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Ausstellung in der Galerie am Markt in Neubeuern

Fragmente des Ganzen

"Aufgebrochen" von Dorothee Henrich, Roussilon-Pigment/Collage.

"Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde" steht in gedruckten, hebräischen Lettern auf einem großen Tafelbild im ersten Raum der Galerie am Markt in Neubeuern. Wobei das Wort "Gott" mit Blattgold hervorgehoben ist. Gott schuf das Ganze, doch sichtbar, erkennbar sind nur Teile, Fragmente. Diese Fragmente zeigen in der gleichnamigen Ausstellung Dorothee Henrich mit ihren Malereien und Collagen und Ludwig Gruber mit seinen Druckgrafiken. Wohl kaum war ein Titel für eine Ausstellung passender als hier. Aspekte des Fragmentarischen werden von beiden Künstlern gleichermaßen aufgezeigt und in einer gelungenen Zusammenstellung präsentiert.

Das Fragment ist einmal Ausdruck der Unvollkommenheit und der Vergänglichkeit des menschlichen Schaffens. Bilder mit abstrakten Fragmenten gruppiert Dorothee Henrich um Ludwig Grubers Tafelbild mit den Anfangsworten der Bibel. Es sind Fundstücke, Teile, Chiffren. Sie tragen Titel wie "Ausgrabung", "Entdeckung im Sand", "zerbrochen". Zu diesen Bildern und Titeln passen Ludwig Grubers Arbeiten im Raum daneben. Seine sieben Farblinoldrucke mit dem Titel "Blickfeld", die sechs "Formen in Rot", die drei Monotypien "Ruinenfelder" schauen aus wie Planskizzen von Häusern und Orten, wie die Darstellung von Ausgrabungsstätten, wie archäologische Stadtansichten, die von Entstehen und Vergehen erzählen. Damit knüpft der Bad Aiblinger Künstler an seine frühen Jahre als Vermessungsingenieur und an seine späteren Jahre als Entwicklungshelfer in Bolivien an. Doch diese Pläne sind keine konkreten Abbildungen alter Inkakultur, sondern Bilder der Fantasie.

Grubers andere künstlerische Leidenschaft ist die Schrift. Von seiner Auseinandersetzung mit dem lateinischen, griechischen und hebräischen Alphabet zeugt in Rosenheim die Gestaltung der Stirnseiten der Seitenschiffe der Nikolauskirche. Auch die Buchstaben sind Teile, sind Fragmente von Worten, Texten, Botschaften. Auch eine Zeitung ist eine Ansammlung von Buchstaben, von Texten, die wiederum nur Fragmente einer nicht mehr überschaubaren Gesamtheit sind und am nächsten Tag als uninteressante überbleibsel in den Papierkorb wandern. Das verdeutlicht Gruber auf den Arbeiten "Globale Nachrichten" mit Zeitungstexten, die er mit Buchstaben, Formen und Zeichen überdruckt hat. In seinem vierteiligen Werk "Die Geburt der Schrift" greift Gruber eine hebräische Fabel auf, nach der Gott noch vor der Welt Fragmente der Buchstaben schuf. Nur das "Jod", das unserem "i" entspricht, war schon fertig. Dieser Buchstabe ist eigentlich nur ein Punkt, ist Symbol für die Mittte des Kosmos und gleichzeitig für Israel. In Grubers Bilder purzeln die fragmentarischen Buchstaben auf vier getrennten Teilbildern herunter. Das goldene "Jod" ist vollständig.

Wie aus Fragmenten von Buchstaben das Alphabet entstehen kann, so können auch aus Teilen, die nicht beachtet und weggeworfen wurden, neue Schöpfungen entstehen. Fundstücke fügt Dorothee Henrich in kleinen Arbeiten zu neuen Bildern zusammen und gibt ihnen neuen Bedeutung. Es sind unscheinbare, wertlose Dinge. Federn, Blätter, Schnüre, Stofffetzen, eine Rasierklinge, Plastikstücke, Papierreste werden von der Künstlerin spielerisch zu etwas Neuem zusammengesetzt, ohne Planung. ähnlich spielerisch sind ihre Versuche mit der Druckerwalze auf Papier mit eingefärbten Piniennadeln oder Meeresalgen. Mit Papierresten, Geweben, mit Farbe und Zeichnungen überarbeitet die Künstlerin, die seit 1988 in Neubeuern lebt, in Köln bildnerisches Gestalten studiert und an einem Aachener Gymnasium gelehrt hat, andere Drucke zu überraschenden Collagen. Aus Fragmenten werden für die Schöpferin wie für den Betrachter neue Bilder. Sie sind zwar wieder nur Fragmente eines unbekannten Ganzen, aber doch zeigen sie die Suche nach einem Ganzen, den Versuch einer neuen Schöpfung.

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