Ausstellung mit Arbeiten von Johannes Gramm im Wasserburger Ganserhaus

Gramms Spiele mit dem Schein

"Thelema" von Johannes Gramm, 120 mal 60 Zentimeter.  Repro Feichtner
+
"Thelema" von Johannes Gramm, 120 mal 60 Zentimeter. Repro Feichtner

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, so hat sich der Wasserburger Arbeitskreis 68 doch eine passende Ausstellung zum Fasching in seine Galerie ins Ganserhaus geholt. Sie trägt den französischen Titel "J'ai débuté". Der entstammt der Textzeile "J'ai débuté ma carrière dans un hold-up audacieux" ("Ich begann meine Karriere mit einem gewagten Raubüberfall"). Diese wiederum ist Teil einer Strophe aus dem Chanson "Les Aventures Extraordinaires D' Un Billet De Banque" ("Die seltsamen Abenteuer einer Banknote") des französischen Liedermachers Bernard Lavilliers. Gezeigt werden Arbeiten des Essener Malers, Bühnenbildners und Videokünstlers Johannes Gramm.

Man möchte die Bilder für Fotografien halten, doch sie sind Bildkompositionen. Es ist eine künstliche, eine aus dem Willen und der Fantasie des Künstlers gemachte Wirklichkeit. Gramm sieht sie als "Remix" unterschiedlichster digitaler Daten, die er mit Schere und Kleber oder auch im Computer mit spezieller Software montiert.

Der Titel klingt absurd, ist es aber nicht, denn Gramm geht es um Sein und Schein, um das Spiel und das Ausprobieren von Identitäten, wie man es im Fasching spielerisch macht in der Maske eines Ganoven oder Räubers. Auch für Gramm ist das Ausprobieren und das Suchen und Aufspüren von anderen Identitäten, von anderen Personen in sich selbst ein Spiel. Er begegnet dem Drama der Welt und des Lebens und des eigenen Seins immer wieder mit Komik und Humor.

Immer wieder inszeniert er sich selbst in seinen Bildern. Gleich zu Beginn verstören seine drei Selbstporträts mit Busen mit dem Titel "Schöner" aus seiner Serie "Betteri - stärker, schöner, jünger". Im oberen Stockwerk folgen die Bilder "Jünger" und "Stärker", in denen er sich einmal künstlich jugendlich mit unbedarften Gesichtszügen und Frisuren, oder aber brutal, lädiert, gepierct und tätowiert zeigt. Weniger brutal, dafür mit fettigen Haaren und Schuppen erscheint er bei "Junger Mann zum Mitreisen gesucht". Recht friedlich wirken die Kaperfahrer Jan aus der Serie "Verwegene Männer".

Wichtig sind Johannes Gramm die Titel. Er sammelt Bilder und Titel und wird aktiv, wenn beide zueinander finden. So zeigt sich unter dem Titel "Achterkleindochter - Wenn du mal groß bist, möchte ich so sein wie ich" ein nacktes Mädchen mit Indianerkopfschmuck und mit einem Koffer vor dem Schoß in einem gediegenem Wohnzimmer. Daneben führt ein Weg in die Natur. Bei "Durch den Wald rasen" sieht man das Porträt des Künstlers vor dunkler Waldkulisse mit einem Pavian daneben. Bei "Wenn ich im Ohr bohre, riecht es immer noch ein bisschen nach Party" sieht man ihn mit Geweih auf dem Kopf vor einer Wohnzimmertapete. Bei diesen Bildern und Titeln öffnet sich der Raum für viele und vielschichtige, auch kritische Assoziationen.

Starke Frauen hat Gramm in dem fünfteiligen Zyklus "Thelema" ("Wille") vor von ihnen geschriebenen Zitaten des englischen Okkultisten und Magiers Aleister Crowley (1875 bis 1947) porträtiert. "Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz" ist der Beginn der Reihe von Zitaten aus Crowleys "Buch des Gesetzes". Diese Grundsätze aus der ansonsten kruden Vorstellungswelt Crowleys lassen sich, wie von Gramm gezeigt, durchaus positiv deuten.

Besonders überzeugt im ersten Stock des Ganserhauses die zwölfteilige Zwillingsserie mit dem Titel "Wenn ich mal alt bin, möchte ich nicht so gern allein sein" und den Untertiteln für die Männerpaare "Gretel und Hänsel" und die Frauenpaare "Julia und Romeo". Die Doppelporträts zeigen immer dieselbe Person mit kleinen Variationen und unterschiedlichem Ausdruck. Hier begegnet der Mensch sich selbst. Sowohl die Frage nach dem Sein und dem Schein, nach der eigenen Identität wird hier von Gramm besonders thematisiert, als auch die Einsamkeit mit sich selbst.

Zu den Porträts gibt Johannes Gramm auch noch Landschaften, die - kaum erkennbar - auch montiert, also verfremdet und somit irreal sind. Es sind Bilder von Waldlandschaften und Szenerien von der Nordsee.

Spielerische Videoarbeiten laufen im Gewölbekeller. "Talking Artists" zeigt ein imaginäres Interview mit Joseph Beuys, "Wanne", einen Schwimmer in einer scheinbar riesigen Badewanne. Unverständlich ist für den Betrachter das Video "Cheyenne". Wohl konnten sich auch die Verantwortlichen im Ganserhaus darunter wenig vorstellen, denn sie betitelten es fälschlicherweise mit "Cayenne". Es sind aber weder ein Porsche noch der gleichnamige Pfeffer zu sehen, sondern Fußball spielende Kinder neben dem Schattenbild eine Mannes, der sich eine große Kugel vom Kopf hebt und wieder aufsetzt. Man muss ja nicht alles verstehen.

Kommentare