Faszinierende Charaktere aus Fleisch und Blut

Roswitha Gruber: Sommer erde – Eine Kindheit als Magd. Rosenheimer Verlagshaus, 12,95 Euro.

Erfahrungsgemäß gehören Jugendliche nicht zur Leserschaft der in Reit im Winkl lebenden Autorin Roswitha Gruber, die sich in die Psyche und Gedanken starker Frauen einfühlen kann und deren Lebenswege in Romanform gestaltet.

Doch gerade die Jugend könnte durch die Lektüre solcher Bücher in die Lebensumstände älterer Generationen eintauchen und von der Erfahrung der Protagonisten lernen. So erzählt Gruber in ihrem Roman „Sommererde – Eine Kindheit als Magd“, der zur Zeit auch als Fortsetzungsroman in dieser Zeitung erscheint, über eine aus Südtirol stammende Familie aus der Perspektive der 1938 geborenen „Mizzi“.

Sämtliche Fakten dieser ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Handlung hat die Autorin genau recherchiert, hat mit der Protagonistin lange Gespräche geführt und deren Aufzeichnungen über ihre Familie studiert. Das Ergebnis ist eine breit angelegte Familiengeschichte, deren Handlung 1872 mit der Geburt der Großmutter Maria in einem Dorf im Südtiroler Vinschgau einsetzt. Maria ist die Tochter eines armen Bergbauern und muss nach dem Tod der Mutter als 14-Jährige ihre zwölf Geschwister aufziehen. Um ihre große Liebe, einen Zimmermann, heiraten zu können, ist sie gezwungen, ihren Beruf als Lehrerin aufzugeben.

Entbehrungen und harte Arbeit treffen ab 1918 auf Marias zehnjährige Zwillingstöchter, die die inzwischen siebenköpfige Familie ernähren und sich als Mägde in Wäschereien und Gasthäusern verdingen müssen. Johanna, genannt „Hanni“, eine der Zwillinge, ist die Mutter der Ich-Erzählerin Mizzi. Ihre schicksalhaften Erlebnisse nehmen einen Hauptteil des Buches ein. So wird anschaulich geschildert, wie sie 1932 in Meran ihren Ehemann Rudolf kennenlernt und mit ihm zwei Jahre später nach Bozen zieht.

Die ereignisreichen biografischen Handlungen verknüpft die Autorin immer wieder mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund. So erfährt man beispielsweise, wie Großmutter Maria während der Italienisierung Südtirols durch die Faschisten ab 1922 den Dorfkindern als „Katakomben-Lehrerin“ heimlich Deutsch-Unterricht erteilt oder Rudolf 1939 aufgrund der „Option“ ein Opfer des Bündnisses zwischen Hitler und Mussolini wird. Arbeitslos geworden muss er mit Ehefrau Hanni und Tochter Mizzi nach Ruhpolding ziehen. Um seine Familie nicht zu gefährden, revidiert er dort 1943 seinen ursprünglichen Plan, sich durch Fahnenflucht der Einberufung an die Ostfront zu entziehen, nachdem er erfahren hat, dass in einem ähnlichen Fall die Familie in KZ-Sippenhaft genommen worden ist.

Fast leitmotivisch tragen viele Zufälle dazu bei, Schlimmstes für die Familie zu verhindern, wie etwa als die sonst pünktliche Hanni mit Tochter Mizzi im April 1945 den Zug nach Traunstein versäumt: „Denn genau während der Zeit, in der wir in Traunstein auf den Anschlusszug nach Rosenheim gewartet hätten, war der Bahnhof dort bombardiert worden.“

Durch ihr großes Einfühlungsvermögen und ihre klare Sprache gelingt es Roswitha Gruber, Charaktere aus Fleisch und Blut faszinierend zu schildern. Bis in die Gegenwart – Mizzi und Karl können 2014 ihre goldene Hochzeit feiern – erfährt der Leser die Schicksale der näheren Verwandten und kann sich ein Bild über die Lebensumstände seiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern machen.

Richard Prechtl

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