Interview mit dem Bad Aiblinger Künstler Andreas Legath: „Größtes Vertrauen, größte Belastung“

Andreas Legath inmitten seiner „Schützlinge“, die er betreuen darf.
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Andreas Legath inmitten seiner „Schützlinge“, die er betreuen darf.

Rosenheim – Bei der Vernissage der Ausstellung „Die 80er!“, die noch bis 15. November in der Städtischen Galerie zu sehen ist, konnte Erika Maria Lankes, aus deren Werk gewichtige Figuren zu sehen sind, aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Dabei war zu hören, dass ein Großteil ihrer Werke der Stadt Rosenheim überlassen wurde und von dem Maler und Musiker Andreas Legath betreut wird.

Erika Maria Lankes hat einen Großteil ihrer Werke der Städtischen Galerie Rosenheim übereignet…

Andreas Legath:Ich darf korrigieren, dass nicht primär die Stadt Rosenheim das Ziel der Schenkung war, sondern mir absolut freie Hand gelassen wurde, Adressen auszusuchen für das Werk von Erika Maria Lankes. Natürlich war es naheliegend, als Hauptadresse Rosenheim anzuvisieren, um Ausstellungen, Forschung und Präsenz dieses wichtigen plastischen Werks primär in Rosenheim zu belassen. Aber es wurden auch Kunstinstitutionen wie die Grafische Sammlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlung und die Ostdeutsche Galerie Regensburg involviert, um Teile dieses Werks aufzunehmen.

Warum gerade Sie?

Andreas Legath:Es war die Absicht von Erika Lankes, mir diese Aufgabe zu übertragen, was einerseits größtes Vertrauen, andrerseits auch größte Belastung darstellt. Es gilt, ihr gesamtes künstlerisches Werk, das ja primär aus Skulpturen besteht, aber auch aus Zeichnungen und frühen Bildern, an geeignete Plätze zu verteilen.

Nochmal gefragt: Warum gerade Sie?

Andreas Legath: Das kann ich auch nur vermuten. Zum einen ist naturgemäß die über 45-jährige Freundschaft, Verbindung und Begleitung eine Ursache, dann auch der Wunsch, die Nichte von Erika Lankes nicht zu belasten, sondern es jemandem zu übertragen, der als bildender Künstler näher an dieser Materie dran ist und auch zu Einschätzung und Qualitätsurteilen imstande ist. Man muss die Genesis dieser Idee verfolgen, die einige Jahre zurückliegt, als sie mich zum ersten Mal mit dem Gedanken vertraut gemacht hat. Sie würde sich das wünschen, dass ich das übernehme. Ich hab dann gesagt, ich könne mich dem nicht entziehen. Es ist ja tatsächlich eine lebenslange Freundschaft. Franz Lankes und sie haben bei mir die Grundlagen gelegt, dass ich nach dem Abitur zum Rudi Tröger (1967 bis 1992 Professor für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Anmerkung der Redaktion) in die Malerklasse gegangen bin, meine Mappe vorgelegt habe und es dann eine Selbstverständlichkeit war, dass ich aufgenommen wurde. So gab es immer wieder Kontakt und Austausch. Das blaue Haus von Erika und Franz Lankes in Landl hatte eine Magie, der man sich nicht entziehen konnte. Diese Magie ist schon verschwunden, als Franz Lankes 2003 gestorben war und Erika Lankes das Haus notwendigerweise verändern musste. Die beiden waren schon ein b‘sonderes G‘spann! Sie sind getrennt nicht denkbar und die Erika ist ohne Franz schon gar nicht denkbar. Das, glaube ich, ist ein wesentlicher Punkt für ihre Entscheidung. Dann hat sie eben gesagt: „Könntest Du es machen?“ Ich habe gesagt: „Gut, wenn das Dein Wille ist. Eine Bedingung stelle ich schon: Es geht nur, wenn es mit einer juristisch einwandfreien Manifestierung einhergeht!“Lesen Sie auch:Ausstellung von Andreas Legath: Eigene Sichtweise auf Landschaften

Dankmedaille für Herbert Klee und Andreas Legath

„Gute Kunst ist wahrhaftig“

Sie betreuen das Ganze?

Andreas Legath: Es ist jetzt alles, was künstlerisch relevant ist, im Depot der Städtischen Galerie. Wir haben alles aus dem Garten in Landl hertransportiert und haben in der Stadt Rosenheim dank Monika Hauser, der Leiterin der Galerie, und dank Robert Berberich, dem damaligen Kulturreferenten, eine sehr große Bereitschaft erfahren. Denn das alles ist gar nicht so leicht. Darüber bin ich sehr froh. Natürlich habe ich einen Großteil noch – es ist ja auch ein großer Stoß von Aquarellen von Franz Lankes da! Jetzt habe ich geplant, nächstes Jahr an Weihnachten in Bruckmühl von beiden eine Ausstellung zu machen. Das Ignaz-Günther-Gymnasium, wo Franz Lankes Kunsterzieher war, habe ich mit einigen Aquarellen bedacht, So bin ich immer am Denken, wer könnte wo noch irgendetwas sinnvoll brauchen.

Würden Sie am Ende noch die künstlerische Bedeutung des Werkes von Erika Maria Lankes würdigen?

Andreas Legath: Erika Lankes hat an der Akademie in München studiert, zunächst Malerei bei Charles Crodel, einem abstrakten Maler, und dann zwei Semester Bildhauerei bei Heinrich Kirchner. Die Initialzündung fand in Venedig auf der Biennale durch ein realistisches Bildwerk statt. Die Ausrichtung auf das sehr spezifische Material Polyester war für sie wegweisend. Sie konnte dann an der Akademie diese neuartige Technik noch studieren, hat sich ganz mühsam vorgetastet und so entstanden in den frühen Siebzigerjahren erste Portraits, Reliefs und Ganzfiguren. Erst im Laufe der Zeit ist diese für sie so typische zerklüftete Oberfläche entstanden, die alles rein Ästhetische beiseiteschiebt, die sich auf die Armen, am Rande Stehenden, die Geschundenen stürzt. Sie hat sich in den 90-er Jahren, auch mit ihrer Herkunft der Flucht, mit der Vertreibung der Bosnier im Balkankrieg heftig identifiziert und kommt hier zu Bild- und Plastikfindungen, die Ausdruck der Zeit sind und unter die Haut gehen aufgrund der kompromisslosen Sprache, die sie entwickelt hat. Der Realismus, unter dem das Ganze ja läuft, ist mit Vorsicht zu genießen: Es handelt sich bei Gott nicht um irgendwelche 1:1-Abbildungen der im Leben stehenden Figuren, sondern es gibt gewaltige Eingriffe in das Material, das sie mittels Fotos aus dem urbanen Zusammenhang Rosenheims aufgreift. Ihre Figuren, die oft bis zur Deformation in einem sicher auch liebevollen Prozess gesetzt sind, dürfen ihre Wunden, Schrunden, Verletzungen und Verletzbarkeiten zeigen.

Das heißt, die Rosenheim hat damit einen großen Schatz bekommen?

Andreas Legath:Ja, ich denke, dass diese Schar repräsentativer Großplastiken ein Zeugnis der Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bayerns ist und dass Lankes Werk gut in diese Landschaft passt, die auch durch Künstlerpaare wie die Kirchners in Pavolding, die Stadlers in München und die Balwés in Übersee künstlerisch geprägt ist. Es handelt sich hier um ein ganz großes Thema des 20. Jahrhunderts, das in der Behandlung durch Erika Maria Lankes ohnegleichen ist. Interview: Rainer W. Janka

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