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Am Ende steht bei Mahler der Himmel

Erntedank-Konzerte in Erl: Geigengesang bannt Höllenfeuer

Erik Nielsen möchte am liebsten nicht nur seine Musiker, sondern die ganze Welt umarmen.
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Erik Nielsen möchte am liebsten nicht nur seine Musiker, sondern die ganze Welt umarmen.

Erl – Da hat Erik Nielsen, Chefdirigent der Tiroler Festspiele Erl, für die „Erntedank-Konzerte“, seinen Musikern ein so ausgepichtes wie herausforderndes Programm auf die Notenpulte gelegt.

Von: Rainer W. Janka

Am Ende des ersten Konzertes klopften die Musiker so dankbar wie erleichtert ihrem Dirigenten zu – mit Recht. Er hat sie ausgezeichnet vorbereitet für „Le chasseur maudit“ von César Franck und für die Sinfonie Nr. 1 von Gustav Mahler.

Was er ihnen nicht beibringen konnte, war der musikalische Schlendergang bei Mahler: „Immer sehr gemächlich“ heißt es im Kopfsatz und „Recht gemächlich“ im zweiten Satz. Für diese typisch österreichische Musik braucht’s die preußische Akkuratesse im österreichischen Schlendrian – die Musiker waren „nur“ akkurat. Das aber durchaus glanzvoll.

Eine pastorale Waldidylle ausgemalt

„Le chasseur maudit“, die Vertonung der Ballade „Der wilde Jäger“ von Gottfried August Bürger, und Mahlers Erste liegen in der Entstehung nur wenige Jahre, in der musikgeschichtlichen Ausrichtung aber Welten auseinander. Mit Hornrufen beginnt die symphonische Dichtung von César Franck und breit malt sie eine pastorale Waldidylle aus, es ist ein Horrido für die famosen Hörner, die mit gestopftem Klang das Unglück für den Jäger ankündigen, der auch sonntags jagt und deshalb von Dämonen gejagt wird: Das Drama ereignet sich in den Hörnern. Aber nicht nur: Sul ponticello müssen die Geigen spielen, also hart am Steg, und produzieren so hartscharfe Klänge. Dramatisch-bildkräftig und klangvariabel spielen die Musiker, anfangs idyllisch waldwebend, später jagend und schließlich rasend – wenn auch nicht in höchster Ekstase.

Erik Nielsen hat die Partitur im kleinen Finger, mit dem er nach Belieben das Orchester anschwellen und dämpfen kann, worin ihm seine Musiker blindlings folgen. Bei Richard Wagner in „Rheingold“ beginnt die Welt mit dem tiefen Es, bei Mahler mit dem A. Der flimmert und waldwebt nahezu 60 Takte lang wie ein Flageolett auf einem Orgelpunkt in den neunfach geteilten Streichern: Urlaute orphisch. Wunderbar aufmerksam realisieren dies die Musiker, auch die signalartigen Ferntrompeten und die rufenden und singenden Hörner, bis eine fallende Quart, die sich zum Motiv einer Quartenfolge auswächst, die schlafende Natur erweckt und den Menschen einführt, der ein Liedchen singend, sich in die Natur einfügt. Sehr schön gelingt dem Orchester dieses urtonhafte Waldweben, das zugleich ein Weltweben ist.

Nur ein bisschen zu eilig gerät Nielsen dieses Lied, eben nicht „sehr gemächlich“. Auch der Bauerntanz im zweiten Satz ist etwas zu exakt ausgezirkelt, zu wenig raffiniert unexakt. Schön aber ist die schleifende Tanzbewegung im Trio. Noch besser wird’s im dritten Satz, der weinenden Parodie eines Trauermarsches, da klingt das Orchester – wir sind ja in Erl – wie wenn „Franui“, die Musicbanda aus Osttirol, die jedes Jahr in Erl auftritt, Mahler spielen würde, so liebevoll traurig, so weltweinend schön: das höchste Kompliment für diese Musik. Wie Höllengeschrei beginnt das Finale, von fern her klingt das „Dies irae“ an, doch inniger Geigengesang bannt das Höllenfeuer und am Ende gewinnt ein Choral, von den hervorragenden Blechbläsern aufs Glänzendste angestimmt.

Am Ende steht bei Mahler der Himmel

Ein Lied, ein Tanz, ein Marsch und am Ende ein Choral: Damit beschreibt Gustav Mahler die Welt. Der Mensch singt, tanzt, stirbt und sieht am Ende – hoffentlich – den Himmel. Dass Mahlers Musik dies so aussagekräftig ausmalt, ist dem diesmal besonders gut aufspielenden Orchester der Tiroler Festspiele und natürlich seinem Chefdirigenten Erik Nielsen zu verdanken. Ein Dank, der sich im aufbrandenden Beifall Bahn brach.

Ein paar mehr Zuhörer hätten diesen Beifall noch brandender gemacht – anscheinend ist die Musik von Mahler immer noch nicht beliebt genug.

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