Holzknechtmuseum Ruhpolding: Zeitdokumente eines Wanderfotografen

Josef Schöpf lebte mitten unter den Holzarbeitern. Dadurch gelangen ihm sehr authentische Fotografien, die die der damaligen Arbeitsbedingungen zeigten.
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Josef Schöpf lebte mitten unter den Holzarbeitern. Dadurch gelangen ihm sehr authentische Fotografien, die die der damaligen Arbeitsbedingungen zeigten.

Eine Sonderausstellung im Holzknechtmuseum Ruhpolding zeigt bis Ende Oktober seltene Fotozeugnisse aus dem Arbeitsleben der Waldarbeiter um 1900. Die Schau kam durch Kooperation mit dem Fotohistoriker Willi Pechtl zustande. Im Mittelpunkt: der Wanderfotograf Josef Schöpf.

Von Axel Effner

Ruhpolding – Über vier Jahrhunderte lang war der Berufsstand der Holzknechte ein prägender Bestandteil der Arbeitswelt sowie des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens im Ruhpoldinger Tal. Analog zu anderen Regionen in den bayerischen Alpen bildeten die Wälder und die Holzversorgung der Salinen und Hüttenwerke eine wichtige Lebensgrundlage für die hier ansässigen Menschen. Aufgrund des erforderlichen Muts und der Entschlossenheit, die der Holzeinschlag, Loitenbau, Schlittenzug und die Trift erforderten, genossen die Holzknechte hohes Ansehen.

. Er sammelt und archiviert seit knapp 40 Jahren alte Fotodokumente und -nachlässe.

Wanderjahre im alpinen Raum

Im vergangenen Herbst erschien seine Neupublikation „Wanderjahre – Ein Beitrag zur Geschichte der Fotografie im alpinen Raum.“ Der zeitliche Rahmen umfasst die Anfangszeit der Fotografie von 1839 bis 1914. Das Buch präsentiert in 270 Aufnahmen den harten Arbeitsalltag und Charaktere in Gebirgsdörfern, den aufkommenden Fremdenverkehr sowie die Lebensgeschichten und Dokumente von Pionieren. Diese kamen Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer Fotoausrüstung bei ihrer Wanderarbeit in ganz Europa herum. Auch in den Wäldern der bayerischen Alpentäler waren die Holzarbeiter aus Tirol bei Windwürfen und Einschlägen im Steilgelände gefragt.

Das Holzknechtmuseum zeigt aus dieser Sammlung rund 30 historische Aufnahmen des Bauernfotografen Josef Schöpf (1886 bis 1915). Ergänzt wird die Schau von einem Video von Inge Prechtl, das eine lautmalerische Holzbringung an einem eisigen Wintertag zeigt.

Experimente mit Licht

Der Pitztaler Josef Schöpf entstammt einer ärmlichen Bauern- bzw. Schusterfamilie und arbeitete früh als Flickschuster und Holzarbeiter auf Wanderschaft. Mit einem selbst gebastelten Fahrrad zog er über die Alpenpässe bis nach Trient. Mit hilfe einer Plattenkamera, die er wohl von einer Fotographenwitwe erstanden hatte, hielt er seine Zeitgenossen im Bild fest: Holzfäl-er im Wald, Wilddiebe, Wirthausbesucher und Kellnerinnen, Fuhrleute, Zimmerer und Sargtischler, Soldaten, Bauernfamilien oder auch emanzipierte Sommerfrischler und Bergtouristinnen. Die benötigten Glasscheiben stellte Schöpf aus zerschnittenen Glasplatten selbst her. Zur Belichtung reichte das Sonnenlicht, die Wässerung der Aufnahmen erfolgte meist im örtlichen Brunnen. Ebenso experimentierte er mit elektrischem Licht.

„Was ausfällt, ist die große Offenheit, mit denen sich die Porträtierten von Schöpf arrangieren und fotografieren lassen“, sagt Museumsleiterin Dr. Ingeborg Schmid beim Rundgang. „Das war damals keineswegs selbstverständlich.“ Schöpf entwickelte erstaunlichen künstlerisch-ästhetischen Ehrgeiz bei seinen Bildschöpfungen.

Die einmaligen Bilddokumente lassen in Hintergrund, Arrangement und Ausdruck den Charakter und gesellschaftlichen Stand der Abgebildeten gut erkennen. Erstaunlich, dass ein armer Schusterbub in der Qualität fast an Zeitzeugnisse wie die des großen Kölner Porträtfotografen August Sander(1876-1964) heranreicht.

Für sein Buch entwickelte Pechtl die erhaltenen Pho-toglasplatten von Schöpf und befragte Zeitzeugen nach den Umständen von dessen Leben. Das endete früh: Nach der Einberufung in den Ersten Weltkrieg 1914 starb der 28-Jährige ein Jahr später in Galizien.

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