Eine neue Biografie spürt verstorbenem Dirigenten Enoch zu Guttenberg nach

Enoch zu Guttenberg (Zweiter von rechts) bei der 50-Jahr-Feier seiner Chorgemeinschaft Neubeuern mit den damals noch aktiven Gründungsmitgliedern (von links): Fritz Vornberger, Amalie Scherer und Heinz Baumgartner.
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Enoch zu Guttenberg (Zweiter von rechts) bei der 50-Jahr-Feier seiner Chorgemeinschaft Neubeuern mit den damals noch aktiven Gründungsmitgliedern (von links): Fritz Vornberger, Amalie Scherer und Heinz Baumgartner.
  • vonRainer W. Janka
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Zwei Jahre nach dem Tod von Enoch zu Guttenberg, dem Gründer und Leiter der Chorgemeinschaft Neubeuern, ist eine Biografie des charismatischen Dirigenten erschienen. Der Journalist Georg Etscheit hat sie noch zu Guttenbergs Lebzeiten begonnen und nach Recherchen und Interviews mit über 40 Personen, fertiggestellt.

Neubeuern – Der Titel „Musizieren gegen den Untergang“ deckt nur zwei Lebensbereiche Guttenbergs auf, das Buch selbst bietet wesentlich mehr: Es beschreibt Guttenberg als Adligen mit einer Vorliebe für Jagd, Reiten und Kutschfahrten, als Unternehmer, der ein marodes Erbe glanzvoll restauriert hat, als Familienmenschen, dessen Familienleben oft turbulent war, als Politiker, der den BUND (Bund Naturschutz) gegründet hat, zuerst gegen die Umweltzerstörung und am Ende gegen die Verschandelung der Landschaft mit Windrädern wütete, und nicht zuletzt als Musiker, der mit „seiner“ Chorgemeinschaft Neubeuern Weltruhm erreicht hat.

Widerstände und Widersprüche

Guttenbergs Tragik war nicht nur, dass er anfangs als Sohn von Karl Theodor zu Guttenberg, dem berühmten Kanzleramts-Staatssekretär, galt und am Ende als Vater von Karl-Theodor zu Guttenberg, dem Wirtschafts- und Verteidigungsminister, der wegen seiner plagiierten Doktorarbeit zurücktrat.

Georg Etscheit: „Musizieren gegen den Untergang. Der Dirigent und Umweltschützer Enoch zu Guttenberg. Ein biografisches Porträt“, Schott Musik, ISBN 978-3-95983-611-1, 256 Seiten, 22.99 Euro (Paperback). rwj

Seine Tragik war auch, dass er in jeder seiner Lebensrollen mit enormen Widerständen und auch persönlichen Widersprüchen zu kämpfen hatte: Als Adliger mit der Verachtung seiner Standesgenossen, weil er Musiker sein wollte („Ein Aristokrat lässt spielen, er spielt nicht selbst!“) als Unternehmer mit dem Management, das das Familienerbe ruiniert hatte, als Familienmensch, dessen standesgemäße erste Ehe und dann die nächste aus Liebe gegen seinen Stand scheiterten, als gottsuchender Agnostiker oder „Atheismusgaukler“ (so sagte sein Sohn Karl-Theodor über ihn), der in den Bach’schen Passionen den verlorenen Kinderglauben suchte, als Umweltpolitiker, der am Ende den eigenen Umweltverband bekämpfte, und nicht zuletzt als Dirigent, der anfangs gegen das Vorurteil ankämpfen musste, er habe seine Karriere „erkauft“. Friede und Versöhnung mit all seinen Rollen fand er erst am Ende in der Liebe zur Sängerin Susanne Bernhard – als er es zu wenig genießen konnte.

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Etscheit charakterisiert ausführlich Guttenbergs Mentor Karl von Feilitzsch, den „knorrigen Wertkonservativen und konvertierten Traditionskatholiken“, den Komponisten und Philosophen, der schon Umweltpolitik betrieb, als man das Wort noch nicht kannte. Einen gewichtigen Teil widmet Etscheit – da zeigt sich der politische Journalist – Guttenbergs Engagement als Umweltschützer, der immer wieder auch seine Konzerte in diesem Sinne instrumentalisierte und damit viele vor den Kopf stieß.

Es begann in Neubeuern

Guttenbergs musikalische Karriere beschreibt Etscheit ausführlich: Wie der junge Enoch aus Liebe zu einem adligen Mädchen nach Neubeuern kam – und dort 50 Jahre lang blieb. Etscheit räumt auch mit dem gängigen Vorurteil vom „Bauernchor“ auf: Es waren deren vier.

In das Herz des „Wunders von Neubeuern“ allerdings, die innige Verbindung zwischen „Guttei“ und seinen Neubeurern, dringt Etscheit nicht.

Das „Wunder von Neubeuern“

Dabei ist es ganz einfach: Für Guttenberg war es, wie er selber zur 50-Jahr-Feier des Chores sagte, „die Liebe meines Lebens“ – und die Neubeurer Sänger liebten heftig zurück. Bei seinen Neubeurern fand Guttenberg die Ruhe, die er immer suchte, am Küchentisch zum Beispiel von Hildegard Eutermoser konnte er sich entspannen. Die leitete nicht nur das „Musikbüro Neubeuern“, sondern war ihm persönliche Sekretärin, Ratgeberin und oft Trösterin. Der Autor hätte ihr ruhig ein ganzes Kapitel widmen können.

„Dirndl meets Laura Ashley“

Etscheit schreibt flüssig, anschaulich und lebendig und formuliert griffige Zwischentitel: „Dirndl meets Laura Ashley“ übertitelt er die Episode, als Guttenberg zusätzlich den großbürgerlichstädtischen Frankfurter Cäcilien-Verein übernimmt. In Abgrenzung zum pietistisch-evangelischen Münchner Bach-Chor benennt er Guttenbergs katholische Bach-Interpretation als „sinnenfrohen Zwiebelturm-Ultramontanismus“. Mal schießt er aber auch übers Ziel hinaus, wenn er Guttenberg als einen „musikalischen Borderliner“ apostrophiert.

Genau schildert Etscheit Guttenbergs musikalischen Weg von Neubeuern über die erste „Auslandsreise“ nach Kufstein über München, Paris, Madrid, dann Buenos Aires und China, bis schließlich die Auftritte in der New Yorker Carnegie Hall und im Wiener Musikvereinssaal die Krönung bilden.

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Die letzte Traumerfüllung waren seine „Herrenchiemsee-Festspiele“. Dabei wollte Guttenberg, der absolute „Bekenntnismusiker“, nie bloße musikalische Ästhetik, er wollte Überwältigung, Erschütterung: „Schön ist Scheiße!“, formulierte er drastisch. Guttenbergs künstlerischem und philosophischem Sparrings-Partner Klaus-Jörg Schönmetzler, dem verstorbenen Kulturreferenten des Landkreises Rosenheim, widmet Etscheit etwas mehr als zwei Seiten – es hätten ruhig mehr sein dürfen. Entsprangen doch die von Etscheit so gerühmten innovativen Konzertprogramme der Herrenchiemsee-Festspiele zum großen Teil Schönmetzlers Gehirn.

Das insgesamt berührende Buch endet ganz anrührend: „Guttenberg…hatte gegen mannigfaltige Widerstände sein Ziel erreicht, ein bedeutender Dirigent zu werden… Ganz am Ende war er vielleicht sogar ein glücklicher Mensch geworden.“

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