Die Osterrieder-Krippe in der Aschauer Pfarrkirche

Geschwister Glaube und Kunst

Krippenkünstler von Weltgeltung: In Aschau steht eine Krippe von Sebastian Osterrieder.  Foto : Gattinger
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Krippenkünstler von Weltgeltung: In Aschau steht eine Krippe von Sebastian Osterrieder. Foto : Gattinger

Wer ein Auge für Krippenkunst hat, bleibt bewundernd stehen: eine engelschöne Madonna ist zu sehen. Josef, der sein Zimmermannswerkzeug an die Wand gelehnt hat, verbeugt sich ehrfürchtig vor dem Kind. Vor der Stallhöhle kniet fellbekleidet ein betagter Hirt. Mit weit geöffneten Armen bietet er ein Lamm dar. Ein junger Hirt bläst dazu den Dudelsack. Vor klassischer sizilianischer Ruine schweben Engel in Kindsgestalt, lieblich wie von Raffael, Gottes Glorie verkündend. Unterm Stallgebälk im Hintergrund lugen Ochs und Esel hervor.

Der erste Eindruck täuscht nicht: Das ist Krippenkunst von Weltgeltung. Ihr Meister heißt Sebastian Osterrieder, geboren 1864, zweiter großer Sohn Abensbergs neben Aventinus. Michael Kardinal Faulhaber schrieb dem toten Bildhauer 1932 ins Kondolenzbuch: "Für Meister Osterrieder sind Glaube und Kunst wirkliche Geschwister." Osterrieders überlebensgroße Skulptur von Papst Leo XIII. und seine für Papst Pius X. bestimmte Krippe verschafften ihm schon früh Berühmtheit. Als Kaiser Wilhelm II. 1918 ins holländische Exil floh, ließ er vieles in Berlin zurück, nicht aber seine Osterrieder-Krippe.

Osterrieder studierte Kunst in München und Rom, verinnerlichte Dürer, Perugino, Raffael und Delacroix. Er führte ein großes Atelier in Schwabing und betrieb Verkauf per Katalog. Für sein Schaffen erhielt er insgesamt sieben päpstliche Orden, ferner den österreichischen Kaiser-Franz-Josefs-Orden. Er gilt als Wiedererwecker bayerischer Krippenkunst nach den Verboten der Aufklärung. Seine Skulpturen, für deren Gestaltung er ein eigenes Feinmaterial erfunden hatte, stehen auch in Ohio, Rom, Stockholm, Luxemburg, Linz, Altötting, Freising oder Partenkirchen. Vor wenigen Jahren wollte die Stadt Abensberg endlich auch eine Krippe ihres weltberühmt gewordenen "Bäcker-Wastl" besitzen und musste einen hohen Antiquariatspreis bezahlen. Leichter hatte es dabei Aschau: Freiherr Theodor d.J. von Cramer-Klett schenkte Niederaschau neben einem zweiten Kirchturm und einer 27-Register-Orgel im Jahr 1912 diese Osterrieder-Krippe noch hinzu.

Drei ehemalige Mitglieder der Kirchenverwaltung Aschau, Günter Berger, Siegfried Genzinger und Sebastian Aicher, sorgen mit Hingabe fürs Bewahren der Figuren und für Aktualität. Viermal im Kirchenjahr erstellen sie neue Bilder. Zu Herbergssuche, Christi Geburt, Dreikönig und jetzt bis zum 2. Februar die Flucht nach Ägypten machen sie der Darstellung des Herrn Ehre. Geöffnet ist die Kirche tagsüber bis 17 Uhr. tts

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