Kolbermoorer Orgelmittwoch: Panischer Pandemie-Tanz auf der Orgel

Frohgestimmt und spielfreudig sitzt Ann-Helena Schlüter an der Orgel in Wiederkunft Christi.
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Frohgestimmt und spielfreudig sitzt Ann-Helena Schlüter an der Orgel in Wiederkunft Christi.

Auf den beiden Orgel-Manualen flackert und irrlichtert es panisch wie verzweifelte Hilferufe, das Pedal torkelt hilflos umher, dann endet alles abrupt: „Pandemic Dance“ nennt die Organistin Ann-Helena Schlüter diese Eigenkomposition – ihre musikalische Reaktion auf die Corona-Pandemie bei ihrem Konzert in der Kirche Wiederkunft Christi .

von Rainer W. Janka

Kolbermoor – Zur Besänftigung gab’s nach einem insgesamt großartigen Konzert als Zugabe das Thema der Goldberg-Variationen von Bach, ganz sanft und behutsam gespielt. Der Kolbermoorer Orgelmittwoch in der Kirche Wiederkunft Christi geht nun schon in die neunte Saison, und die Reihe hervorragender Organisten nimmt kein Ende.

Von Johann Adam Reincken (1643 bis 1722) hat Bach viel gelernt. Die Fuga g-Moll mit einem recht repetitiven Thema ohne Basspedal spielte Ann-Helena Schlüter fast swingend heiter. Sie war der Auftakt zu dem folgenden reinen Bach-Programm voller Glanz und majestätischer Pracht: die eigentliche Musik gegen die Pandemie.

Intellektuell und emotional

Ann-Helena Schlüters Noten sind übersät mit handschriftlichen Eintragungen, Vortragszeichen und bunten Markierungen: Diese Organistin, mit einem Bachelor aus Frankfurt, einem Diplom aus Köln, einem Master aus Phoenix/Arizona und einem Magister aus Würzburg ausgezeichnet und grad arbeitend an einer Doktorarbeit über Bachs „Kunst der Fuge“, beschäftigt sich intellektuell-reflektierend mit dem, was sie spielt. Das hört man, gleichzeitig wächst während des Spiels die reine Lust am Spiel, sehbar an der zunehmenden Rötung ihrer Wangen.

Intellektuelle Durchdringung der Werke, sorgfältig geplante Disposition und zugleich Freude an der eigenen Virtuosität kennzeichnen ihre Darstellung. Bachs berühmte Passacaglia BWV 582 durchgliedert sie sehr transparent, so dass man das Thema durch Pedal und Manuale wandern hört, und steigert sie gut geplant ins Grandiose.

Tief berührend

Munter sprudelnd wie ein Springbrunnenstrahl klingt der erste pedallose Teil der Fantasia G-Dur BWV 572, breit und unaufhaltsam strömend der zweite Teil, der sich dann in kraftvolle Sechszehntelketten mit einem von der Organistin deutlich gespielten ostinat abwärts schreitenden Bass auflöst. So sinnfällig-plastisch spielt Ann-Helena Schlüter, dass sich im Kopf des Zuhörers lebendige Bilder entwickeln.

Und so meint man im ersten Satz der d-Moll-Triosonate BWV 527 bei den hurtig laufenden Skalen Kinder zu sehen, die sich jagen und im Kreis herum hinterherlaufen, im zweiten Satz zwei Hirten, die sich auf weiter Flur Melodien zuspielen und gleichzeitig flötend antworten, während der Schlusssatz im 3/8-Metrum wie ein fröhlicher Rundtanz ausklingt. Tief beeindruckend und tief berührend war dieses Konzert wie nur selten eines beim Orgelmittwoch. Rainer W. Janka

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