„In einem Ton sind alle Töne“: Komponist Peter Michael Hamel im Interview

Peter Michael Hamel. Kirchner

Aschau Der in Aschau im Chiemgau lebende Komponist Peter Michael Hamel, geboren 1947, erhält im Oktober den mit 10000 Euro dotierten Kaske-Musikpreis für sein Lebenswerk. Mit dieser Auszeichnung wurden schon György Ligeti, Pierre Boulez oder Mikis Theodorakis geehrt.

Herr Hamel, in der Ankündigung für den Kaske-Preis heißt es, dass Sie Ihre musikalischen Quellen aus allen Ländern der Erde schöpfen und Improvisation als Ihr zentrales Element des Musizierens gilt. Finden Sie sich in diesen Worten wieder?

Peter Michael Hamel: Ja und nein. Musik ist für mich Dialog, nicht Abgrenzung. Indische Musik ist für mich nicht einfach „Tempelmusik aus Indien“, sondern Hochkunst. Da fehlt mir beim Musikunterricht die Lehre der Weltmusik, die interkulturelle Kompetenz. Das nenne ich eurozentrische Arroganz. Musik kann seelische Verhärtungen auflösen und zu einem neuen, gleichsam entgrenzten Bewusstsein führen. Meine Musik orientiert sich nicht an klassischen Formmodellen, sondern an außereuropäischen Formen der Klangerzeugung. Die Improvisation als spontane Formulierung des momentanen Einfalls ist dabei zentral. Mein mittlerweile auf drei Bücher angewachsener Klavierzyklus „Vom spielenden Gelingen“ ist hier anregende Anleitung zum Improvisieren.

Setzt der Musikunterricht nicht heutzutage weniger auf Improvisieren als auf Interpretieren?

Hamel:Die Musikausbildung ist augendominiert, nicht in der Volksmusik, aber in der Klassik oder dem Jazz mit dem bezifferten Bass. Ich halte es da mit Carl Orff, der gesagt hat: „Jeder ist begabt, man muss es nur wieder entdecken.“ Schon als Fötus im Mutterleib nehmen wir Geräusche, Töne, Musik wahr. Das prägt und das gilt es wieder zu wecken, indem man beide Gehirnhälften aktiviert. Denn während die linke Gehirnhälfte für das Denken verantwortlich ist, zeichnet sich die rechte aus für Fantasie und Vorstellungskraft. Da müssen wir ansetzen, denn Improvisieren ist auch Fantasieren. Beim Interpretieren hingegen bin ich Ausführender, da muss ich ich bemühen.

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Was ist Ihr Lieblingsinstrument?

Hamel:Trommel und Tasteninstrument. Das Klavier kann ich auch mit Präparationen auch als Schlagzeugorchester gebrauchen, das indische Harmonium oder die Tanpura (eine gezupfte Langhalslaute mit obertonreichem Klang, Anmerkung der Red.) sind auch faszinierend, schließlich die Orgel, denn ich verehre Johann Sebastian Bach, Anton Bruckner und Olivier Messiaen. Aber am liebsten habe ich die menschliche Stimme. Beim Singen erklingt Mehrstimmigkeit, da sind in einem Ton alle Töne enthalten.

Über Peter Michael Hamel ist in der Reihe „Komponisten in Bayern“ auch eine Monographie erschienen. Mehr Infos dazu finden Sie hier.

Der Komponist und Musikpädagoge Carl Orff war Ihr Mentor; Dirigent Sergiu Celibidache hat Ihre erste Symphonie mit den Münchner Hamel: Philharmonikern uraufgeführte Inwieweit haben diese beiden Musiker Ihre Arbeit geprägt?

Orff hat Musikinstrumente aus aller Welt in seinem Schulwerk versammelt, diese Neugierde auf fremde Musik ist auch für mich ganz wichtig. Und Celibidache hat einmal gesagt: Musik kann man nicht machen, sie entsteht aus Klängen. Wenn also Musik entsteht, dann gibt es kein dazwischen, kein inter, und genau darauf kommt es an. Dann kann man sich in diesem einem Moment der Ewigkeit selbst vergessen. Dann spielt Es.

Interview: Elisabeth Kirchner

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