„Inselkonzerte“: Ein musikalischer Hörkrimi allererster Güte mit dem „Eliot Quartett“

Benennen sich nach dem englischen Lyriker T. S. Eliot: (von link): Maryana Osipova und Alexander Sachs (Violinen), Dmitry Hahalin (Viola) und Michael Preuss (Cello).
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Benennen sich nach dem englischen Lyriker T. S. Eliot: (von link): Maryana Osipova und Alexander Sachs (Violinen), Dmitry Hahalin (Viola) und Michael Preuss (Cello).

Das „Eliot Quartett“ widmete sich bei seinemKonzert im Bibliothekssaal des Alten Schlosses auf der Herreninsel dem diesjährigen Jubilar Ludwig van Beethoven. Im Rahmen der Kammermusikreihe der „Inselkonzerte“ boten sie ein gewaltiges Programm.

von Marco Frei

Chiemsee – Es ist überaus löblich, wie Nils Mönkemeyer und William Youn die „Inselkonzerte“ durch die Corona-Pandemie steuern. Schon frühzeitig, haben sie die Initiative ergriffen. Die diesjährige Reihe setzt ein überaus starkes Zeichen für den Erhalt des „Kulturstaats Bayern“. Allein dafür hätten sie eine besondere Auszeichnung verdient. Noch dazu ist dieser Jahrgang der „Inselkonzerte“ einer der stärksten überhaupt.

Das gilt auch für das Gastspiel des „Eliot Quartetts“. Im Bibliothekssaal des Alten Schlosses auf der Herreninsel würdigten Maryana Osipova und Alexander Sachs (Violinen) sowie Dmitry Hahalin (Viola) und Michael Preuss (Cello) den diesjährigen Jubilar Beethoven. Gleichzeitig wurden seine Wurzeln gepflegt. Deshalb wurde Beethovens op. 131 mit dem Streichquartett op. 20 Nr. 2 von Joseph Haydn gekoppelt.

Joseph Haydn und Luigi Boccherin

In der Einführung wurde Haydn als „Erfinder“ der Gattung bezeichnet, aber: Diesen Titel muss er sich mit Luigi Boccherini teilen. Zwar hatte Haydn schon Ende der 1750er Jahre für diese Besetzung geschrieben, allerdings „Divertimenti“. Haydn selbst nannte die Reihe op. 9 von 1769/70 seine ersten Quartette. Da hatte aber Boccherini sein erstes Streichquartett aus op. 2 längst komponiert, nämlich 1761. Dafür aber machten die Musiker deutlich, wie sehr Haydn schon im C-Dur-Quartett Nr. 2 aus op. 20 von 1772 die Norm sprengt. Im Adagio offenbarte das höchst intensive Spiel, dass dieser Satz nicht nur ein freies, kontrastreiches Capriccio ist. Hier lebt die Welt der Oper auf, samt rezitativischen und ariosen Momenten. Von einer „absoluten Musik“ ist das weit entfernt.

Im Bibliotheksaal wurde eine dichte Opernszene geboren. Ob die pastorale Hirtenmusik im Menuett oder die geradezu explosive Final-Fuge: Mit viel Feingespür hat das Eliot Quartett die Kühnheiten dieses Werks stilgerecht verlebendigt.

Die Kunst der Interpretation

Rasend schnell der letzte Satz, aber: Man kennt das nicht nur vom „Quatuor Ébène“, sondern auch von manchen Originalklang-Quartetten oder vom „Quatuor Ardeo“. Letzteres hat auch schon bei den „Inselkonzerten“ gespielt. Die Musik ist jedoch kein sportlicher Geschwindigkeits-Wettkampf, sondern eine Kunst der Interpretation. Wie Form und Gehalt stringent ausgeleuchtet wurden, das war eine bleibende Meisterleistung.

Das setzte sich im Quartett op. 131 von Beethoven fort. Hier waren die Vier gewissermaßen in ihrem Element, denn: Ihr Ensemble ist nach dem Lyriker T. S. Eliot benannt. Sein epochales Spätwerk „Four Quartets“ von 1935/42 ist von den letzten Streichquartetten Beethovens direkt inspiriert. Sieben Sätze, die als fließendes Kontinuum gedacht sind, mit rund 45 Minuten Musik: Das war 1826 unerhört. Beim Eliot Quartett erwuchs ein Hörkrimi allererster Güte.

Ein gewaltiges Programm

Mit dem „Intermezzo“ aus dem Streichquartett op. 13 von Felix Mendelssohn als Zugabe wurde deutlich, wie sehr große Komponisten nach Beethoven ganz eigene, andere Lösungen fanden. Die hier auskomponierte Atmosphäre einer Prozession wird Anton Bruckner im zweiten Satz seiner Sinfonie Nr. 4 aufgreifen. Dieses gewaltige Programm hat das Eliot Quartett wegen der Corona-Regeln zweimal gespielt: ein mentaler und physischer Kraftakt. Vor dieser Leistung darf man sich tief verneigen.

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