Festspiele Schloss Amerang in Zeiten von Corona: „Wir haben eine ganz eigene Strategie“

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Ortholf von Crailsheim vor dem Bühnenbild zu der Oper „Carmen“ – in Vor-Corona-Zeiten.

Amerang – Angesichts von Corona, Ausgangsbeschränkungen und Abstandsregeln sind viele Festivals und Kulturreihen abgesagt. Die Festspiele Schloss Amerang gehen einen anderen Weg und haben ihre Veranstaltungen in den Herbst verschoben. Im Interview erzählt Intendant Ortholf von Crailsheim, wie es dazu kam.

Lieber Herr von Crailsheim, wie geht es Ihnen?

Ortholf von Crailsheim: Gesundheitlich ist alles bestens. Wir versuchen, diese Ruhe zu genießen. Wie sind ja hier in unserer Gegend privilegiert, wir haben alles: gute Krankenhäuser und gute Ärzte, eine wunderbare Natur, die sich die Krise zunutze macht und jetzt auflebt. Und meine Hunde freuen sich auch, weil ich mehr Zeit für sie habe.

Und wie geht es Ihnen wirtschaftlich?

Crailsheim: Die Stimmung insgesamt ist katastrophal. Seit den 55 Jahren Konzerten in Amerang hat es so etwas noch nicht gegeben. Ich bin immer in Kontakt mit Herrn Maier-Gehring, dem Landkreis-Kulturreferenten. Es ist bis heute so, dass die Kulturschaffenden sich eigentlich nicht miteinander abstimmen. Wir haben ja alle die gleichen Probleme. Ausnahme: Ich kooperiere zusammen mit der Oper Schloss Maxlrain und mit dem Rosenheimer Opernverein „Erlesene Oper“ und mit dem „Musiksommer zwischen Inn und Salzach“, da bin ich ja Mitpartner, und auch mit „Festivo“ in Aschau. Wir stimmen und sprechen uns ab – aber mehr passiert da bei den anderen nicht.

Haben Sie schon finanzielle Unterstützung bekommen?

Crailsheim: Ja – wir haben die bayerische „Soforthilfe“ bekommen. Die von der Bundesregierung habe ich beantragt, aber noch nichts erhalten. Seit April haben wir auch bei uns Kurzarbeit angemeldet, ich hab ja Arbeiten, die nicht wegfallen. Wenn es noch weitergeht, werde ich das noch ausweiten. Ich habe Gottseidank nicht einen so riesigen Personalstamm.

Alle Standbeine wackeln

Hochzeiten und Feiern können derzeit bei Ihnen im Schloss auch nicht stattfinden.

Crailsheim: Das ist unser nächster Punkt. Wir haben betrieblich mehrere Standbeine: einmal die Land- und Forstwirtschaft – der Pferdemarkt ist auch immens eingebrochen, weil wir sehr stark im spanischen Pferdemarkt sind. Dann haben wir die Forstwirtschaft: Der Holzmarkt ist ebenfalls komplett eingebrochen. Wir haben viel den italienischen und österreichischen Markt bedient, das konnten wir jetzt nicht mehr. Es wird zwar hier auch heimisches Holz gebraucht, aber der Preis ist komplett zusammengebrochen. Jetzt warten wir halt auf die Käfer-Welle (lacht verhalten). Bei den Hochzeiten versuchen wir, mit den Brautpaaren eher kurzfristig Lösungen zu finden, im Bereich von zwei Monaten. Aber das ist auch nicht so leicht, weil ja hinten die nächsten Hochzeiten drängen. Aber die Frage ist: Wie weit soll man schon planen?

Den neuen Spielplan finden Sie hier!

Sie haben die Konzerte ja in den Herbst verschoben.

Crailsheim: Wir haben eine ganz eigene Strategie gemacht: Wir haben uns relativ früh, schon vor fünf Wochen, entschieden, dass das so im Juli nicht funktionieren wird. Die anderen Veranstalter haben alle gewartet. Wir haben früh angefangen, die Solisten und Orchester umzubuchen: Das war eine Riesenarbeit! Wir haben relativ schnell Ersatztermine bekommen, einige mussten wir absagen. Ab 18. Oktober ist erst unser Innenhof wieder frei, vorher haben wir ja Hochzeiten. So sind wir auf den Termin Ende Herbst gekommen. Der Vorteil ist: Wir können den Innenhof beheizen. Dann haben wir anschließend das Programm neu gedruckt, 80 000 Stück, und erst, als all dies fertig war, haben wir jeden unserer Kunden privat angeschrieben, über 100, mit einer persönlichen Ansprache und der Darstellung der Situation, und sie davon informiert, dass ihr Konzert ausfällt beziehungsweise verschoben wird. Und jetzt erst gehen wir an die Presse. Wir haben schnell gemerkt, dass unser Publikum dies sehr geschätzt hat.

Mussten Sie Ausfallhonorare zahlen?

Crailsheim: Nein, weil wir eben rechtzeitig mit den Künstlern gesprochen haben. Für die, die nicht verschoben werden konnten, haben wir schon Ersatztermine im nächsten Jahr. Alle Künstler haben das mitgetragen. Am schlimmsten trifft es unser Opern-Ensemble. Die Sänger und Musiker haben ja im Sommer keine Einnahmen. Wir haben das Opernprogramm etwas stutzen müssen: „Aida“ haben wir rausgenommen und machen dafür drei „Nabucco“-Aufführungen. Und die „Grandi voci“ haben wir zusammengepackt mit einer anderen Veranstaltung.

Plan B und Plan C

Falls im Herbst noch eine Abstandsregel gelten sollte, rechnen sich dann überhaupt noch die Konzerte?

Crailsheim: Wir haben für den Plan B, den wir ja jetzt gemacht haben, auch einen Plan C: Unser Konzept geht auf mit rund 250 Zuhörern bei den Opern, bei anderen Veranstaltungen mit kleineren Zahlen. Wenn es Abstandsregeln gibt, haben wir immer noch unsere Reithalle oben am Gestüt. Die hat über 800 Quadratemter und wir könnten mit den Abstandsregeln 200 bis 250 Zuhörer haben und alle Veranstaltungen stattfinden lassen. Das Einzige, was ich aus der Krise gelernt habe: Geh vom Schlimmsten aus, dann bist Du nicht überrascht! Wir haben auch noch andere Konzepte, aber solange es noch keine gültigen Regeln gibt, hängen wir einfach in der Luft!

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Das alles macht einen regelrecht sprachlos.

Crailsheim: Die Kultur hat auch momentan eine gewisse Sprachlosigkeit und eine Stille – und in der Politik wird sie nicht erwähnt! Die hochsubventionierten Häuser können sich ja durch die Krise gewissermaßen gesundschrumpfen, weil die momentan keine Ausgaben haben, aber weiterhin die Staatszuschüsse bekommen.

Und jetzt erst merken wir, wie engmaschig unsere Gesellschaft mit Menschen durchwirkt ist, die ohne eine Festanstellung Kultur machen.

Crailsheim: Ja! – Ich hoffe, dass auch mein Opern-Ensemble das wirtschaftlich überleben kann. Ich bin auch ratlos, die Signale aus der Politik sind widersprüchlich. Es gibt keinen Fahrplan. Ich hoffe, unser Publikum steht uns bei und trägt die Verschiebung und eventuell den Notfallplan mit. Unser Publikum ist ja ganz treu und herzallerliebst! Und ich würde mir wünschen, dass wir Kulturtreibenden im Landkreis diese Chance nutzen und uns stärker koordinieren und zusammenarbeiten! Das wäre mein Appell.

Interview: Rainer W. Janka

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