Interview mit dem Chef des Chiemgauer Volkstheaters Paradebayer Bernd Helfrich feiert 75. Geburtstag

Als Chef des Chiemgauer Volkstheaters und Schauspieler zahlreicher Kino- und TV-Produktionen wurde Bernd Helfrich einem Millionenpublikum bekannt. Auf seinem Hof in der oberbayerischen Gemeinde Riedering schöpft er Kraft für die Arbeit auf der Bühne.
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Als Chef des Chiemgauer Volkstheaters und Schauspieler zahlreicher Kino- und TV-Produktionen wurde Bernd Helfrich einem Millionenpublikum bekannt. Auf seinem Hof in der oberbayerischen Gemeinde Riedering schöpft er Kraft für die Arbeit auf der Bühne.

Er ist Theaterleiter, Schauspieler, Autor und Regisseur: Der gebürtige Münchner Bernd Helfrich hat das Chiemgauer Volkstheater als Chef zusammen zu einem der erfolgreichsten deutschen Bühnenensembles gemacht. Am 30. August feiert der Paradebayer aus zahlreichen Film- und Kinoproduktionen seinen 75. Geburtstag

Von Axel Effner

Riedering – . Im Interview gibt Bernd Helfrich Einblick in sein Erfolgsrezept, verrät mehr über seine Schwäche für Fußball und Eishockey, seine Vorbilder und das Geheimnis einer guten Ehe.

Ihr Vater Lothar Kern leitete viele Jahre das Tegernseer, Ihre Mutter Amsi das Chiemgauer Volkstheater. Gab es bei Ihnen in der Jugend andere Pläne als Volksschauspieler zu werden?

Helfrich: Mit 14 wollte ich eigentlich Damenfriseur werden. In dem Salon in der Briennerstraße in München hingen so tolle Plakate und ich schwärmte davon, dass sich die schönen und eleganten Damen von mir die Haare machen lassen wollten.

Aber es kam ganz anders.

Helfrich: Mit 15 fragte mich mein Vater, ob ich nicht Lust aufs Theater hätte, weil der Nachwuchs knapp war. Ich sagte zu, kam viel herum und hatte auf der Schauspielschule in Stuttgart Sprechunterricht bei der Opernsängerin Anna Silja, die bereits mit 17 als Wagner-Wunderkind gefeiert wurde.

Gab es Vorbilder für Sie als Schauspieler?

Helfrich: Gustl Bayerhammer war mit seiner kraftvollen Art und Souveränität eine wichtige Größe für mich. Im Münchner Residenztheater stand ich bei Thoma-Einaktern und im „Brandner Kasper“ auf der Bühne und habe mir viel von den alten Hasen abgeschaut. Ihre Mimik und Gestik studiert oder wie sie Gefühle und innere Prozesse umsetzen. Ich wusste, irgendwann kann ich das brauchen.

Eine ihrer Paraderollen war der junge Liebhaber.

Helfrich: Da konnte ich mir einiges von Maxl Graf abschauen. Später habe ich mich in dieser Rolle mit Gerhard Lippert beim Komödienstadel abgewechselt.

Bekannt geworden sind Sie 1977 in der Rolle des Verführers und Gastwirts Franz Merkl im TV-Zweiteiler „Bolwieser“. Wie wurde der Regisseur Rainer Werner Fassbender auf Sie aufmerksam?

Helfrich: Er kannte mich wohl von einigen Fernseh-produktionen und hat mich zum Vorstellungsgespräch in seine Münchner Wohnung in eingeladen. Dort war alles schwarz, Wände, Badezimmer, Betten. Die Produktionscrew saß in der Küche und ließ einen Joint kreisen. Für mich eine sehr ungewöhnliche Situation, aus der mich Fassender in der Runde mit den Worten „Lasst das, der Bernd will das nicht“ befreit hat. Das war Wahnsinn!

Wie war die Arbeit mit Fassbender?

Helfrich: Die Regielegende war von einer anderen Welt, aber auch genial. Am Set war es irgendwie verrückt. Er hat einen spielen lassen und dann ganz dezent mit Verbesserungsvorschlägen auf die richtige Spur gebracht. In einer Liebesszene mit der Hauptdarstellerin Elisabeth Trissenaar sagte er mir: „Schau ihr tief in die Augen und steh‘ dann amerikanisch auf.“ Das hieß, sich ganz langsam und sehr bildwirksam zu erheben.

Sie sind auch als Autor und Regisseur tätig. Wie entstehen die Stoffe?

Helfrich: Die Geschichten fallen mir meistens bei Ge-sprächen, beim Autofahren oder bei Alltagsbegebenheiten ein. Man muss nur aufmerksam sein. Der Stoff zum jüngsten Erfolgsstück „Bauer sucht“ ist von den Junggesellen in unserem eigenen Dorf, wo wir wohnen, inspiriert. Wenn ich dann die Figuren aus unserem Team im Kopf habe, schreibt es sich leichter.

