Die Komik des Drumherum-Formulierens

Musikalisch unterstützt vom Pianisten, präsentiert Constanze Baruschke-Herwegh gekonnt Frivoles.

Wasserburg – Ein augenzwinkernd inspirierendes Programm für laue Sommernächte haben Jörg Herwegh und Constanze Baruschke-Herwegh unter dem Titel „Frivol?

Jawoll!“ zusammengestellt. Gezeigt wird es als eine von etlichen Inszenierungen für das „Freiluft“-Programm, mit dem das Theater Herwegh in der Region unterwegs ist. Bei „Frivol? Jawoll!“ flüstern keine Geigen, um in den Himmel der Liebe zu entführen, sondern da perlt das Piano klassische Bar-Harmonien (routiniert an den Tasten: Ernst Hofmann).

Man trinkt keinen Champagner, vergnügt sich vielmehr mit ein paar Whiskey, um in die gewünscht verrucht-liederliche Stimmung zu kommen. Und Bert Brecht braucht schon einen Schnaps, um sich schließlich mit weichen Knien der Hölle zuzuschaukeln.

Die Kraftder Fantasie

So kommt man sich näher, obwohl Corona Distanz verlangt. Doch wer sagt denn, dass man immer gleich übereinander herfallen muss? Jörg Herwegh demonstriert mit einer Decke, die er zärtlich von imaginärem Kopf bis Fuß liebkost, dass das auch in der Fantasie Spaß machen kann. Nackte Tatsachen sind gut und schön, aber der Blick durchs Schlüsselloch ist doch viel aufregender. Man muss ein Auge zudrücken, um mit dem anderen umso besser sehen zu können.

Mädchen, die sich wie die Lämmlein still duldend hinlegen, sind wohl reine Männerfantasien: nicht schlecht, aber eher langweilig. Da vergnügt man sich doch viel lieber mit einer alten Postkarte vom Flohmarkt, die Autorin Ulla Hahn sehr sinnlich beschreibt. Denn da geht es um eine erotische Darstellung einer Dame, deren Rüschenkleid bis zum Halse hochgerutscht ist, und die nun mehr als nur ihre schwarzen Lochstrümpfe präsentiert. Dazu der Mann ohne Hose, aber anständig bekleidet mit Socken und Schuhen. Dem Abnutzungsgrad der Karte nach zu schließen ein viel benutztes Bild.

„Ran an die Madame“ ist die Devise. Ob es nun oden-mäßig überhöht mit Klopstock formuliert ist oder eher sprachlich assoziierend wie bei Robert Gernhardt: Mutter Natur und fleischliche Waden haben Hochkonjunktur. Selbst ein so ehrwürdiger Dramatiker wie Franz Grillparzer hat sich dem Küssen gewidmet.

Auf der anderen, der sprachlosen Seite steht dafür die Anekdote vom Xaver, der sich erst mit sechs Mass Mut ansäuft, seiner Angebeteten sein Geleit anträgt, und dann doch kein rechtes Wort findet („I red ned gern“), sondern auf Taten verweist („Soll i eam außa doa?“).

Die Sprachlosigkeit angesichts des Tabus, das Drumherum-Formulieren ist urkomisch. Auch wenn da eine höhere Tochter in einem Brief an ihre Frau Mama die haarsträubendsten Einzelheiten ihres Spiels mit dem Cousin nackt im Wald schildert, aber betont, dass sie sittsam kein einziges Wort mit irgendwelchen Jungs gesprochen habe.

UnbekannteGerüche

Ebenso komisch Max Goldts unbekannter Geruch des „spermatischen“ Pilzes. Mutter und Vater winden sich heraus, als der Sohn wissen will, was dies bedeutet und verweisen auf die Biologie-Lehrerin, die schließlich damit herausrückt: Der Pilz riecht eben wie ein ungelüfteter Schlafsaal einer Jugendherberge. Und spermatisch kommt von Sperma. So einfach ist das. Manchmal muss man eben alle Reinheit verdrängen und alles vollsauen. Ludwig Thoma schließlich berichtet vom nächtlichen Damenbesuch im Stockfinstern, der allerdings nicht die gewohnte Freundin war…

„Sex is a wonderful habit“ singt Constanze Baruschke-Herwegh mit wissendem Lächeln am Ende und entlässt das Publikum in die laue Nacht. Und im Hintergrund schwebt die Frage: Hast Du heute Abend schon etwas vor?

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