessen machend. Beide sind traumhaft aufeinander eingespielt, wenn man die Augen schloss, konnte man manchmal gar nicht mehr die einzelnen Instrumente unterscheiden, sie verschmolzen, vor allem in der Kadenz im Kopfsatz, zu einer symbiotischen Einheit. Ulrike Jaegers Viola hatte einen edel-bronzierten Klang und ihr Spiel war enorm wendig, Thomas Reif pflegte einen goldenblitzenden, und energisch gespannten Ton. Sehr schön klang das tiefgründige Adagio und übermütig der Schlusssatz. Auch die beiden Hörner brillierten in Wohlklang. Alle Musiker spielten mit unwiderstehlichem Schwung, als ob sie dies Werk ganz neu für sich entdeckt hätten, und diese Entdeckerfreude teilten sie gerne mit den Zuhörern. Musiker und Zuhörer strahlten um die Wette, der Baifall tobte unmittelbar danach los.

Christian Reif wagte es, mit einem moderneren Werk zu schließen - und erntete auch dafür überraschten großen Beifall. Die Sinfonie Nr. 2 von Arthur Honegger ist in weiten Teilen lastend-melancholisch, traurig und tiefgründelnd. Die jungen Musiker knieten sich auch in diese etwas sperrige Musik hinein, produzierten gläserne, dann gleißende, ja fast schreiende Klänge, modellierten plastisch und mit nie nachlassender Intensität das manische Seufzermotiv im Adagio, das an den Hörnerven zerrt und kratzt, ließen dann unvermittelt die heftige Wildheit im Vivace losbrechen, warfen sich geradezu in die rhythmische Verzacktheit, die der Dirigent mit Exaktheit meisterte, und gipfelten die Entwicklung auf zum Trompetenchoral hoch von der Empore: ein wahrer Musik-Hitchcock.

Für den jubelnden Beifall bedankten die Musiker sich mit einem Tango von Astor Piazolla, hingefetzt und hingeschmalzt mit einem Temperament, das einen echten Argentinier erblassen lassen möchte: ein Abschluss, der ins Blut ging.

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