Enthemmte Tenöre

Bei den zwölf Tenören geht die Post ab. Foto janka
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Bei den zwölf Tenören geht die Post ab. Foto janka

Singen können sie alle gut, fast alle schauen auch gut aus, sich bewegen und tanzen können auch alle, und Popmusik- und Musical-erfahren sind sie sowieso: Was kann da schon schiefgehen, wenn zwölf solcherart erfahrene Tenöre sich zu einer Boy-Group mit hohen Tönen zusammenschließen und durch die Lande touren? Wenn dann noch eine Mini-Band den Begleitsound liefert und eine ausgeklügelte Lightshow Lichtorgien feiert, ist der Erfolg programmiert. Dass "The 12 Tenors" dann aber doch im ausverkauften Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum nicht nur Wohlfühlatmosphäre produzieren, sondern das durchwegs gediegene Publikum aufheizen, zum Toben, Trampeln und Tanzen bringen, ist schon erstaunlich und erfreulich.

Dass die softigen Arrangements alles, auch die im Walzertakt gehaltenen Songs, in eine Nähe zum Mitklatschmarsch bringen, stört da nicht weiter, auch nicht, dass die rockigen Songs, etwa ein "Queen"- und ein Michael-Jackson-Medley, etwas weichgespült wirken, auch nicht: Michael Jackson im Musikantenstadl. Hauptsache ist gute Laune. Und die herrscht immer. Vor allem, wenn Alexander Herzog, der am wenigsten Schlanke, sich als temperamentvoller Aufreißer und Anheizer entpuppt und seinen gewichtigen Körper in schwindelnd schnelle Schwingungen versetzt. Die Dicken sind doch immer die Lustigsten.

Die zwölf Tenöre verpoppen - Puristen würden sagen: verkitschen - auch klassische Melodien, ob "Solveigs Lied" von Edvard Grieg, das eigentlich von einem Mädchen gesungen werden muss, ob das Trinklied aus Verdis "La Traviata" oder gar "Nessun dorma" aus Puccinis "Turandot". Sie lassen auch gar nichts aus an Bühnenshowwirkungen: Zu "Kalinka" tanzen alle Zwölfe ausgelassen russisch, zu "Funiculi, Funicula" albern sie rum, zu "Volare" tanzt jeder mitreißend seine eigenen Figuren, zu "Delilah" animieren sie das Publikum zum Schunkeln und das unsterbliche "O sole mio" inszenieren sie als Sängerkrieg der Phonstärken. Hauptsache ist gute Laune.

Hatten die Tenor-Boys in "Good Vibrations" von den Beach Boys schon den Saal gerockt und in einem James-Bond-Medley mit Filmmusik-Pathos sich in die Zuhörerherzen gesungen, steigerten sie sich noch im "Queen"-Medley, in dem das Publikum begeistert mit Füßen und Händen mitrockte: eine Temperaments-Show, die alle mitriss, noch mehr gesteigert nur noch durch die Joe-Cocker-Zugabe: In "You Can Leave Your Hat On" zog sich einer der schönen Tenorboys bis aufs Hemd aus: enthemmte Tenöre! Und die gute Laune näherte sich dem Siedepunkt.

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