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Jedermann zieht zweispännig ein

Der Neubeurer Jedermann feiert mit der Buhlschaft und bläst die Trompete.  Foto  Jacobi
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Der Neubeurer Jedermann feiert mit der Buhlschaft und bläst die Trompete. Foto Jacobi

Was den Salzburgern ihr Dom und Domplatz, ist den Neubeurern ihre Pfarrkirche und ihr von schönen Häusern mit Lüftlmalerei geschmückter Marktplatz: Schauplatz und Spielstätte für den "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal - in Neubeuern natürlich in der bairischen Adaption von Oskar Weber.

Wenn die Theatergemeinschaft Neubeuern aufspielt, zieht sie alle Register: Der Jedermann wird in einem Zweispänner mit tänzelnden Rössern vorgefahren, die Festgesellschaft zieht mit Blasmusi ein, beim krachend bunten Fest wird geplattlt und es fließt reichlich Bier. Der bayrische Gerstensaft wird von den Vorsängern (als Mitglieder der Chorgemeinschaft stimmstark: der Altenbeurer Dorfwirt Fritz Vornberger und Klaus Maier) emphatisch besungen, am Schluss geleitet eine große Schar allerliebster Engelein den Jedermann in den Himmel. Das ist großes pralles, bildsattes Volkstheater, alles geleitet und organisiert von dem umtriebigen "Klarei" Karl-Heinz Baumgartner.

Diesmal haben sich die Neubeurer einen Profi-Regisseur gesucht: den jungen Andreas Wiedermann, geboren in Straubing, wo er das "Impuls-Theater" gegründet hat. Aber es ist nicht genau auszumachen, was seine Leistung und was die Leistung des volkstheatererfahrenen Fritz Grabl ist, der viele Proben geleitet hat. Auf jeden Fall wird herzhaft gespielt, die große Bühne vor der Kirchenfront (Bühnenbild: Richard Schwarz) wird gut ausgenützt, die Spieler treten oft auf und ab, mitten durchs Publikum, der Spielfluss ist reibungslos vorwärtsdrängend, so dass Spannung aufkommt, auch wenn der Ablauf hinlänglich bekannt ist.

Vor allem aber wird hervorragend temporeich gesprochen, genau artikuliert und lebendig gestikuliert. Kleine Gesten verstärken die gesprochene Wirkung, so wenn das rege Anfangstreiben jäh, wenn der Tod zu Bachs "Air" erscheint, zu einem "gefrorenen Bild" stillsteht, so wenn Jedermann den Oberknecht mit einem Fingerzeig sich niederbeugen lässt oder den armen Nachbarn zum Schein den Geldbeutel nehmen lässt, dann aber schnell seinen Fuß draufstellt oder wenn der goldglänzende Mammon den Jedermann geradezu niederschmust. Kurze Einspielungen von Bach‘scher Musik vertiefen das Geschehen.

Bernd Eutermoser ist der Jedermann: großspurig und lautstark, aber auch zu leisen Tönen fähig, ein "Herrenmensch" mit raumgreifender Gestik, der intensiver in seiner Todesnot wird als beim Lebensfest. Für seine Buhlschaft ist Johanna Metzger die Bestbesetzung: Nicht nur wegen der leuchtendroten Robe, die ihre Figur umschmeichelt, nicht nur wegen ihrer reichen Haarpracht, nicht nur wegen ihrer souveränen Präsenz, sondern vor allem wegen ihrer sinnlich-erotischen Stimme, mit der sie melodisch girrend und lockend den Jedermann umgarnt.

Der Tod ist mitten unter uns: Hermann Hiemer, bleich geschminkt in schmucklos-schwarzem Anzug, muss nicht gestisch auftrumpfen, er ist einfach da in beherrschender Beiläufigkeit: eine Demonstration von wirkungsvoller Sparsamkeit schauspielerischer Mittel. Dafür darf der Teufel mit Hörnchen und Klumpfuß fröhlich furzen und enttäuscht herumtanzen (wendig: Josef Mager). Szenenapplaus bekam der Mammon: Markus Leitner glänzte golden-fett, herrisch und geld-geil mit ansteckend-meckerndem Lachen, das immer wieder melancholisch erstarb.

Bestens besetzt auch die vielen anderen Rollen: erbarmungswürdig in seinem Stolz-Verlust der Arme Nachbar (Sebastian Heibler junior), verzweifelt-wütig der Schuldknecht und seine Familie (Hans Warter und Regina Warter), ehrlich-eindringlich Jedermanns Mutter (Cilla Höhensteiger), gefährlich glatt wie ein moderner Banker Jedermanns Freund (Sebastian Berndt), ausgefeilt charakterisiert das Komikerpaar der Vettern (Fritz Grabl und Elmar zur Hörst).

Vollends anrührend dann die so gefährlichen christlich-allegorischen Rollen: Ernst und stimmklar Cilli Purainer als Glaube und vor allem Veronika Englberger als die "Guten Werke", deren starke Aura bis in die hinteren Ränge reichte.

Das Publikum, mit viel Politprominenz bis hin zm Bayerischen Kultur-Minister Dr. Wolfgang Heubisch, war hinlänglich ergriffen, spendete so manchen Zwischenapplaus zu Mammon und Teufel und reichlich Schlussapplaus. Die Neubeurer haben wieder einmal bewiesen, dass sie das Inntaler "Kulturdorf" sind. Das Fest auf der Bühne klang aus in dem Fest auf dem Marktplatz. Wer mag da noch sagen, wo Bühne, wo das wirkliche Leben ist?

Weitere Aufführungen sind am 17., 23., 24. und 25. August, jeweils um 20.30 Uhr. Kartenvorverkauf ist Dienstag und Donnerstag von 10 bis 14 Uhr im Haus der Gästeinfo am Marktplatz, ansonsten Karten an der Abendkasse.

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