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Hollywood im Reich von König Arthus

Tiroler Festspiele Erl: Eröffnungsreden und Musik spiegeln Besorgnis wider

Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen beschwor bei allen Krisen einen trotzigen radikalen Optimismus.
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Der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen beschwor bei allen Krisen einen trotzigen radikalen Optimismus.
  • VonRainer W. Janka
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Auch die Festspiele können sich den Zeichen der Zeit entziehen. Der Krieg in der Ukraine und die Vereinnahmung von Künstlern für nationalistische Zwecke bestimmen die Eröffnungsreden in Erl. Auch die Musik spiegelt die Besorgnis wider.

Erl/Tirol - Keine Festspiel-Eröffnung ohne Reden, aber diesmal waren sie zwischen die Musikstücke platziert: Beim Eröffnungskonzert der Tiroler Festspiele Erl beschwor Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner wie immer den Europa-Gedanken, forderte eine gemeinsame europäische Sicherheitspolitik, aber auch Wehrhaftigkeit, wendete sich gegen eine nationalistische Vereinnahmung der Künstler und Komponisten und rief am Ende emphatisch aus, dass es nur ein gemeinsames Europa gebe.

Landeshauptmann Günther Platter betonte, dass man auch in Kriegszeiten feiern dürfe und dankte Haselsteiner für Kultur in schwierigen Zeiten.

Blühender und süffig-samtener Klang

Bundespräsident Alexander Van der Bellen kann kein Ende des Ukraine-Krieges sehen, weil Putin das russische Imperium von vor 1917 wiedererrichten wolle, stellte derzeitig eine Kumulation der Krisen fest, von denen die Klimakrise „eine existentielle Bedrohung der Menschheit“ sei, und forderte dennoch einen „radikalen Optimismus“.

Die gespielte Musik entführte in mythische Gefilde, nämlich in das mythische Reich von König Arthus, nach Hollywood mit Wiener Klangschmalz und ins ungarische Städtchen Galánta.

Schon in der symphonischen Dichtung „Viviane“ von Ernest Chausson konnte man den blühenden und süffig-samtenen Klang des Festspiel-Orchesters bewundern, der das Wagner-ähnliche musikalische Weben und Wogen vom klangnebligen Liebesidyll über die dramatischen Fernrufe der Trompeten bis hin zur emotionalen Aufheizung perfekt gestaltete. Inhalt dieser mythischen Musikdichtung ist eine Liebesgeschichte zwischen Viviane und dem Zauberer Merlin.

Wiener Wunderkind

Erik Nielsen hatte ganz kapellmeisterlich immer alles und alle im Blick und dirigierte mit unmissverständlich klarem Schlag. Erich Wolfgang Korngold war ein musikalisches Wiener Wunderkind, wurde mit seiner Oper „Die tote Stadt“ berühmt und ging rechtzeitig vor dem „Anschluss“ Österreichs nach Hollywood, wo er für seine „farbenreiche, expressive und flexibel zwischen Lyrik und Dramatik changierende Filmmusik“ (so das ausführliche und kenntnisreiche Programmheft) zwei Oscars gewann.

Teile seiner Filmmusik verwendete er auch in seinem Violinkonzert D-Dur aus dem Jahre 1945. Das Orchester bietet da meist nur die farbige Folie für den Violin-Part, aber man hörte durchaus heraus, wie sehr sich John Williams von Korngold inspirieren ließ: Man ahnte die Jedi-Ritter im Hintergrund marschieren. Das Anfangsthema zielt nach den Sternen und hätte auch zu dem Film „E.T.“ gepasst, die Musik des Zwischensatzes ist wie ein auskomponierter Sonnenaufgang.

Spätromantische Klangüppigkeit

Der kanadisch-amerikanische Geiger Timothy Chooi kostete die hemmungslos-melodische spätromantische Klangüppigkeit aus, ertrank aber darin nicht, sondern hielt sich mit Geschmack über Wasser, Geschmack vor allem in der Exaktheit der Bogenführung und Eleganz der Phrasierung, auch im schwülstigen Spiel mit dem Dämpfer und auch im heftigsten Vibrato. Im Finale bestand er, breitbeinig und immer wie auf dem Sprung stehend, alle virtuosen Schwierigkeiten. Für sein Spiel gewann er immer wieder Zwischenapplaus. Das sehr geschmeidige Orchester geriet dabei fast ins Tanzen – wie in den „Tänzen aus Galánta“ von Zoltán Kodály. Sehr umsichtig lenkte Erik Nielsen das Orchester durch die vielen Rhythmuswechsel bis hin zum fulminant zündenden Csardas -ähnlichen Schluss. Mit Recht bescherte er der delikat aufspielenden und sehnsüchtig mit ihrem Instrument singenden Klarinettistin einen Sonderapplaus.

Wie ein griechischer Tragödienchor

Der „Psalmus hungaricus“ von Kodály vertont in herber Monumentalität und immerwährendem Klage-Gestus den 55. Psalm in einer ungarischen Nachdichtung aus dem 16. Jahrhundert – schwierig zu singen nicht nur wegen der ungarischen Sprache, sondern wegen der extrem expressiven Tenor-Partie, die sich in immer verzweifelteren Hilferufen in die Höhe schraubt. Clay Hilley sang mit kraftvollem Tenor ohne erkennbare Schwierigkeiten, der Festspielchor agierte begleitend meist homophon wie ein griechischer Tragödienchor: die passende Musik zu den besorgten Eröffnungsreden.

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