Was macht den Unterschied zwischen beim Schauspielern auf der Theaterbühne und für das Fernsehen aus?

Helfrich: Im Fernsehen muss man sehr viel präziser arbeiten und hat - kameratechnisch bedingt - nicht so viel Raum. Dafür muss ich auf der Bühne lauter spre-chen und eine andere Mimik einsetzen. So gelingt es, auch die letzte Zuschauerreihe gut mit einzubinden, was ich denke und fühle.

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Nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Eishockeytor haben Sie offensichtlich eine ganz gute Figur gemacht, oder?

Helfrich: Richtig. Ich war diesbezüglich Spätberufener, obwohl ich immer schon sehr sportlich war. Mit Franz Beckenbauer stand ich zum Beispiel im Fußball zusammen in der Schülermannschaft. Später war ich als Torwart aktiv und kam durch Zufall beim Zuschauen zu den Rosenheimer Starbulls, die in den 80er Jahren dreimal Deutscher Meister waren. Als Torwart habe ich mich ein paar Jahre regelrecht ins Training reingefressen und durfte 1984 als Ersatz für Karl Friesen aufs Eis, als der bei den Olympischen Winterspielen war.

Ihr Engagement im Eishockey inspirierte offensicht-lich auch die Autoren für eine Folge des „Bullen von Tölz“.

Helfrich: In der Tat. Das Drehbuch hatte aber wenig mit der Realität zu tun, sodass ich mir zum Überarbeiten über den Materialwart in Rosenheim Informatio-nen über die Trainerlegende Hans Zach geholt habe. Der Effekt beim Drehen war dann, dass sogar die engagierten Eishockeyprofis zusammengezuckt sind, wie ich sie als knallharter Trainer zur Schnecke gemacht habe.

Nach 214 TV-Produktionen hat sich der Bayerische Rundfunk 2018 vom Chiemgauer Volkstheater getrennt. Warum?

Helfrich: Dass man sich nach knapp 25 Jahren viel-leicht mal trennt ist ja in Ordnung, nicht aber das Wie! Wir hatten jahrelang ein super Verhältnis mit den Fernsehdirektoren und haben uns regelmäßig über Verbesserungsvorschläge ausgetauscht. Die letzten fünf Jahre herrschte dagegen Eiszeit. Es gab keine Herzlichkeit und keine Verbindung mehr. Dann haben wir bei einem Treffen mit der Redaktion am Irschenberg erfahren, dass der neue Fernsehdirektor keine Zusammenarbeit mehr wünscht. Die Quoten waren zwar in Ordnung, aber der Sender müsse sparen, hieß es. Diese kühle Art der Verabschiedung war alles an-dere als ein Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung.

Im Februar standen Sie das letzte Mal auf der Bühne. Wie gehen Sie als Chef des Chiemgauer Volkstheaters mit der Corona-Krise um?

Helfrich: Wir konnten zum Glück unsere letzte Tournee noch vor Corona beenden. Aktuell fallen 54 Aufführrungen in der Komödie im Bayerischen Hof flach. Nach der Produktion wollte ich mit 75 Jahren eigentlich von der Bühne abtreten. Das zieht uns jetzt den Boden unter den Füßen weg. Anfangs haben wir die Ruhe genossen, jetzt bangt man von Woche zu Woche. Aktuell laufen die Planungen für 2021. Ich hoffe, dass wir dann mit unserem Stamm-Ensemble von zwölf Schauspielkollegen wieder durchstarten können.

Was macht den Erfolg des 1929 gegründeten Chiemgauer Volkstheaters aus, dessen Leitung Sie 1984 übernommen haben aus?

Helfrich: Bei „Bauer sucht“ haben wir viele aktuelle Trends mit eingebaut, die die Leute beschäftigen, bis hin zu einem Männer-Strip. Vielleicht deshalb haben wir auch überraschend viele junge Zuschauer. Unser Ziel ist es, den Besuchern einen genussreichen Abend zu bieten, der sie zwei Stunden lang die Sorgen des Alltags vergessen lässt. Bei einer persönlichen Verabschiedung des Ensembles vom Publikum kurz vor dem Lockdown waren wir überrascht über die äußerst positiven hochemotionalen Reaktionen. Das spornt für die Zukunft an.

Sie sind seit 45 Jahren mit ihrer Schauspielkollegin Mona Freiberg verheiratet, die auch in der Geschäftsführung tätig ist. Was ist das Erfolgsgeheimnis Ihrer Ehe?

Helfrich: Wir sind kein typisches Schauspielerehepaar, das immer wieder Wochen oder Monate für verschiedene Engagements getrennt ist. Das ist wichtig. Auch wenn es im Geschäft immer wieder Reibungspunkte gibt, verstehen wir uns gut. Meine Frau ist auch sehr verständig. Zudem schätzen wir unsere Familie sehr.

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