Das Theater "...und sofort" zeigt zeitgenössische Hamlet-Version

Fabelhafte Theaterkunst

Hamlet (Heiko Dietz, vorne) ist tödlich vergiftet. Hinter ihm sind Königin Gertrude (Sarah Camp), ein Diener (Andreas Wunnenberg) und König Claudius (Johannes Haag).
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Hamlet (Heiko Dietz, vorne) ist tödlich vergiftet. Hinter ihm sind Königin Gertrude (Sarah Camp), ein Diener (Andreas Wunnenberg) und König Claudius (Johannes Haag).

Shakespeares Drama "Hamlet" beschreibt einzigartig eine unabwendbare Spirale familiären Unglücks. Das Gastspiel des Münchner Theaters "...und sofort" im Theater Belacqua erwies sich für das Publikum hingegen als wahrer Glücksfall. Denn Heiko Dietz' moderne Inszenierung der Rachetragödie bot fabelhafte Theaterkunst.

Auch vier Jahrhunderte nach ihrer Erscheinung hat die Tragödie um den Dänenprinzen nichts von ihrer Genialität verloren. "Hamlet" zählt zu den meist gespielten Shakespeare-Stücken unserer Zeit. Textfragmente wie "Sein oder nicht sein" oder "Etwas ist was faul im Staate Dänemark" sind auch Theatermuffeln ein Begriff.

Hamlet kehrt nach Studien in Wittenberg zurück in seine Heimat. Am Hof zu Helsingör erscheint dem Prinzen der Geist des kurz zuvor verstorbenen Vaters. Die Spukgestalt klagt Ehefrau und Bruder des Königsmordes an. Onkel Claudius ist jetzt neuer Dänenkönig und hat sogleich Hamlets Mutter Gertrude zur Frau genommen. Der Geist des toten Vaters drängt den Sohn zur Rache. Hamlet sinnt auf Vergeltung und spielt einstweilen den Wahnsinnigen. Darunter leiden Freunde und vor allem Ophelia. Lange Zeit umwarb Hamlet die Tochter des Kämmerers Polonius, jetzt aber weist sie der vermeintlich Irre schroff zurück. Zudem lässt Hamlet ein Schauspiel aufführen, das den Königsmord thematisiert. Claudius erkennt, dass Hamlet die Tat durchschaut hat. Er beschließt, den Neffen aus dem Weg zu räumen. Die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten.

Heiko Dietz, der auch den Hamlet ausdrucksstark spielte, inszenierte die Tragödie um den Dänenprinzen in schnellen Bildabfolgen wirkungsvoll gestrafft. Konservativen Shakespeare-Fans mag der eine oder andere Monolog vielleicht ein wenig zu kurz geraten sein. Die Schlüsselszenen jedenfalls wurden stets klar herausgearbeitet. Bisweilen erinnerte der Aufmarsch der Darsteller an eine Familienaufstellung. Sarah Camp spielte Gertrude, Mascha Müller gab Ophelia. Johannes Haag glänzte in der Rolle des mörderischen Claudius. An Hamlets Seite stand Wolfgang Haas als Freund Horatio. Dieter Fernengel, Dorian Hannig, Thomas Koch, Ben Lange, Josef Pfitzer und Andreas Wunnenberg machten den Hofstaat komplett.

Die moderne Informationsgesellschaft jedenfalls hatte Helsingör erreicht. Statt berittener Boten bediente man sich des Handys. Die Palastwache verfolgte den Geist am Monitor und auch Hamlet bekam seinen Racheauftrag via Flachbildschirm übermittelt. So nahm die unheilvolle Handlung ihren Lauf. Alkohol und Drogen waren am Hof zu Helsingör geschätzte Begleiter. Hamlet kippte sich mit Wodka zu, Widersacher Claudius hingegen griff lieber gleich zum Kokain. So dramatisch die Handlung auch war, die moderne Inszenierung harmonierte mit Shakespeares Sprache und brachte eine erfrischende Leichtigkeit in das Geschehen. Es folgte das Unvermeidbare: Die innerfamiliären Konflikte wurden mit Pistolen und Game-Controllern ausgetragen anstatt mit Schwertern und Degen und kosteten alle direkt Beteiligten das Leben.

Das Drama präsentierte sich als schauerliche Geistergeschichte, Familiensaga und Krimi aus einem Guss. Es bestätigte einmal mehr die alte Regel, dass die finstersten Geschichten zumeist die allerbesten sind. So blieb es dann auch nach dem berühmten Schlusssatz "Der Rest ist Schweigen" nur ganz kurz still. Es folgte ein wahrlich verdienter Schlussapplaus.

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