Festspiele Schloss Amerang: Sängerkrieg der tiefen Stimmen

Ismaele (Yoel Vahram Kesap) wird gleichzeitig von der Babylonierin Abigaille (Katarina Pilchova) und der Jüdin Fenema (Selin Dagyaran) geliebt.
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Ismaele (Yoel Vahram Kesap) wird gleichzeitig von der Babylonierin Abigaille (Katarina Pilchova) und der Jüdin Fenema (Selin Dagyaran) geliebt.

Natürlich warten bei Verdis „Nabucco“ alle auf den Gefangenenchor. Natürlich auch bei der Aufführung im Schlosshof von Amerang. Da aber wartete die Inszenierung von Ingo Kolonerics mit einer Überraschung auf.

Amerang – Alle Solisten standen auf der Bühne, ob Hebräer, Babylonier, Leviten, Priester oder König, ob Feind, ob Freund, zunächst mit Mund-Nasen-Schutz, den sie dann zum Singen abnahmen. Und sie sangen diesen berühmten Chor ganz zart beginnend, sodass man das Gefühl hatte: Alle sind wir gemeinsam Gefangene des Virus und singen eine flehentliche Bitte, von diesem Virus befreit zu werden: ein berührender Moment.

Oper ohne Schlachtgetöse

Leicht gekürzt war diese Oper und spielte sich, wie in Amerang üblich, vor einem sechs Meter hohen Einheitsbühnenbild (Hendrik Müller) aus Säulen und einem Gartenblick ab, wobei natürlich auf große Massenentfaltung und Schlachtengetöse verzichtet werden musste und sich daraus eine Standbild-Regie ergab, die dem letzten Akt ziemlich von seiner Wirkung nahm: kein siegreiches Hebräerheer, kein stürzendes Baal-Götzenbild.

So war als sichtbare Handlung der Moment im zweiten Akt der Höhepunkt, in dem der hohnfrevelnde Nabucco vom Blitz getroffen und mit Wahnsinn geschlagen wird.

Sängerischer Höhepunkt

Nabucco war auch der sängerische Höhepunkt: Jinho Seo zeigte, dass man nicht mit schierer Lautstärke, sondern mit Geschmack, Dynamikdosierung, Stimmfärbung und Ausdruckswandlung der Stimme prunken kann.

Sein Gegenpart, der Hohepriester Zaccaria (Jonathan Story), eine echte Patriarchengestalt, suchte sein Heil im Dauerforte, was seinen tiefdunkel orgelnden Bass irgendwann doch versteifte. Auch Yoel Vahram Kesap als Ismaele, der sowohl von Nabuccos Tochter Fenema als auch von Abigaille geliebt wird, schien von dieser doppelten Liebe zum Dauerforcieren angestachelt worden zu sein. Noch dazu ist sein Tenor so baritonal gefärbt, dass die Oper sich zu einem Sängerkrieg der tiefen Stimmen entwickelte.

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Selim Dagyaran als Fenema war stimmlich genauso lieblich wie ihre weißgekleidete Erscheinung. Dafür konnte Abigaille, diese Inkarnation des Bösen im giftiggrünen Kleid, in ihrem Liebeswahn und Rach- und Herrschsucht einem fast Angst machen: Katarina Pilchova sang sich in einen hassdurchglühten und triumphierenden Wahn und rutschte dabei glanzvoll-durchschlagskräftig die Oktaven ihrer Rolle rauf und runter.

Was aber, wie so oft im Schlosshof von Amerang, geschah: Die Nähe zum Geschehen und zum Orchester brachte die Musik zum Leuchten und zeigte, was diese Oper ausmacht, mit der Verdi erst wirklich zu Verdi wurde: die Abfolge mitreißender Kavatinen, prägnanter Ensembles, feurig-kurzer Sequenzen sowie der geradezu wilde, leidenschaftliche Duktus.

Dirigent mit ruhiger Hand

All dies ließ der Dirigent Patrick Murray mit ruhiger Hand aus dem kleinen Orchester lodern und ließ damit erkennen, was die Kunst Verdis ausmacht: Rhythmus und Instrumentationskunst. Sehr schön hörte man, wie jede Arie musikalisch andersfarbig gemalt war, wobei sich das Cello und die Flöte besonders hervortaten. Nur das Horn konnte nicht immer, wie es sollte. Die Zuhörer im ausverkauften, aber Corona-bedingt natürlich nicht vollen Schlosshof spendeten häufigen Zwischenbeifall und waren höchst begeistert von dieser zwar szenisch reduzierten, musikalisch aber überschäumenden Inszenierung.

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