DIE GRUPPE 47

Die Keimzelle lag in Neubeuern

Die beiden Gastgeber:Schlossherrin Ottonie Gräfin von Degenfeld-Schonburg und der Dichter Rudolf Alexander Schröder.

Die Gruppe 47 gilt als die bedeutendste Autorenvereinigung der deutschen Nachkriegszeit. Nur wenig bekannt ist die Rolle, die Altenbeuern und das Schloss Nebeuern in der Geschichte der Gruppe 47 spielte. Zwei Ausstellungen im Rahmen der Neubeurer Kulturtage beleuchten die Geschehnisse von damals.

Neubeuern – Eigentlich war die Gruppe 47 ja gar keine Gruppe: Sie hatte weder eine feste Organisationsform noch eine Mitgliederliste und auch kein literarisches Programm. Geprägt wurde sie stark von der Einladungspraxis ihres Mentors Hans Werner Richter. Wen er zu den Treffen einlud, entschied er persönlich: „(…) jetzt gebe ich einmal im Jahr ein Fest, (…), das nennt man die Gruppe 47 (…). Und ich lade alle Leute ein, die mir passen, die mit mir befreundet sind.“ Zunächst tagten die Autoren, Kritiker, Journalisten und Verleger auf Einladung Hans Werner Richters per Postkarte zweimal, später nur noch einmal jährlich.

Ab 1950 vergab die Gruppe einen eigenen Preis, um junge Autoren zu fördern. Die erste Auszeichnung erhielt Günter Eich. Mit dem Preis begannen auch die schriftstellerischen Karrieren von Heinrich Böll und Günter Grass, zwei späteren Literatur-Nobelpreisträgern. Das letzte Treffen der Gruppe fand 1967 statt.

In der Forschungsliteraur geläufigt, aber in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist die Rolle, die Altenbeuern für die Geschichte der Gruppe 47 spielte – und das gleich zweimal.

Vom 25. bis 27. Juli 1947, noch vor der „offiziellen Gründung“ der Gruppe, hatte die junge Verlegerin Ingeborg Stahlberg Autorinnen und Autoren ihrer Buchreihe „Ruf der Jugend“ zu einer Redaktionskonferenz nach Neubeuern gebeten. Die Teilnehmer waren Gäste von Ottonie Gräfin von Degenfeld-Schonburg, die ihr Schloss Neubeuern und das dazugehörige Gut Hinterhör für die Konferenz zur Verfügung stellte. Vermittelt hatten die Tagung der Dichter Rudolf Alexander Schröder, Dankwart Graf von Arnim, ein früherer Schüler von Schloss Neubeuern und angehender Mediziner sowie der Lektor des Stahlberg-Verlags Christian von Tauchnitz.

Anwesend waren auch einige Mitarbeiter der Zeitschrift „Der Ruf“, die nach der Entlassung von Alfred Andersch und Hans Werner Richter durch die US-Militärregierung im April 1947 kein Forum mehr hatten. Unter ihnen entstand bei dieser Zusammenkunft die Idee zur Gründung einer eigenen Gruppe. Für ein Folgetreffen bot Ilse Schneider-Lengyel – auch sie schrieb für den „Ruf“ – ihr Haus am Schwangauer Bannwaldsee an. Man traf sich dort wenige Wochen später, am 6. und 7. September 1947. Diese Zusammenkunft gilt als die eigentliche Geburtsstunde der Gruppe 47.

Vor 70 Jahren schließlich – vom 17. bis 19. September 1948 – kam die Gruppe 47 erneut in Altenbeuern zusammen. Auch Ilse Schneider-Lengyel war dabei. Im Vergleich zu allen anderen Treffen ist allerdings gerade diese vierte Tagung bis heute wenig erforscht. Die überlieferten Dokumente belegen, dass es zu heftigen Kontroversen zwischen den Teilnehmern gekommen sein muss.

„Es begann unter Apfelbäumen“

Im Rahmen der „Neubeurer Kulturtage 2018“, die am 29. September beginnen (siehe unten), werden zwei Ausstellungen gezeigt, die sich mit diesem Thema beschäftigen: Die von Reinhard Käsinger, Intendant der „Neubeurer Kulturtage“ 2018, kuratierte Präsentation „Es begann unter Apfelbäumen … Die Idee der Gruppe 47 entstand in Altenbeuern“ über die Hinterhörer Treffen 1947 und 1948 mit Originaldokumenten und die Wanderausstellung „Ich bin als Rebell geboren. – Ilse Schneider-Lengyel – Fotografin, Kunsthistorikerin, Ethnologin, Dichterin ... und die Gruppe 47“. Die Schau wurde 2017 zum 70. Gründungsjubiläum der Gruppe 47 im Auftrag der Gemeinde Schwangau von dem Frankfurter Kulturbüro Drummer und Arns Historiker realisiert. Das umfassende Begleitprogramm mit Vorträgen, Lesungen, Film, Führungen und Musik erinnert an den kulturpolitischen Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. re/ku

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