Eine Partnerschaft auf hohem Niveau

Rosenheim – Goethe und Christiane Vulpius, mit der er seit 1788 eine Beziehung hatte und die er 1806 ehelichte, haben sich Hunderte Briefe geschrieben, von denen allerdings nicht mehr alle erhalten sind.

Der Germanist Professor Dietmar Hundt hat in seinem sachkundigen Vortrag „Goethe und Christiane im Spiegel ihres Briefwechsels 1792 bis 1816“ im Künstlerhof am Ludwigsplatz die Briefe der Liebenden näher untersucht.

Federzeichnungen Goethes von Christiane, die sie als freundliches „Naturwesen“ oder schlafend auf einem Sofa im Gartenhaus zeigen, vermitteln anschaulich das Wesen der jungen Frau. Hundt widersprach der Behauptung Thomas Manns, dass Christiane „gründlich ungebildet“ gewesen sei. So existiert eine Zeichnung, auf der sie mit einem Buch auf dem Schoß zu sehen ist. Christiane, von Mann abschätzig als „kleines Blumenmädchen“ bezeichnet, stamme zudem wie Goethe aus der Mittelklasse, ihr Vater war herzoglicher Amtsarchivar.

Christiane führt Goethe den Haushalt, bietet ihm rundherum Wohlbefinden und hält auch ihr eigenes Zimmer im Haus am Frauenplan, in dem sie viele ihrer Briefe an den Geliebten schreibt, gründlich sauber. Dass Goethe in seinen Briefen an Christiane Wein und kiloweise Schokolade verlangt, amüsierte die Hörer.

LeidenschaftlicheLiebesbeziehung

„Viele der erhaltenen Briefe begegnen uns bei undifferenzierter Betrachtung fast wie traditionelle Liebesbriefe“, erklärte Hundt. Zunächst haben beide eine leidenschaftliche Liebesbeziehung. Goethe nennt Christiane seinen „lieben Engel“, für Christiane ist Goethe „ihr Einziger“, den sie „an ihr Herz drücken“ möchte, sie kann es ohne ihn vor Sehnsucht nicht aushalten. Gleichwohl führt das Paar eine offene Partnerschaft. Goethe hat diverse Affären, aber auch Christiane flirtet mit anderen Männern.

Als großartig bezeichnete es Hundt, dass Christiane, die von Goethes Eskapaden weiß, ein Jahr vor ihrem Tod schreibt: „Für mich ist nur noch entscheidend, dass Goethe glücklich ist“. Ihr Tod habe Goethe existen ziell betroffen gemacht.

Vom Weimarer Hof ist Christiane zunächst angefeindet worden, hatte aber im Kreis der Weimarer Mittelschicht durchaus Freunde.

Zu den Schauspielern und Sängern des Hoftheaters hält sie dauerhaft Kontakt, wird aber auch angepöbelt. Nach der Eheschließung 1806 wird sie langsam offiziell akzeptiert, selbst von Frau von Stein.

„Goethe und Christiane haben eine Partnerschaft auf hohem Niveau geführt“, erklärte Hundt. Christiane bildet sich, geht zweimal pro Woche ins Theater, häufig liest Goethe ihr aus seinen Werken vor. Der Dichter hat zu ihr unbedingtes Vertrauen, bittet sie beispielsweise, für ihn mit seinem Verleger Cotta zu sprechen und schickt ihr sogar „Top-Secret-Papiere“, die sie der Kanzlei überbringen soll.

So sei sie für Goethe eine unverzichtbare Gefährtin geworden. „Die Bedeutung Christianes für diese Partnerschaft“, so Hundts Resümee, „sollte man nicht unterschätzen.“ Georg Füchtner

Kommentare