FOTOPROJEKT IN ROSENHEIM

Esther Bauer will der Corona-Krise ein Gesicht geben

80 Konzerte sind wegen des Lockdowns im „Le Pirate“ ausgefallen. Die „Pirate“-Macher (von links) Thomas Jonas, Gregor Bürger, Michael Keul, Katja Ritter, Susi Weiss und Wolfgang Lentner
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80 Konzerte sind wegen des Lockdowns im „Le Pirate“ ausgefallen. Die „Pirate“-Macher (von links) Thomas Jonas, Gregor Bürger, Michael Keul, Katja Ritter, Susi Weiss und Wolfgang Lentner.
  • vonRainer W. Janka
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Die in Rosenheim aufgewachsene Fotografin Esther Bauer will mit ihrem Projekt „Menschenbild – sichtbar im Jetzt“ auf die Situation der vielen Menschen eingehen, die in der Pandemie in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind. Auch in ihrer Heimatstadt hat sie dafür Menschen vor die Kamera geholt.

Rosenheim/Erding – Im Schneegestöber stehen Thomas Jonas und seine Mitstreiter mit Masken vom Rosenheimer Jazzlokal „Le Pirate“ vor ihrem Lokal, dessen Schriftzug im Schwarzweiß des Fotos orange aufleuchtet, und halten ein Schild vor sich, auf dem steht: „80 ausgefallene Konzerte“. Genauso stehen Georgia und Erik Brodka samt zwei Angestellten maskiert vor ihrem Wirtshaus „Zum Augustiner“ in Rosenheim, auf ihrem Schild steht: „22 Mitarbeiter“.

„Menschenbild – sichtbar im Jetzt“ zeigt die Welt schwarz-weiß

Die Fotos stammen von Esther Bauer aus Erding. Sie hat ein Projekt gestartet, das sie „Menschenbild - sichtbar im Jetzt“ nennt. Sie fotografiert in strengem Schwarzweiß die Menschen der Betriebe, die von der Schließung betroffen sind, vor ihren Läden oder Betriebsgebäuden mit einem Whiteboard, auf das prägnante Zahlen geschrieben sind.

Georgia und Erik Brodka (links) zeigen vor ihrem Lokal „Zum Augustiner“ in Rosenheim die Zahl ihrer Mitarbeiter. Georgia und Erik Brodka (von links) zeigen vor ihrem Lokal „Zum Augustiner“ in Rosenheim die Zahl ihrer Mitarbeiter. Zwei von ihnen, Restaurantleiter Florian Zweckstetter und Koch Bernhard Brunner sind mit auf dem Bild.

Fotografiert hat sie unter anderem eine Reitschule in Parsdorf, die den Kindern, obwohl nur im Freien unterrichtet wird, keine Reitstunden mehr geben darf. Auch ein Busunternehmen in Erding, das alle seine Buse abgemeldet hat, ein Fitnessstudio in Moosinning, das Einzelbetreuung und Training draußen anbietet besuchte Bauer.

Für das Projekt „Menschenbild - sichtbar im Jetzt“ machte sich Esther Bauer ebenfalls auf zu einem Schmuckgeschäft, das schon seit 30 Jahren besteht und alle sieben Mitarbeiterinnen vor dem Geschäft für das Foto aufreiht, einen Buchladen in Erding und ein Friseurgeschäft mit fünfzehn Mitarbeiterinnen.

Einem Näh- und Bügelservice in Taufkirchen an der Vils wollte sie auch ein Gesicht geben. Das Unternehmen wird von zwei jungen Frauen betrieben: Sie hatten ihr Geschäft am 1. März 2020 eröffnet und mussten zwei Wochen später schon wieder zusperren.

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Auch ein Kleiderkette ist dabei, die ihre Kleider nicht online anbieten darf, da sie „nur“ ein Franchise-Unternehmen betreibt und deswegen nicht online verkaufen darf. Auch einen Theaterverlag hat sie besucht und fotografiert, den Wilhelm-Köhler-Verlag, der seit Monaten schon keine Theaterhefte verschicken kann, weil nichts gespielt wird.

Die Bilder sind auf ihrer Facebookseite „Esther Bauer Weibsbilder“ zu sehen, wo sie auch mit den Betriebsbesitzern spricht und sich die Auswirkungen der angeordneten Schließung erzählen lässt.

„Da sind Sachen, da haut’s Dir den Schalter raus!“

„Angefangen hatte ich mit der Idee, wirklich nur zu demonstrieren, wie viele Mitarbeiter ein Einzelhändler hat, die er immer noch bezahlen und für die er immer noch Sozialabgaben leisten muss“, erzählt Esther Bauer. „Dann hab‘ ich aber immer mehr hinter die Kulissen geschaut. Da sind Sachen dabei bei dem, was ich mitkriege, da haut’s Dir den Schalter raus!“, sagt Esther Bauer hochengagiert. Viele Einzelunternehmen hätten keine staatliche Unterstützung in Anspruch genommen aus Angst, alles später zurückzahlen zu müssen.

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Was möchte die Fotografin mit ihrer Aktion bewirken? „Es geht mir um die Sichtbarkeit sowohl von mir als auch von den Menschen, die durch den Lockdown betroffen sind. Denn es kommt ja keiner richtig zu Wort“, antwortet Frau Bauer. Die Fernsehsender würden ja meist nur Passanten oder die großen Firmen befragen.

„Wir Kleinen kommen nicht zu Wort“, klagt Esther Bauer – die jüngst auch einen Antrag auf Hartz 4 gestellt hat, denn auch ihr Gewerbe als Fotografin steht still. „Wir können uns zeigen!“, ruft sie emphatisch aus. „Ich hab‘ mir gedacht: Lass Bilder sprechen!“ Bei aller merkbaren Betroffenheit wirkt Esther Bauer doch fröhlich-optimistisch.

Weiteres Projekt „Durch die Scheibe gesehen“ zeigt geschlossene Lebenswelten

Ein weiteres Fotoprojekt heißt „Erding durch die Scheibe“: Dabei fotografiert Esther Bauer die Schaufenster der geschlossenen Geschäfte und auch die Spiegelungen, die sich ergeben. In Rosenheim zum Beispiel sitzt im Fenster des geschlossenen „Augustiner“ eine Puppe mit bunten Haaren, in der Spiegelung sieht man den menschenleeren Max-Josefs-Platz. Nur zu gerne würden die Wirtsleute und Geschäftsinhaber wieder echte Menschen bedienen und nicht nur „Menschenbilder“ sehen.

Esther Bauer.

Zur Person

Esther Bauer wurde 1971 in Rosenheim geboren und hat in Rosenheim die Mädchenrealschule besucht. Nach der Mittleren Reife absolvierte sie beim Fotostudio Löfflad eine Fotografinnenlehre und arbeitete dann bei der Bildstelle der Bundeswehr in Erding.

Nach verschiedenen beruflichen Stationen – sie arbeitete als Visagistin und hatte ein eigenes Wäschegeschäft – hat sie sich September 2019 in Erding als Fotografin selbständig gemacht – und dann kam im März 2020 die Corona-Pandemie.

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