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Das Gute siegt im Walzertakt

Schlangengleich tanzen die männlichen und weiblichen Bösewichte. janka

Rosenheim – Die Oper „Treemonisha“ von Scott Joplin, der als Ragtime-Komponist bekannt ist, aus dem Jahre 1911 ist in vielerlei Hinsicht spektakulär: Sie ist die erste Oper eines schwarzen Komponisten, die erste Oper, in der nur Schwarze auftreten, die erste Oper, in der „schmutzige Musik“, eben der jazzige Ragtime, Verwendung findet – und sie ist die eigentliche erste amerikanische Nationaloper.

Nicht zuletzt spektakulär ist, dass diese Oper, die kaum jemand kennt, in einer Stadt wie Rosenheim aufgeführt wird.

Zu danken ist dies dem Verein „Erlesene Oper“ mit dem Dirigenten Georg Hermansdorfer, der sie ausgegraben, für die deutsche Übersetzung gesorgt, die Oper einstudiert hat und der auch die Regie übernimmt: ein Wagnis und eine Großtat, die zum Erfolg führte. Das Publikum im voll besetzten verkleinerten Kuko war hingerissen und geizte nicht mit Applaus, Bravo-Rufen und begeisterten Pfiffen.

Dabei ist die Handlung zwar gedanklich ambitioniert, aber real ziemlich dünn: In ein Dorf, in dem niemand außer der 18-jährigen Treemonisha lesen und schreiben kann, kommt ein Scharlatan (markant: Andreas Agler) und will seine Glücksbringer verkaufen. Treemonisha verhindert das, der Scharlatan will sich rächen. Man erfährt, dass Treemonisha ein Findelkind ist, das unter einem Baum, englisch „tree“, gefunden worden ist. Der Scharlatan und seine bösewichtigen Helfer entführen Treemonisha, ihr Geliebter Remus (ein ordentlicher Tenor: Bernhard Teufl) rettet sie und fängt den Bösewicht. Treemonisha verhindert, dass er gelyncht wird – und wird am Ende zur Dorfanführerin gewählt.

Weil Scott Joplin musikalisch nach den Opern-Sternen greift und immer wieder, auch wenn er das angestrebte Verdi-Brio erreicht, in europäische Opern-Klischees zurückfällt, dümpelt manchmal die Handlung dahin, gibt es lange erzählende Arien. Aber wenn das Volk zu tanzen anfängt, wird alles lebendig: Der Ragtime reißt es immer wieder raus. Der Wanderprediger (Michael Doumas), von der Regie mit Spot und Rückenlicht herausgehoben, droht dämonisch wie der Großinquisitor aus Verdis „Don Carlos“, worauf das Volk sofort Buße schwört – im jazzig-synkopischen Rhythmus. Ein herrlich humoriges A-Cappella-Männerquartett besingt die Faulheit im Tonfall des Geier-Quartetts aus dem „Dschungelbuch“-Film. Mittendrin tanzen Balletttänzerinnen (Bad Aiblinger Ballettschule unter der Choreografie von Gabriele Moser) mit und beleben damit alles, ob als Landarbeiterinnen mit Blumenkranz oder schlagzeugbefeuert als schlangengleiche Bösewichte mit strengen Mienen. Der von Lukas Gahabka gut einstudierte Chor agierte sehr animiert.

Als Regisseur stand Hermansdorfer vor einem großen Problem: Die Oper spielt unter Schwarzen. „Blackfacing“, also das Schwarzmalen aller Protagonisten, verbot sich naturgemäß. Damit aber verliert sich auch die emanzipative, ja fast revolutionäre Kraft der Geschichte. Mit einem schlüssigen und witzigen Einfall gelang dem Regisseur die Rettung aus diesem Dilemma: Ein goldlockiges Engelchen und ein behörntes rotes Teufelchen eröffnen das Spiel vor dem Vorhang und beschlossen pantomimisch, um den Ausgang der Geschichte zu kämpfen: Gewinnen Vernunft und Vergebung, also Rationalität und Humanität, oder die volksverführende und -dummende Irrationalität, gewinnt Gut oder Böse? Engelchen und Teufelchen besteigen dann hohe Schiedsrichterstühle wie beim Tennis und beobachten höchst anteilnehmend das Geschehen. Anika Gallasch und Nina Bartl machen das allerliebst und bleiben ganz intensiv immer in ihrer Rolle.

Die Musik hat es technisch in sich, die Streicher hatten ihre liebe Mühe, konturiert zu bleiben, der Orchesterklang hätte noch etwas flirriger und südstaatenglühender sein können. Und bei den Ragtimes wollte man oft die Musik ein bisschen anschubsen, damit sie noch ausgelassener und frecher klingt: Die Dorfbewohner wollen ja immer lieber tanzen als arbeiten. Aber alles in allem sorgte Georg Hermansdorfer doch für fröhliches Feuer. Die Sänger nehmen vor allem die satten Arien im Verdi-Puccini-Tonfall wahr: Vor allem Kayo Hashimoto als Treemonishas (Zieh-)Mutter in ihrer Erzählung, wie sie diese unter dem Baum fand, und Michael Doumas als bassdröhnender Prediger. Verstehen konnte man bei fast allen Sängern wenig, ohne die Inhaltszettel wäre man aufgeschmissen gewesen.

Die große Stunde für die Sänger kommt im opulenten Finale: Jetzt schwelgt Sieglinde Zehetbauer als Treemonisha volltönend und höhensicher in ihrer Überzeugungs-Arie im fast operettigen Walzertakt, sodass sich das Engelchen selig auf seinem Richterstuhl als Sieger wiegt, dann antwortet der Vater (Michael Doumas) eine ausdrucksstarke Rache-Arie im Verdi-Tonfall, sodass das Teufelchen schon triumphiert, dann wird’s fast lehárig-schwüls tig – und das Teufelchen gibt sich geschlagen bei so süffiger Musik und so viel Güte. Und tanzt auf seinem Stühlchen mit.

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