Robert Sattler zeigt in seinem Programm alle Seiten Ludwig Thomas

Ein erotischer und frivoler Thoma

Robert Sattler als Professor Dr. Travnizek. Foto  jacobi
+
Robert Sattler als Professor Dr. Travnizek. Foto jacobi

Wer glaubte, schon alles über Ludwig Thoma zu wissen, dem zeigte Robert Sattler alias Bob Sattle neue Seiten des bayerischen Literaten auf. Der Musiker und Entertainer agierte bei seinem Ludwig- Thoma-Abend im Rosenheimer Tam-Ost in einer Doppelrolle. Als Professor Dr. Travnizek, Historiker an der Universität aus Wien, referierte er über Thomas Werk und Leben, authentisch in Sprache und Gestik eines österreichischen Geschichtskundigen. Als Bob Sattle würzte und bereicherte er den Vortrag mit Musik und deftig bis frivolen Gedichten des Schriftstellers, der heuer seinen 90. Todestag hat.

Stimmig gab er mit seinem Lied "Mehr Schein als Sein" den Einstieg zu einem so amüsanten, wie tief- und scharfsinnigen Programm. Mit Brille und Fliege um den Hals war er der Professor. Ein Dreh der Halsbinde nach hinten, ein Griff zur Gitarre und der Entertainer und Musiker kam zum Zug. Ludwig Thomas phänomenale Respektlosigkeit vor jedem und allem zeigte sich schon in den Lausbubengeschichten und zog sich weiter durch sein ganzes Leben. Weniger bekannt sind seine meist antisemitischen Hetzartikel gegen die Regierung in Berlin und die Sozialdemokratie. Rassismus prägte seine Lebensendphase.

Robert Sattler wandte sich nach Beleuchtung dieser späten dunklen Seite in Thomas Charakter wieder dessen brillantem Humor und seinen kompromisslosen Satiren zu. Die Zeit als Rechtsreferendar in Traunstein brachte der Redner sehr gelungen zur Sprache, nicht ohne einzuflechten, dass sich in mancher Beziehung dort nicht viel geändert hat. Natürlich schoss Thoma auch mit scharfer Munition auf die Kirche, die Angriffsflächen waren damals wie heute groß genug. Da passte das Lied vom "Pater Gabriel", bei dem Bob Sattle ganz andere Beichtgeheimnisse aufdeckte, famos. Auch die Kapuziner, Jesuiten und der übrige Klerus wurden kräftig abgewatscht.

Über die Moral, besonders die der höheren Gutbürger, hat sich Thoma nicht nur in seinem gleichnamigen Stück ausgelassen, und Robert Sattler fügte bei den Ausflügen ins Dichterwerk stets seine aktuellen Bonmots hinzu, ironisch und treffend. In seinen Gstanzln und Liedern zur Gitarre gab er den verschiedenen Themen passend die musikalische Entsprechung, mal keck, dann wieder mit erotischem Touch, witzig und kritisch. Die Gedichte von Thoma, die er auswählte, ergänzten die Ausführungen durch ihrem Sarkasmus, Humor und ihre Schärfe vorzüglich.

Nicht vergaß Robert Sattler natürlich das Kapitel "Thoma und die Frauen", nahmen sie doch in seinem Leben breiten Raum ein. Ja, er war ein "Weiwara", oder ein "Womanizer", wie man es heute formuliert. Neben unzähligen Amouren war er sozusagen zwischendurch auch einmal verheiratet und kaufte seine Zukünftige, eine exotische Philippina, ihrem Ehemann für 16000 Reichsmark ab. Seine große spätere Liebe aber war Maidi von Liebermann. Ihr schrieb Thoma 800 Liebesbriefe und Bob Sattle gab Einblick in einer gewollt überspitzten Lesung einiger euphorischer Liebesbezeugungen im Briefwechsel beider. Thomas "Warnung vor Paris" brachte er mit köstlicher Ironie zur Geltung. Beim Gedicht über die Gewohnheit verlieh er den scharfen und kritischen Gedanken des Literaten zu Mord und Totschlag und dem "heiligen Krieg" den nötigen Ausdruck. Mit "Creuza de mä", einem Lied von Fabrizio De André, der in seinen Anprangerungen Thoma nicht nachstand, ließ Bob Sattle sein Programm anrührend ausklingen. Er hatte die kämpferischen Strophen so ins Bayerische übertragen, dass Ludwig Thoma seine Freude daran gehabt hätte. "Nix hod si gändert in de hundert Johr" zog er als Historiker das Resümee.

Das Publikum hatte einen Abend mit anspruchsvoller und amüsanter Unterhaltung genossen und dankte dem Künstler mit anerkennendem und langanhaltendem Applaus.

Kommentare