„FESTIVO“

Eine echte Schubertiade

Standen für ein authentisches Hörereignis: Hornist Danilo Marchello, Zvi Meniker am Hammerflügel und Tenor Markus Schäfer. re

Aschau – Selbst bei beliebten Werken bekannter Komponisten gibt es noch viel zu entdecken.

Alles dreht sich um die Frage, welcher Klang kultiviert wird. Wer in die Vergangenheit lauscht, dem fällt auf, dass der heutige Standardklang kaum etwas mit den damaligen Realitäten zu tun hat. Bei den Streichern konnten sich beispielsweise die modernen, kräftigen Stahlsaiten erst um das Jahr 1900 durchsetzen. Das Hammerklavier hat hingegen mit dem modernen Flügel wenig gemein.

Umso spannender war die „Schubertiade“, zu der das Kammermusik-Festival „Festivo“ in den barocken Preysingsaal von Schloss Hohen aschau geladen hat. Franz Schubert in Originalklang wurde präsentiert: Kammermusik, Lieder und Klavierwerke. Im Zentrum stand der Pianist Zvi Meniker. Er spielte auf einem Hammerflügel, der ursprünglich um 1819 von der Werkstatt von Conrad Graf in Wien entworfen wurde.

Der Nachbau stammt von dem großen Klavierbauer Paul McNulty. Statt dem heutigen Filz haben die Hämmer einen Lederbezug, und die Saiten liegen nicht „über Kreuz“. Dadurch wird der Klang vielfarbener, transparenter und weicher. Genau davon profitierte schon allein der Tenor Markus Schäfer. Bereits im Schubert-Lied „Herbst“ D. 945 nach Ludwig Rellstab, mit dem der Abend begann, musste Schäfer nicht gegen ein oft stählernes Klavier ansingen. Zwischen dem Gesang und dem Hammerklavier erwuchs ein homogener Gesamtklang. Das wirkte wie eine einzige Stimme.

In der Rellstab-Vertonung „Auf dem Strom“ D. 943, mit der die „Schubertiade“ ausklang, trat noch ein Naturhorn hinzu. Ähnlich wie in „Der Hirt auf dem Felsen“, wo zusätzlich eine Klarinette vorgeschrieben ist, erweitert hier Schubert das Klavierlied um ein weiteres Instrument.

Auch das Naturhorn klingt ganz anders als die heute gebräuchlichen Ventilhörner. Wie sehr Schubert mit dem Naturhorn den Gesang in sich schlüssig erweitern wollte, offenbarte das sensible Spiel des Hornisten Danilo Marchello. Hier wurde das Horn im Grunde zu einer vollgültigen zweiten Gesangsstimme. Dazwischen behauptete sich Meniker als Solist und Streicher-Partner.

Mit der „Sonate für Arpeggione“ D. 821 stand ein Werk auf dem Programm, das für eine Kuriosität entstanden ist. Das Arpeggione wurde 1823 von Georg Staufer in Wien erfunden und verbindet die Spielweise des Cellos mit den sechs Saiten sowie den Bünden der Gitarre. Bei „Festivo“ erklang eine Fassung für Bratsche und Klavier. Dafür bespannte „Festivo“-Leiter Johannes Erkes seine Viola mit Darmsaiten.

Im Zusammenspiel mit dem Hammerflügel wurde eine unerhört feine, glasklar leuchtende Transparenz erreicht. Noch dazu haben Erkes und Meniker im Mittelsatz auf jedwede Sentimentalität konsequent verzichtet. Dazu wurde das Tempo nicht romantisierend gedehnt, sondern fließend genommen. Trotzdem blieb die lyrische Kantabilität in diesem Adagio-Satz ganz erhalten: ein Lied ohne Worte von berückender Schönheit.

Einen weiteren Höhepunkt markierten die „Moments musicaux“ D. 780. In den sechs Stücken für Klavier präsentierte sich Meniker als umsichtiger, stilgerechter Schubert-Exeget. Durch den spezifischen, bisweilen brüchigen Klang des Hammerflügels ließ sich das jenseitige Sehnen Schuberts überaus direkt erleben. Vor allem im zweiten Stück in As-Dur war der Klang im Grunde nicht mehr von dieser Welt. Ein starke „Schubertiade“ ist da gelungen, die diesen inflationär gebrauchten Namen wirklich verdient.

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