Werke von Antonín Dvorák und Peter Michael Hamel beim "Festivo" im Foyer von Schattdecor

Folklore und Hörmusiken

Sie spielten das Streichsextett von Dvorak im Foyer von Schattdecor: (von links) Thomas Reif (Violine), Joel Bardolet (Violine), Benedikt Enzler (Cello), Anna Khubashvili (Cello), Georg Roters (Viola), Johannes Erkes (Viola). Foto erkes
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Sie spielten das Streichsextett von Dvorak im Foyer von Schattdecor: (von links) Thomas Reif (Violine), Joel Bardolet (Violine), Benedikt Enzler (Cello), Anna Khubashvili (Cello), Georg Roters (Viola), Johannes Erkes (Viola). Foto erkes

Es ist kein großes Orchester notwendig, um packende Hörereignisse zu schaffen. Oftmals findet das Drama auf engstem Raum statt.

In "...ebenso ins offene..." von 2002 benötigt Peter Michael Hamel nur eine Solovioline, um Grenzen zu sprengen. Hinter dem Werktitel, der indirekt mit Peter Ruzickas "...Ins Offene..." für 22 Streicher von 2005 korrespondiert, verbergen sich nicht einfach "Sechs kleine Stücke für Solovioline". Vielmehr sind es Hörmusiken, die der in Hamburg und Aschau wirkende Chiemgauer Hamel erschafft.

Mit seiner fesselnden Interpretation im Rahmen des Aschauer Kammermusik-Festivals "Festivo" machte Thomas Reif deutlich, wie sehr Hamel dafür unterschiedliche Mittel der Avantgarde und Moderne zusammenführt - überaus stringent und im besten Sinn virtuos. Es war faszinierend zu erleben, mit welcher Ausdruckskraft der junge Geiger aus Rosenheim buchstäblich um jede einzelne Klangaktion rang. Über weite Strecken hatte man den Eindruck, dass dieses Stück eigens für Reif komponiert wurde - weil er riskierte und nicht einfach spielte.

In der weit atmenden Akustik des schönen Foyers von Schattdecor in Thansau bei Rohrdorf reizte Reif das Piano bis zur äußersten Stille aus. Fragile Melodien wurden mikrotonal oder geräuschhaft gebrochen, der Bogen kratzte oder wuselte am Steg. Ähnlich wie Luigi Nono und Giacinto Scelsi oder Helmut Lachenmann und Salvatore Sciarrino hat Hamel ein aktives, bewusstes Hören im Sinn. Die Wahrnehmung selber wird zum Ereignis, um tief in das Ich zu führen - eine Selbsterfahrung durch das geöffnete Ohr.

Diese Idee wurde von Reif, der gegenwärtig in Hamburg studiert, absolut beispielhaft verlebendigt. Es ist staunenswert, welche interpretatorische Reife dieser junge Geiger in kürzester Zeit erreicht hat - Hut ab! Tatsächlich bereicherte Reifs Hamel-Interpretation den Festivo-Abend, zumal das Werk auch eine musikethnologische Brücke nach Indien und Sri Lanka schlägt. Ideell passte das sehr gut zum Streichsextett op. 48 und zum Klavierquartett op. 87 von Antonín Dvorák, die ihrerseits böhmisch-slawische Folklore reflektieren.

Hier präsentierte sich Thomas Reif zugleich als wunderbarer "Primarius", weil er sich als solcher eben nicht in den Vordergrund fiedelte. Auch deswegen erschienen die Interpretationen mit Festivo-Leiter Johannes Erkes und Georg Roters (Bratschen), Benedikt Enzler und Anna Khubashvili (Cello) sowie Joel Bardolet (Violine) und Christian Reif (Klavier) wie aus einem Guss. Mit flexibler Klanggestaltung wurde der Tonfall Dvoráks reflektiert - stilsicher, ohne allzu süffiges, breites Pathos. Das war ein Dvorák vom Feinsten.

So war dieser Festivo-Abend außerordentlich lehrreich, auch für das Aschauer Festival selber. Es wäre überaus wünschenswert, bei Festivo wieder mehr zeitgenössische Musik zu hören - eine bereichernde Mischung aus Alt und Neu. Viel Mut braucht man dafür nicht, denn: Beim Publikum kam das Hamel-Stück sehr gut an. Die Konzertgänger können und wollen sehr wohl gefordert werden, man muss sie programmatisch nur sinnstiftend mitnehmen - wie jetzt bei Festivo. Diese Investition lohnt sich allemal.

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