Jahresausstellung des Kunstverein Traunstein: Neue Körperbilder hinterfragt

Während sich Doris Henle aus Eichstätt in ihrem „Avatar“ mit virtuellen Menschenbildern beschäftigt, fasziniert Waltraud Beysiegel aus München in ihren dynamischen Kohlezeichnungen die Metamorphose menschlicher Körper.
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Während sich Doris Henle aus Eichstätt in ihrem „Avatar“ mit virtuellen Menschenbildern beschäftigt, fasziniert Waltraud Beysiegel aus München in ihren dynamischen Kohlezeichnungen die Metamorphose menschlicher Körper.
  • vonAxel Effner
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Mit der aktuellen Präsentation im Prälaten- und Fürstenstock der Burg in Tittmoning beweist die Jahresausstellung des Kunstvereins Traunstein auch heuer einmal mehr ihr grenzüberschreitendes Format. Das Thema: Körperbilder der Gesellschaft.

Tittmoning – Mit der Eroberung des öffentlichen Raums als interaktive Präsentationsfläche legt der Kunstverein Traunstein in seiner jurierten offenen Jahresausstellung in der Vergangenheit die Messlatte für qualitätvolle Arbeiten hoch. Nach den faszinierenden Wechselwirkungen in zwei Traunsteiner Kirchen, unter den Arkaden und weiteren künstlerischen „Hotspots“ im Stadtbild sorgten im vergangenen Jahr die „Feldversuche“ im umgewidmeten „Supermarkt der Kunst“ im Zentrum von Chieming für großen Besucherandrang.

90 Arbeiten von 71 Künstlern

Das gilt zum einen für die Qualität und Vielfalt der 90 ausgewählten Arbeiten von 71 Künstlern, die Malerei, Grafik, Plastik, Fotografie, Videokunst bis hin zu Installationen und Performance umfassen. Zum anderen nehmen den Besucher auch die bildnerischen, gesellschaftskritischen oder materialästhetischen Ansätze gefangen, mit denen die Kunstschaffenden ihren Beitrag zum Thema „bodyscan – Körper der Gesellschaft“ umgesetzt haben. Anreisen bis aus Leipzig, Heidelberg oder Solingen nahmen einzelne Teilnehmer in Kauf, um dabei zu sein.

Wie Herbert Stahl, der Vorsitzende des Kunstvereins, in seiner Eröffnungsrede hervorhob, war ursprünglich geplant gewesen, die Ausstellung im neuen Kulturforum Klosterkirche in Traunstein zu präsentieren. Da der Südflügel jedoch noch nicht fertig ist, kam über Vermittlung des ehemaligen Kulturdezernenten Josef Wittmann die Burg Tittmoning als alternativer Ausstellungsort ins Spiel.

Gerade nach dem corona-bedingten Lockdown, der auch das Kulturleben auf null zurückgefahren hat, war der Hunger der rund 200 Besucher nach der lebendigen Auseinandersetzung mit Kunst und Künstlern, Diskussionen und Gesprächen deutlich zu spüren.

Der Künstler Helmut Mühlbacher thematisierte zusammen mit Mitgliedern der Theaterwerkstatt Traunstein die Systemrelevanz der Kunst in einer Performance. Auf den Boden genagelte grüne Fußabdrücke und irritierende Zwischenrufe konfrontierten die Anwesenden mit Abstandsregelungen und Achtsamkeit, Körperbewusstsein und Massenmanipulation im Corona-Zeitalter.

Klar ordnende Hand

Dass die klar ordnende Hand der erfahrenen Jury der Jahresausstellung gutgetan hat, wird beim Gang durch die so reizvollen wie schwierigen historischen Räume deutlich.

Herbert Stahl und Judith Bader von der Städtischen Galerie haben hier zusammen mit Klaus Ballerstedt und Samuel Rachl mithilfe durchdachter Themenräume und intelligenter Kombinationen für Übersichtlichkeit und Intensität gesorgt. Das Wechselspiel reicht dabei von einem Laboratorium für menschliche Experimente über abstrakte Variationen bis hin zu leuchtenden „Farbräumen“.

Irritation im Prälatenstock

Gleich im ersten Raum des Prälatenstocks hält Jutta Mayr dem Kunstfreund in ihrer „Irritation“ den Spiegel vor. In bläuliches Licht getaucht, wirft der geheimnisvoll und starr in einem schreinähnlichen Durchgang thronende „Avatar“ von Doris Henle Fragen nach virtuellen Menschenbildern im Computerzeitalter auf. So kontrastreich wie virtuos umrahmt wird er dabei von großformatigen Kohlezeichnungen von Waltraud Beysiegel. Sie zeigen dynamische Momentaufnahmen von Metamorphosen des menschlichen Körpers.

Einfallsreichejunge Kunst

Einfallsreichtum lassen auch die beiden eingeladenen jungen Kunstabsolventinnen erkennen. Alina Schweizer aus München experimentiert mit verfremdet übermalten Handy-Selfies. Kay Yoon aus Leipzig durchleuchtet das Wechselspiel von Videokunst und neuen Selbst- und Menschenbildern. Mit Gipsmasken und verzerrt arrangierten Fotoporträts spürt wiederum eine Kunstklasse des Annette-Kolb-Gymnasium aus Traunstein dem Menschsein nach.

Beim Durchschreiten der Räume drängt sich immer wieder die Frage auf, welchen Einfluss visuelle Medien und die zunehmende Virtualisierung der Wirklichkeit auf die Wahrnehmung und das Bild vom Körper haben.

Oder weiter gefasst: Inwiefern werden die physischen Zugriffe auf die immer minutiöser vermessenen Körper von Lebewesen massiver und prägen sich zusammen mit veränderten Wertvorstellungen und Lebensbedingungen Körper und Bewusstsein gleichermaßen ein?

Eine Vielzahl inspirierender Antworten findet man beim Besuch der Ausstellung auf der Burg in Tittmoning. Sie ist bis 2. August, jeweils Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

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